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Kanton will Velotunnel für Elektro-Töff öffnen

Stadt und Kanton sind sich über das Verkehrsregime im Velotunnel unter dem Hauptbahnhof uneins. Deshalb verzögert sich der Baubeginn um mindestens neun Monate.

Der Velotunnel unter dem Hauptbahnhof wird etwa 34 Millionen Franken kosten. Den grössten Teil übernimmt der Kanton. Foto: Doris Fanconi
Der Velotunnel unter dem Hauptbahnhof wird etwa 34 Millionen Franken kosten. Den grössten Teil übernimmt der Kanton. Foto: Doris Fanconi

Ende dieses Jahres hätten die Bauarbeiten für die nördlichen Zugangsrampen zum Velotunnel unter dem Hauptbahnhof starten sollen. So stellte es Zürichs Tiefbauvorstand Filippo Leutenegger (FDP) im Januar in Aussicht.

Nun zeigen Recherchen des «Tages-Anzeigers»: Daraus wird nichts. Dem Gemeinderat, der das Projekt bewilligen muss, liegt noch nicht einmal eine Weisung vor. Der Baubeginn verzögert sich um mindestens neun Monate, die Eröffnung ist frühestens im Herbst 2021 möglich. Und das, obwohl das Bauprojekt fertig ausgearbeitet ist. Aber die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons – unter Leitung von Leuteneggers Parteikollegin Carmen Walker Späh – hat der Stadt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Denn sie verlangt, dass der Tunnel auch für «möglichst viele» Elektro-Motorräder befahrbar sein soll.

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Der Haken an der Sache: Roller allein kann man im Tunnel nicht zulassen, da sie keine separate Fahrzeugkategorie bilden. Entweder man öffnet den Tunnel für alle Elektro-Motorräder, also auch für die ganz schweren Maschinen – oder nur für Elektro-Motorfahrräder (das sind jene mit Vignette auf der gelben Nummer). Der Kanton verlangt erstere Variante, also eine Durchfahrt für alle Elektro-Töff.

«Platzsparende und leise Fortbewegungsmittel sind nicht nur für die Nutzer selber ein Gewinn, sondern für die ganze Stadt.»

Filippo Leutenegger

Hauptargument sind die Baukosten von geschätzten 34 Millionen Franken. Den grössten Teil davon bezahlt der Kanton, denn für die regionalen Radwege ist er zuständig. «Wir sind der Meinung, dass man den Tunnel angesichts der hohen Kosten neben Fahrrädern für weitere Fahrzeuge öffnen sollte», sagt Jérôme Weber, Sprecher der Volkswirtschaftsdirektion.

Der Zürcher Stadtrat hingegen hat den Tunnel immer als Velotunnel und als zentralen Teil des städtischen Velo-Masterplans präsentiert.

Leutenegger mag Roller

Eine ganz andere Frage ist, ob Filippo Leutenegger diese Meinung teilt. Leu­ten­egger hat sich zum Start der Mobility-Elektroroller vor rund einer Woche begeistert über die Zweiräder gezeigt. Er sagte: «Platzsparende und leise Fortbewegungsmittel sind nicht nur für die Nutzer selber ein Gewinn, sondern für die ganze Stadt.» Seine Sprecherin Sabina Mächler schreibt zu den laufenden Diskussionen per Mail: «Es finden zurzeit stadtintern, aber auch mit dem Kanton Gespräche statt.» Diplomatisch gibt sich auch die Dienstabteilung Verkehr der Stadtpolizei. Sprecher Martin Guggi versichert: Sei der Tunnel in Betrieb, werde man in der Unfallstatistik ein Augenmerk darauf legen.

«Das ist wohl die Retourkutsche dafür, dass der Kanton bei Verkehrsthemen öfter bei der Stadt aufläuft.»

Dave Durner, Pro Velo

Im Zürcher Gemeinderat und bei Pro Velo sorgt die neue Entwicklung für Irritation. «Ich habe kein Verständnis für die Verzögerung», sagt FDP-Fraktionschef Michael Schmid. Dem pflichtet ­Markus Knauss bei. Knauss ist grüner Gemeinderat und Geschäftsführer des VCS. Er findet es «enttäuschend», dass sich der Bau verzögert. Noch viel mehr aber stören ihn die Pläne des Kantons, den Tunnel für Töff zu öffnen. Dies zum einen aus Sicherheitsgründen: «Will man sich Probleme einhandeln, dann macht man es genau so: Man lässt Fahrzeuge auf einer Infrastruktur verkehren, die für diese nicht ausgelegt ist.» Mit 5,3 Metern im Tunnel und teils nur 4 Metern auf der Zufahrtsrampe sei die Fahrspur sehr schmal. Zum anderen argumentiert Knauss mit dem regionalen Richtplan. Dort ist lediglich eine Veloroute eingezeichnet: «Für Motorräder brauchte es einen Strassentunnel, und dafür fehlt jede planerische Grundlage.»

Dave Durner, Geschäftsführer von Pro Velo, spricht gar von einer Mogel­packung: «Man hat für den Velotunnel vom Agglomerationsprogramm des Bundes Geld erhalten.» Sicherheitsbedenken wie Knauss hat Durner zwar nicht, sofern es beim geplanten Geschwindigkeitslimit von 20 bleibt. Aber er ärgert sich über eine weitere Änderung, die im Zuge des veränderten Verkehrsregimes zur Diskussion steht: Ein Teil der geplanten Abstellplätze in der Mitte des Tunnels soll für Motorräder zur Verfügung stehen. «Da werden wir uns im Gemeinderat einbringen», sagt Durner.

Keine Probleme mit den Töff hat hingegen FDP-Fraktionschef Schmid, im Gegenteil: «Ich hätte kein Verständnis, wenn der Tunnel nur für die moralisch ganz gute Mobilität geöffnet würde.»

Scheitert der Plan am Signal?

Letztlich wird sich der Gemeinderat wohl den Wünschen des Kantons beugen müssen. Denn für diesen ist offenbar klar: Entweder der Tunnel wird für Motorräder geöffnet. Oder er wird gar nicht gebaut. «Das ist wohl die Retourkutsche dafür, dass der Kanton beim Thema Stadtverkehr mit seinen Wünschen öfter aufläuft», sagt Pro-Velo-Geschäftsführer Durner.

Scheitern könnten die Pläne des Kantons womöglich wegen der eidgenössischen Signalisationsverordnung. Diese ist bindend, andere Strassenschilder als dort vorgesehen sind nicht zulässig. Aber es gibt kein Schild, das die Benutzung eines Tunnels für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor verbietet. Und in diesem Punkt sind sich Stadt und Kanton einig: Andere als Elektrofahrzeuge sollen den Tunnel nicht benutzen.

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