Die Zürcher Rosengarten-Lösung gibt es schon

Die Kombi Unten-Tunnel-oben-Tram ist in einer anderen Stadt fast fertig. Zürich hat sie besucht. Das Fazit?

Oben fährt das Tram, unten der Durchgangsverkehr: Visualisierung der «Kombilösung Karlsruhe». Foto: Kasig

Oben fährt das Tram, unten der Durchgangsverkehr: Visualisierung der «Kombilösung Karlsruhe». Foto: Kasig

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«Oben gut drauf, unten gut voran»: So lautet das Motto der «Kombilösung Karlsruhe», an der seit 2010 gebaut wird und die das Gesicht der 310'000-Einwohner-Stadt in Baden-Württemberg verändern wird.

Bei der Kombilösung handelt es sich um ein ehrgeiziges Verkehrs- und Städtebauprojekt zur Weiterentwicklung des Strassenbahnnetzes in der Karlsruher Innenstadt, das aus zwei eng miteinander verknüpften Massnahmen besteht: erstens dem Bau eines neuen Stadtbahntunnels unter der Kaiserstrasse, der 2020 fertiggestellt sein soll. Zweitens dem Umbau der Kriegsstrasse, auf der oberirdisch bis 2021 eine neue Strassenbahnlinie zwischen Velowegen und Baum­alleen entsteht und darunter ein 1,6 Kilometer langer Strassentunnel, mit dem die Kriegsstrasse von Autos entlastet wird.

Die «Kombilösung Karlsruhe» gilt als «Jahrhundertprojekt», wie auf der Website der Karlsruher Schieneninfrastruktur-Gesellschaft Kasig steht, eines Unternehmens der Stadt, das als Bauherrin für die Kombilösung fungiert. Die Gesamtkosten des Grossprojekts werden auf 1,08 Milliarden Euro beziffert.

Oben fährt das Tram, unten der Durchgangsverkehr: Das Modell des «Generationenprojekts» Rosengarten, Zürich. Foto: Stadt & Kanton Zürich

Die Tunnel-/Strassenbahn-Lösung in Karlsruhe weist auffällige Parallelen zum Projekt Rosengartentram & Rosengartentunnel in Zürich auf, wie auch aus Visualisierungen der beiden Bauvorhaben hervorgeht.

Das «Generationenprojekt» Rosengarten soll die Verkehrssünde aus den 1970er-Jahren in Wipkingen beseitigen: mit einem 2,3 Kilometer langen Strassentunnel unter dem Käferberg, der ab 2032 den Verkehr von der stark befahrenen Rosengartenstrasse übernehmen soll, damit oberirdisch Platz für das Tram und fürs Quartierleben frei wird.

Ende März hat der Zürcher Kantonsrat dem 1,1-Milliarden-Vorhaben klar zugestimmt, gegen den Widerstand von links-grüner Seite vor allem aus der Stadt Zürich. Weil aber der VCS bereits ein Referendum angekündigt hat, dürften die Stimmberechtigten im Kanton das letzte Wort haben.

Walker Späh auf Besichtigungstour

Dass in Karlsruhe bereits eine Autotunnel-Strassenbahn-Lösung am Entstehen ist, hat das Interesse der Zürcher Verkehrsplaner und Politiker geweckt. Ende März reiste eine Delegation unter der Leitung von Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) nach Karlsruhe, um sich dort unter anderem über die Kombilösung ins Bild zu setzen.

Offizieller Anlass für den Besuch war die vierte gemeinsame Verkehrstagung der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion und des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg, welche diesmal im Zeichen der digitalen Mobilität stand. Karlsruhe bot sich unter anderem wegen seiner Vorreiterrolle im automatisierten Fahren für die Tagung an.

Carmen Walker Späh besichtigte das Projekt in Karlsruhe. Foto: jau

Und welches Fazit zieht Walker Späh nach der Besichtigung der Kombilösung Karlsruhe? «Viele grosse Ballungsräume stehen vor der Herausforderung, nachhaltige Projekte sowohl für den öffentlichen Verkehr als auch für den Individualverkehr zu realisieren», sagt die Regierungsrätin. «In Karlsruhe ist es die Kombilösung, in Zürich planen Stadt und Kanton Zürich die Gesamtverkehrslösung am Rosengarten.» Das Projekt in Karlsruhe sei sehr interessant und zeige klar, dass die Verkehrsprobleme der Zukunft mit Kombi- beziehungsweise Gesamtverkehrskonzepten gelöst werden müssten.

Es gebe durchaus Parallelen zwischen den beiden Infrastrukturprojekten, sagt auch Achim Winkel, Sprecher der für den Bau der Kombilösung Karlsruhe verantwortlichen Kasig. Er war beim Besuch der Zürcher Delegation zusammen mit Walker Späh auf der Baustelle Kriegsstrasse. Ähnlichkeiten sieht Winkel aber nicht nur auf baulich-technischer Ebene. So habe es etwa auch in Karlsruhe zu Beginn der Planung heftigen Widerstand gegen das Bauprojekt gegeben, auch wenn dieser im Ausmass und an Intensität nicht vergleichbar gewesen sei mit den Protesten gegen das Verkehrs- und Städtebauprojekt Stuttgart 21.

Umstritten bis nach Bürgerentscheid

Zudem gab es in Karlsruhe 2002 einen Bürgerentscheid, der mit knapp 56 Prozent zugunsten der Kombilösung ausging. «Dieses Votum hat den Gegnern viel Wind aus den Segeln genommen, das Projekt war demokratisch legitimiert», sagt Winkel.

Als der Spatenstich 2010 näher rückte, flackerte erneut Widerstand auf. So wurden das Kosten-Nutzen-Verhältnis und die Gesamtwirtschaftlichkeit des Projekts infrage gestellt. «Lieber in Kindertagesstätten investieren!» oder «Stoppt das Millionengrab!» hiess es damals. Zudem tauchten diffuse Ängste vor baulichen Risiken auf – Teile der Innenstadt könnten einstürzen –, und der Einzelhandel befürchtete eine Verödung der City während der langen Bauzeit.

Massive Bauverzögerung und Mehrkosten

«Inzwischen ist der Widerstand nahezu verstummt», sagt Winkel. Dazu beigetragen habe etwa der Abschluss des Rohbaus des Teilprojekts Stadtbahntunnel, womit die oberirdisch sichtbaren Baustellen in der Fussgängerzone verschwanden und sich die Publikumsfrequenz in der Haupteinkaufsstrasse normalisierte. Wichtig sei auch eine offensive Kommunikation von Stadt und Bauherrschaft gewesen. Winkel: «Wir gehen häufig, regelmässig und ausserplanmässig mit allen Themen an die Öffentlichkeit, auch mit Mehrkosten und Verzögerungen.» Zudem zeige die Kasig bei Tagen der offenen Baustellen der Bevölkerung, was wie gebaut wird.

Tatsächlich lief es beim Bau der Kombilösung nicht immer rund. Von «Pleiten, Pech und Pannen» berichtet die Karlsruher Onlinezeitung Ka-news.de. So habe es massive Bauverzögerungen und Kostensteigerungen gegeben. Was schon 2016 hätte fertig sein sollen, ziehe sich bis 2021 hin, bei Baubeginn sollten die Tunnel 500 Millionen Euro kosten, aktuell ist von über einer Milliarde Euro die Rede.

Finanzierung stand auf der Kippe

2013 musste ein am Bau beteiligtes Konsortium Insolvenz anmelden, es gab technische Schwierigkeiten wegen zu lockeren Erdreichs und Hohlräumen, welche die Tunnelbohrarbeiten ins Stocken brachten. Immer wieder musste nach Resten von Kampfmitteln sondiert werden. Im Mai 2016 sorgte zudem der Bundesrechnungshof mit seinem «Nein» zum zweiten Teil der Kombilösung für Aufregung. Die Finanzierung stand plötzlich auf der Kippe, bis das Bundesverkehrsministerium wieder grünes Licht gab.

Derzeit ist das Megaprojekt auf Kurs: «Auch bei Teil zwei der Kombilösung, dem Autotunnel unter der Kriegsstrasse, geht es voran: Neben sowie unter dem Mendelssohnplatz sind im Betonbau inzwischen nicht nur Abschnitte der Tunnelsohlen entstanden, sondern auch bereits die ersten Aussen- und Mittelwände des Tunnels», berichtete Ka-news.de vor wenigen Tagen.

Erstellt: 26.04.2019, 09:39 Uhr

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