Der Plan zu den versteckten Trouvaillen im Quartier

Naomi Eggli und Donovan Gregorys Tribeka-Karte weist den Weg zur Schönheit der Stadtkreise 3 und 4.

Noch weiss Naomi Eggli nicht viel mehr, als dass ihr der Comic-Automat gefällt. Foto: Giorgia Müller

Noch weiss Naomi Eggli nicht viel mehr, als dass ihr der Comic-Automat gefällt. Foto: Giorgia Müller

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Die Schönheit eines Quartiers zeigt sich manchmal schon auf dem Stadtplan. Seit Mitte Dezember gilt für das Dreieck zwischen der Sihl, dem Gleisfeld und der Sihlfeldstrasse: Für diesen Triangel beim Kanzleiareal – kurz Tribeka – existiert eine eigene kleine schmucke Karte. Faltbar auf ein praktisches, handliches ­Quadrat, dezente Grafik, schöne Illustrationen, matte Farben, goldene Schrift mit edlem Glanz. Ein Plan mit 66 besuchenswerten Orten, und darüber hinaus einige sehenswerte Gebäude inklusive eines rostigen alten Strommasten an der ­Dienerstrasse.

Wer die Augen wie Donovan Gregory offen hält, findet Trouvaillen wie diese Leuchte. Foto: Giorgia Müller

Vor einem Jahr wurde die Idee im Kleinen (Format A 5) geboren. Für Tribeka, die Idee im Grossen, haben Naomi Eggli (24) und Donovan Gregory (41) «ihr» Dreieck während einer Woche systematisch abgelaufen. Es war eine Bestandesaufnahme mit erstaunlichen Erkenntnissen. Naomi Eggli sagt: «Ich war überrascht, was wir alles entdeckten.» Etwa all die Innenhöfe. Oder die Handwerksbetriebe, die man hier eigentlich nicht vermuten würde.

Die Liste mit einer ersten Auswahl umfasste mehr als 120 «erwähnenswerte Sachen», erzählen Eggli und Gregory in der Trace Gallery an der Militärstrasse. Da waren Läden, Restaurants, Galerien, Bars, Coiffeurs, Kinos. Die Auswahl sei nicht einfach gefallen, gemeinsam mit zehn Tribeka-Vertretern hätten sie die Sache ausdiskutiert. Dabei half der Gedanke, dass Tribeka mit der Zeit wachsen und dichter werden soll. In der Version 1/2016 versucht der Plan zu erfassen, was diesen Stadtteil ausmacht.

Über den Kartenrand schauen

Tribeka geht es darum, den Blick zu lenken. «Wir wollen die Leute auf etwas aufmerksam machen, damit sie die Schönheit des Quartiers wahrnehmen.» Und weil mit diesem schönen Plan nun die Gefahr besteht, dass fortan viele mit gesenktem Haupt durch die Kreise 3 und 4 schlurfen, lenken Eggli und Gregory den Blick unserer Leserinnen und Leser – Service!, gern geschehen – über den Rand des Plans hinaus auf die anderen kleinen Trouvaillen.

Telefonmast. Donovan Gregory wohnt seit 20 Jahren mehr oder weniger im Quartier. Es habe ihn überrascht, was er alles Unbekanntes gefunden habe: Galerien in Innenhöfen, Geschichten hinter Fassaden oder eben der wohl schönste Telefonmast der Stadt an der Dienerstrasse. Es sei ein lebendiges Quartier, sagt Gregory, die stete Veränderung mache es notwendig – oder möglich, je nach Blickwinkel –, das Quartier immer wieder aufs Neue zu erkunden.

Dusche. Ein gebogenes Rohr verrät die Geschichte des Zett-Hauses am Stauffacher. Die Dusche ragt, von unten gerade noch sichtbar, über die Dachkante. Früher hatte es dort oben einen Pool.

Statue. An allen Ecken gibt es Kunst. Donovan Gregorys Favorit steht auf dem Kasernenareal.

Automat. Er ist schön und steht einfach so da. Naomi Eggli hat ihn gesehen und war sofort fasziniert davon. Seine Geschichte wird sie recherchieren – und auf Tribeka.ch allen zugänglich machen.

Architektur. Im Tribeka hat es zahlreiche sehenswerte Gebäude. Einige markante sind auf dem Plan vermerkt und illustriert, andere versteckt. Zum Beispiel das WWF-Gebäude in einem Innenhof an der Hohlstrasse. Oder das ehemalige Stellwerk des Bahnhofs Wiedikon, ein kleines rostiges Blechhäuschen über den Gleisen. Manchmal ist das Schöne so offensichtlich, dass man vergisst, hinzusehen. Der Bahnhof Wiedikon, der einzige Reiterbahnhof der Schweiz, ist so ein Gebäude. Oder die heruntergekommenen Bauten rund um die Kaserne.

Platz. Eigentlich hatten sie ihre «perfekten Plätze» schon gekannt. Aber bei der Arbeit am Plan sei ihnen deren Qualität nochmals aufs Neue aufgefallen. Donovan Gregory liebt den Bullingerplatz, Naomi Eggli den Hallwylplatz.

Anker. Das Quartierwappen von Aussersihl ist das Logo von Tribeka. Es ist Naomi Eggli bei ihren Recherchen immer wieder begegnet. In Stein gemeisselt über Durchgängen in Innenhöfe, über Hauseingängen – und mancherorts flatternd auf Flaggen auf den Dächern.

Visuelle Rückenschmerzen

Tribeka ist eine Initiative von innen heraus. Aus dem Quartier – und auch für das Quartier: «Man kennt immer nur einen Bruchteil, hat seine Gewohnheiten und Favoriten», sagt Eggli. Tribeka ist auch eine Aufforderung ans Quartier: Es gibt im Fall noch mehr zu entdecken.

Zum Beispiel die vielleicht unbequemste Sitzgelegenheit der ganzen Stadt. Sie fällt beim Verlassen der Trace Gallery auf: die neue Bank, die eben nicht zum ­Verweilen einlädt. An der Bushaltestelle Kanonengasse steht sie, der steile Winkel der Rückenlehne verursacht bereits beim Hinschauen Schmerzen im Kreuz. Ist wahrscheinlich als Sitzgelegenheit getarnte Kunst.

Erstellt: 29.11.2016, 19:30 Uhr

Tribeka

TRIangel BEim KAnzleiareal

Am Anfang der Interessengemeinschaft Tribeka stehen die Geschäfte Soeder und Fabrikat. Sie haben erkannt, dass sie – trotz teilweise ähnlichem Sortiment – nicht Konkurrenten, sondern Mitbewerber sind. Und so haben sie vor einem Jahr zusammen quasi den Vorläufer der Tribeka-Karte lanciert: einen kleinen Guide für das Quartier, der neben Läden auch Bars, Restaurants, Galerien und Sehenswürdigkeiten rund um das Kanzlei-Areal auflistete und den sie ihren Kunden «mitgeben» wollten. Die Karte war ein voller Erfolg, daraus entstand die Idee für die Interessengemeinschaft Tribeka. Auf der aktuellen Version, die seit dem 17. November aufliegt, finden sich nun 66 Orte. Aktuell heisst: Tribeka plant, die Karte laufend auszubauen und alle sechs Monate eine aktualisierte Version zu drucken.

Neben der physischen Karte, die sich vor allem an Quartierfremde richtet, gibt es eine Plattform im Internet. Sie soll eine Art «Gelbe Seiten» für das Quartier sein. Entsprechend lebendig soll Tribeka.ch sein. (bra)

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