Katastrophenstimmung wegen Abbruch

Der Zürcher Stadtrat wolle das Globus-Provisorium abreissen, ohne einen Plan fürs Areal zu haben. Das kritisiert der langjährige Direktor des Amtes für Hochbauten.

Papierwerd-Areal ohne Globus-Provisorium: Diese Vision hat der Stadtrat im Februar konkretisiert. Bild: PD

Papierwerd-Areal ohne Globus-Provisorium: Diese Vision hat der Stadtrat im Februar konkretisiert. Bild: PD

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Der gestrige Tag mag für Filippo Leutenegger hart gewesen sein, aber einen Mitleidsbonus gab es für ihn trotzdem nicht. Nur wenige Stunden nach der unfreiwilligen Zürcher Stadtratsrochade fielen in einer Runde von Fachleuten Worte, die klarmachten, dass man den scheidenden Tiefbauvorsteher hier nicht gross vermissen wird.

Am Anlass, organisiert von der Studiengesellschaft für Bau- und Verkehrsfragen, ging es um den geplanten Abriss des Globus-Provisoriums. Und was diesbezüglich unter Leutenegger gelaufen sei, sei eine «Katastrophe» – das sagte nicht irgendeiner, sondern der Architekt Peter Ess. Er war zwölf Jahre lang Direktor des Amtes für Hochbauten und damit eine der einflussreichsten Figuren in Zürich, wenn es um Baufragen ging.

Sein Ärger macht sich fest am Umstand, dass der Stadtrat im Februar einen Projektwettbewerb angekündigt hat für die Transformation des Papierwerdareals, auf dem das Globus-Provisorium seit bald sechzig Jahren steht. Dieses solle abgerissen werden, damit an seiner Stelle ein öffentlicher Platz entstehe. Genau so, wie das ein vom Gemeinderat überwiesener Vorstoss der Grünliberalen verlangt.

«Dienst nach Vorschrift» statt Führung

Auf Kritik des Architektenbundes BSA an diesem Plan hat Leutenegger laut Mitglied Peter Ess geantwortet: Dies sei nun mal so verlangt worden vom Stadtparlament. Für den ehemaligen Hochbaudirektor ist unverständlich, dass der Stadtrat in dieser zentralen Frage «Dienst nach Vorschrift» macht und die Verwaltung «im stillen Kämmerchen» daran arbeiten liess, statt eine führende Rolle zu übernehmen.

Schliesslich handle es sich um die letzte innerstädtische Baulandreserve, und der Vorstoss der Grünliberalen habe ein entscheidendes Manko: Er kümmere sich nicht um die Frage, was für eine Funktion dieses Stück Land für Zürich habe, sondern argumentiere nur negativ. Konkret steht im Vorstoss, dass das Provisorium, «schnellstmöglich weichen» müsse, weil es «nicht ins übrige Bild der Innenstadt passt».

«Wenn sich zeigt, dass Freiraum das Wichtigste ist, kann ein Platz die Lösung sein. Aber erst muss man diese Debatte führen.»Peter Ess, ehemaliger Direktor Amt für Hochbauten

Das Hässliche soll also weg – das ist laut Ess wohl mehrheitsfähig. Aber man müsse sich auch fragen, wozu das Areal dienen soll. «Wenn sich zeigt, dass für die Bevölkerung dort ein Freiraum zur Erholung das Wichtigste ist, kann ein Platz durchaus die Lösung sein. Aber erst muss man diese Debatte führen.»

Der Stadtrat hätte laut Ess Spielraum gehabt, auf den Vorstoss anders zu reagieren als gleich mit einem Projektwettbewerb. Er habe sich da zu eng an die Vorgabe gehalten. Stattdessen hätte er einen Kredit beantragen sollen, um erst einmal eine «saubere Auslegeordnung» zu machen. Wie beim letzten Anlauf in den Neunzigerjahren, als der Gemeinderat zum Schluss kam, dass auf dem Papierwerdareal Platz für viele verschiedene Nutzungen sein müsse, unter anderem für einen Wochenmarkt.

Weil der Stadtrat dies versäumt habe, hoffen Ess und der BSA nun auf den Gemeinderat. Sie wollen diesen zum Innehalten bewegen, damit Zeit für grundlegende Gedanken bleibt, bevor man mit der Abrissbirne Tatsachen schafft. Das Geschäft wird dort seit kurzem von der zuständigen Kommission behandelt.

Grünliberale sind gesprächsbereit

Isabel Garcia, Fraktionschefin der Grünliberalen, zeigt sich offen, noch einmal darüber zu verhandeln – bis zu einem gewissen Punkt: «Solange am Ende nicht ein komplett gegenteiliges Projekt dabei rauskommt.» Denn die Grünliberalen seien keineswegs nur auf den Abriss fixiert, wie von Ess kritisiert, sondern hätten eine Vorstellung von der Funktion dieses Ortes. Es gehe ihnen darum, den Zugang zur Limmat zu öffnen und dort einen Ort mit Aufenthaltsqualität zu schaffen, der sich unkompliziert nutzen lasse. Zudem müsse man aufpassen, dass man das Areal nicht mit zu vielen Ansprüchen überfrachte und sich in Details verliere. Sonst passiere das Gleiche wie bisher noch jedes Mal: «Man steht am Ende mit gar nichts da.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.05.2018, 15:06 Uhr

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