Chef-Onkologe weg: «Das ist ein Riesenfehler»

Die Zürcher Uniklinik für Onkologie fusioniert mit der Hämatologie, ihr Chef wird somit überflüssig. Der Krebsforschung-Präsident kritisiert den Entscheid scharf.

Die Krebsbehandlung wird gerade revolutioniert. Die Forscher legen grosse Hoffnung auf die Immuntherapie. Foto: Simon Lambert/Laif

Die Krebsbehandlung wird gerade revolutioniert. Die Forscher legen grosse Hoffnung auf die Immuntherapie. Foto: Simon Lambert/Laif

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Es erscheint paradox: Krebs gehört zu den am weitesten verbreiteten Krankheiten unserer Zeit, unzählige Forschungsteams und Pharmafirmen auf der ganzen Welt suchen nach neuen wirksamen Behandlungsmethoden. Doch das Universitätsspital Zürich schafft die Chefarztstelle für Onkologie ab. Die Medienstelle bestätigt Recherchen des TA: «Der Lehrstuhl für Onkologie, verbunden mit der Klinikleitung Onkologie am Unispital, wurde ausgeschrieben. Allerdings konnte aus dem relativ kleinen Bewerberfeld kein geeigneter Kandidat berufen werden.»

Spitaldirektion und Spitalrat hätten daher entschieden, die Kliniken für Hämatologie und Onkologie zu fusionieren. Der bisherige Hämatologie-Chef Markus Manz wird Chef über beide Fachbereiche. Ob auch die zwei Lehrstühle zusammengeführt werden, müssen die Universitätsleitung und der Universitätsrat beschliessen. Es wäre eine Überraschung, wenn sie dies nicht täten.

Beliebter Arzt ging in die USA

Vor eineinhalb Jahren hat der letzte Onkologie-Professor, Roger Stupp, Zürich verlassen – zum Bedauern vieler Tumorpatienten, die ihn als Arzt sehr schätzten. Der international renommierte Onkologe und Spezialist für Hirntumoren folgte einer Berufung nach Chicago. Vier Jahre nur hatte er im Unispital Zürich gewirkt. Laut Insidern konnte er seine Pläne, eine starke klinikübergreifende Onkologie aufzubauen, nicht verwirklichen. Stupp selber wollte sich gegenüber dem TA nicht über die Gründe seines Weggangs äussern.

Tatsache ist, dass die Onkologie im Unispital Zürich weitgehend organspezifisch organisiert ist. Für die Hirntumoren sind die Neurologen zuständig, für die Hauttumoren die Dermatologen, um Brustkrebspatientinnen kümmern sich die Gynäkologen, um Patienten mit Prostatakrebs die Urologen. Das ist historisch so gewachsen und wurde in den letzten Jahren strukturell verfestigt. Es gibt im Unispital 17 zertifizierte Organzentren. Diese sind im Cancer Center zusammengefasst, welches «die Expertise der einzelnen Fächer bündelt, um die Patientinnen und Patienten umfassend und interdisziplinär zu betreuen», wie das Unispital schreibt. Und weiter: «Das Cancer Center wurde inzwischen zum Comprehensive Cancer Center Zürich erweitert, um die Zusammenarbeit zwischen Kliniken und Forschung zu vertiefen und die Nachwuchsförderung im Fachgebiet zu fördern.»

«Weiterhin Schwerpunkt»

Das Unispital verneint, dass die Onkologie durch die Abschaffung der eigenen Klinik geschwächt werde: «Sie ist und bleibt für uns ebenso wie für die anderen universitären Spitäler ein Schwerpunktthema.»

In Fachkreisen kommt der Entscheid allerdings gar nicht gut an. Einer der bekanntesten Krebsärzte der Schweiz ist Thomas Cerny, Präsident der Stiftung Krebsforschung Schweiz und bis vor kurzem Onkologie-Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen. Was Zürich tue, sei «strategisch ein Riesenfehler». kritisiert Cerny. «Wenn man Krebs als Thema wirklich ernst nimmt, müsste man einen guten Onkologen einsetzen.»

Thomas Cerny (rechts) präsentierte als Präsident der Krebsliga 2005 eine Studie zum geplanten Rauchverbot. Foto: Keystone

Doch in Zürich seien die ­Onkologie-Chefs zunehmend ­geschwächt worden, weil alte Machtkämpfe dominierten. «Den Organ-Chefs wurde zu viel zugestanden.» Es gebe in der Schweiz hervorragende Onkologen, sagt Cerny, doch die wollten nicht nach Zürich gehen. Das Universitätsspital Zürich habe kein richtiges Tumorzentrum. Das Cancer Center des Unispitals nennt Cerny einen «Papiertiger». Er bedauert: «Wenn die Onkologie in Zürich schwächelt, ist dies ein Nachteil für die ganze Schweiz.»

Die organisatorische Zusammenlegung der Kliniken für Hämatologie und Onkologie ist für Cerny grundsätzlich sinnvoll, das sei vielerorts so. «Doch den Lead in der Onkologie muss an einer Universität ein Chefarzt mit einer Professur für Medizinische Onkologie haben.» Die Hämatologie decke nur rund 20 Prozent der Krebsarten ab.

Der Zürcher Professor für Hämatologie ist zwar in seinem Fachgebiet anerkannt, doch in der Onkologie fehlt ihm die Expertise. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass er keine Weiterbildungen für Facharztanwärter Onkologie durchführen darf; diese Aufgabe müssen die Leitenden Ärzte übernehmen.

Fachpräsident sieht Problem

Laut Markus Borner, Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie, wird die Fachgesellschaft überprüfen, ob das Unispital ­die Bedingungen für eine Onkologie-Ausbildungsklinik auf höchstem Niveau weiterhin erfüllt. Diese Prüfung sei Standard bei Wechseln, sagt Borner. Er hält Markus Manz für einen hervorragenden Forscher und Manager. Er traut dem Hämatologen zu, die onkologische Weiterbildung gut zu organisieren und Krebsspezialisten aus dem Mittelbau nachzuziehen.

Borner teilt allerdings die Kritik von Cerny am System von Zürich: «Die Organ-Spezialisierung ist ein Problem. Denn die Onkologie ist ein Querschnittfach, nur Onkologen haben eine genügend breite Erfahrung mit medikamentösen Therapien und deren Nebenwirkungen.»

Neue Medikamente

Dies wird je länger, desto wichtiger. Thomas Cerny begründet die Notwendigkeit eines starken, fächerübergreifenden Onkologie-Chefs mit der pharmazeutischen Entwicklung: Während früher organspezifische Medikamente üblich waren, würden heute bereits erste Medikamente zugelassen, die unabhängig vom Organ hochpräzis auf individuelle molekulargenetische Veränderungen zielen. Sie kommen laut Cerny bei allen Tumorarten zum Einsatz, welche diese Veränderungen aufweisen. «Das Zeitalter der individualisierten medikamentösen und immunologischen Therapie hat begonnen.»

Gregor Zünd, Direktor des Unispitals Zürich, stimmt im Grundsatz zu: «Die Organisation nach Organen ist historisch gewachsen und bietet uns im Moment Sicherheit, doch mittelfristig müssen wir sie ändern.»

Aktuell haben Unispital und Uni noch gar nicht nach einem Onkologie-Chef gesucht, der in der Immuntherapie Spitze ist, sondern vielmehr nach einem Onkologen, der auf Lungentumoren spezialisiert ist – weil ein solcher eben gerade fehlt. Da diese Suche erfolglos war, wird die Chefarztstelle nun abgeschafft.

Erstellt: 30.09.2018, 22:20 Uhr

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