Kein Platz für Asylsuchende im Zürcher Hipsterviertel

Mitten im Trendquartier von Wiedikon existierte 30 Jahre lang eine Asyl-Beratungsstelle – jetzt sind die Migranten nicht mehr erwünscht.

Anziehungspunkt mit mediterraner Ausstrahlung: Idaplatz im Sommer. (Foto: Sophie Stieger)

Anziehungspunkt mit mediterraner Ausstrahlung: Idaplatz im Sommer. (Foto: Sophie Stieger)

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2008 widmete der Mundart-Reggae-Künstler Phenomden seinem Heimatquartier eine Liebeserklärung. Im Lied «Wiedike» pries er unter anderem die Multikulturalität und Toleranz des dritten Stadtkreises: «Mer seit, dass du das Viertel vo Familie und alte Lüüt bisch, verschiedeni Kulture, viili Mänsche da sind jüdisch, und immer meh Jungi gits, wo jetz in Chreis 3 ziehnd.»

Möglicherweise würde Phenomden nun seine Einschätzung ein Stück weit revidieren. Die Jungen strömen zwar immer noch in Massen ins Viertel. Doch für andere Gruppierungen wird der Platz knapper. Beispielsweise für Asylsuchende. Sie gingen während 30 Jahren an der Bertastrasse 8, zwischen Lochergut und Idaplatz, ein und aus. Dort befand sich bis anhin eine Beratungsstelle der Hilfswerke Heks und Caritas.

Umzug nach Altstetten

Seit dieser Woche existiert das Angebot im Kreis 3 nicht mehr. Die Liegenschaftsverwaltung Atrega Treuhand AG hat der Beratungsstelle auf Ende Mai gekündigt, wie die Zeitung «Quartiernetz» berichtet. Der Grund: Die Mieter hätten sich über den «übermässigen Verkehr» im Haus beschwert. Ende Woche eröffnet die Anlaufstelle neu in Altstetten. «Wir bedauern den Wegzug», sagt Natali Velert, Leiterin der Heks-Regionalstelle Zürich-Schaffhausen. Die zentrale Lage sei ein wichtiger Vorteil gewesen. «Asylsuchende sind auf eine gute Erreichbarkeit angewiesen.»

«Wir forderten die Asylsuchenden jeweils auf, sich im Warteraum aufzuhalten, und achteten darauf, dass Ordnung herrscht», sagt Velert. Über die Kündigung der Liegenschaftsverwaltung sei man enttäuscht. Der Andrang der Migranten habe sich jeweils auf den Mittwochnachmittag beschränkt. Dann boten die Hilfswerke den Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen eine kostenlose Rechtsberatung an. Im Jahr 2015 nahmen 2295 Flüchtlinge aus 74 Ländern das Angebot in Anspruch. Die Liegenschaftsverwaltung wollte auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Anfrage keine Auskunft geben.

Heinz Saurer führt seit 15 Jahren das Musikhaus Upbeat im Parterre der Liegenschaft. Es habe gewisse «organisatorische Probleme» mit den Asylsuchenden gegeben. «Wir mussten ihnen ständig die Türe öffnen und erklären, wo sie sich zu melden haben.» Das sei teilweise belastend gewesen. Doch habe sich der Andrang auf den Mittwochnachmittag beschränkt. «Dann standen die Asylsuchenden bis auf die Strasse hinaus Schlange», sagt Saurer. Er sei nun gespannt, wer als Nächstes ins Haus zieht.

Asylsuchende: Im Quartier so gut wie unsichtbar

Bewohner der betroffenen Liegenschaft wollten sich nicht zur Situation im Quartier äussern. Jedoch eine Anwohnerin, die seit 30 Jahren gleich ums Eck wohnt. Sie kann die Aufregung nicht verstehen. «Ich bin entsetzt über die Intoleranz gewisser Leute», sagt die Rentnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Asylsuchenden seien im Quartier so gut wie unsichtbar. Sie habe nicht einmal von der Existenz der Anlaufstelle gewusst, obwohl sie täglich an der Adresse vorbeigehe. Die wenigen Migranten, die man im Quartier überhaupt noch sehe, würden sich korrekt verhalten. «Wir haben andere Probleme», sagt die Frau. Die Anwohnerin meint damit das Nachtleben, das in den vergangenen Jahren rund um den Idaplatz immer aktiver wurde.

Der einst verschlafene Quartierplatz hat sich längst zum beliebten Szene-Treffpunkt gewandelt. Der Grundstein für die Entwicklung wurde 2006 gelegt. Die Stadt ergänzte den Platz mit Bäumen, einem Kiesbelag, einer Litfasssäule und farbigen Lampen. In zahlreichen Reiseführern wird das Quartier seither lobend erwähnt. Die Attribute sind: jung, hip und lebensfroh. Gleichzeitig wird das Quartier auch als Wohnort immer populärer. Mit steigenden Mietzinsen als Folge: Eine aktuelle Erhebung zeigt, dass der Bodenpreis pro Quadratmeter seit 2010 um 65 Prozent gestiegen ist. Damit gehört Wiedikon zu den Aufwertungs-Hotspots der Stadt.

Für Heks-Regionalleiterin Velert ist die Einbindung der Anlaufstelle in ein belebtes Wohnviertel zentral: «Die Durchmischung mit der lokalen Bevölkerung ist für Asylsuchende wichtig.» Stattdessen werden die Rechtsberatungen künftig in einem anonymen Bürogebäude am Rande der Stadt stattfinden. Der Umzug ist zudem mit höheren Kosten verbunden. Für die Liegenschaft in Altstetten bezahlt sie 1300 Franken mehr Miete als im Trendquartier.

Erstellt: 30.05.2017, 15:21 Uhr

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