Ketamin, die Sexparty-Droge

Im Prozess um einen Galeristen, der in Küsnacht seinen Freund getötet hat, steht eine Droge im Vordergrund: Ketamin. Wie diese Substanz wirkt.

Ketamin kann flüssig als Lösung oder als weisses, kristallines Pulver geschnupft, geschluckt oder gespritzt werden. (Bild: Wikipedia/Psychonaught)

Ketamin kann flüssig als Lösung oder als weisses, kristallines Pulver geschnupft, geschluckt oder gespritzt werden. (Bild: Wikipedia/Psychonaught)

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Die Grausamkeit der Tat schockiert: Ein Mann schlug im Dezember 2014 mit mehreren schweren Gegenständen auf seinen Freund ein, rammte ihm eine Kerze in den Rachen und erwürgte ihn schliesslich.

Wie sich am Montag bei der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Meilen herausstellte, war der Mann während der Tat vollgepumpt mit Kokain und Ketamin. Es war nicht das erste Mal, dass der deutsche Galerist unter dem Einfluss dieser Drogen stand. Seit 2011 hatte er immer wieder Ketamin in hohen Dosen konsumiert. Was ist das für eine Substanz, und was geschieht, wenn man sie konsumiert?

Ketamin als Antidepressivum ...

Ketamin ist keine klassische Design- und Partydroge, sondern ein Narkose- und Schmerzmittel. Es ist seit den 60er-Jahren auf dem Markt, wird heute aber nur noch vereinzelt bei Menschen angewendet. Meist kommt es in der Tiermedizin als Betäubungsmittel zur Anwendung.

Daneben wird Ketamin in den letzten Jahren noch für eine andere Eigenschaft gebraucht: Das Medikament kann Patienten mit schweren Depressionen helfen. Es hat bereits in kürzester Zeit einen gemütsaufhellenden Effekt. Die Wirkung ist aber oft nur kurzfristig, wie die NZZ in einem wissenschaftlichen Bericht im Januar 2015 schrieb. Zwar sei in Einzelfällen eine langfristige Wirkung beobachtet worden, meist sei der Effekt einer Einmaldosis aber nach ein paar Tagen verschwunden – und über die Langzeitfolgen eines regelmässigen Ketamin-Konsums sei erst wenig bekannt.

... oder zur sexuellen Stimulierung

Ketamin wird aber auch als Rauschmittel verwendet. Denn in höheren Dosen wirkt «Special K» – wie die Substanz auch genannt wird – halluzinogen. Die Droge kann flüssig als Lösung oder als weisses, kristallines Pulver geschnupft, geschluckt oder gespritzt werden.

Laut Lars Stark, ärztlicher Leiter Arud (Zentren für Suchtmedizin), ist Ketamin in der Zürcher Partyszene allerdings nicht weit verbreitet. Er habe nur vereinzelt Personen mit Ketamin-Abhängigkeit behandelt. Wenn diese Substanz konsumiert werde, dann vor allem in geringen Dosen zur sexuellen Stimulierung. Dies könne bei käuflicher Liebe in einem Bordell, bei SM- oder Schwulen-Sexpartys sein. «Ketamin ist antriebs- und libidosteigernd», sagt Stark. Die Leute hätten das Gefühl, aus ihrem Körper herauszusteigen. Neben dem Konsum zur Luststeigerung werde Ketamin aus psychedelischen Gründen geschnupft, sagt Stark. Es dämpfe das Schmerzempfinden, wirke euphorisierend und enthemmend.

Fatale Sinnestäuschungen

Gemäss der Online-Plattform «saferparty.ch» – die nach eigenen Angaben neutral über bewusstseinsverändernde Substanzen informiert und berät – kann es mit Ketamin zu einer bruchstückhaften Auflösung der Umwelt und des Körperempfindens kommen. Gedanken können abreissen, Gefühle der Schwerelosigkeit oder des Schwebens können auftauchen. Sinneswahrnehmungen und Raum-Zeit-Empfinden verändern sich. Bei höheren Dosierungen kann es zur Loslösung vom eigenen Körper oder zu einer gefühlten Verschmelzung mit der Umwelt kommen.

Auch der angeklagte Galerist, der sich wegen fahrlässiger – oder vorsätzlicher – Tötung vor dem Bezirksgericht Meilen verantworten muss, hat bei früheren Einvernahmen von veränderten Sinneswahrnehmungen im Drogenrausch erzählt. Er sagte, dass ihm das spätere Opfer auf der nächtlichen Taxifahrt von Zürich nach Küsnacht wie ein Alien mit grünem Gesicht, roten Augen und langen Ohren vorgekommen sei. In der elterlichen Villa habe sein Freund gesagt, er sei der Teufel, und der Beschuldigte habe schliesslich um sein Leben kämpfen müssen.

Inwieweit das Ketamin die Tat beeinflusst hat, werden nun die Richter entscheiden. Wie am Montagabend bekannt wurde, will das Bezirksgericht die Option offenhalten, den bisher als schuldunfähig geltenden 32-Jährigen für schuldfähig zu halten.

Erstellt: 28.03.2017, 10:58 Uhr

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