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Klimawandeln in Zürich

Der neue Stadtrundgang der Stiftung Myclimate führt zu Wasser-, Sonnen- und Kehrichtheizkraftwerken – kostenlos und CO2-neutral. Aber nicht ganz fehlerfrei.

Was der Klimarundgang verschweigt, erklärt der Vater. Foto: Reto Oeschger
Was der Klimarundgang verschweigt, erklärt der Vater. Foto: Reto Oeschger

Zürich – Die kleine Eidechse ist eine echte Nervensäge. Schon beim zweiten Posten geht sie mir mit ihrem klimaschonenden Gerede auf den Geist: Autofahren ist schlecht, das stösst viele Abgase aus, CO2, und das macht, dass es auf der Erde immer wärmer wird. Ja, ich weiss, Zug fahren, Tram fahren und zu Fuss gehen ist besser, weil das weniger CO2 ausstösst. Gut fürs Klima. Klar. Das hat uns das Tier schon beim Start am Hauptbahnhof Zürich erklärt.

Das Gerät aber, aus dem die kleine Eidechse zu uns spricht, ist super. Es hat zwei Kopfhörerausgänge, damit ich das Myclimate-Audioadventure zusammen mit meinem Sohn hören kann. Doch: Wir hören nichts. Alles Rumdrücken ist vergebens. Ich hätte die Gebrauchsanweisung lesen sollen. Zum Glück gibt es die Episoden des Stadtrundgangs zum Thema Klima­schutz auch als Podcast fürs Smartphone. Da hören wir die Echse nun klar und deutlich aus dem Lautsprecher.

Der zweite Posten auf dem Platzspitz ist eine echte Herausforderung. Doch die kleine Eidechse nimmt sie mit ­Bravour: «Siehst du die Wärmepumpe hinter der Brücke, die Wärme aus dem Fluss aufnimmt und damit Gebäude heizt? Nein? Hehehe», kichert das Tierchen, «ich auch nicht, die ist nämlich unter dem Boden. Ich habe die Fische gefragt, und denen gefällt das Sprudelbad, da, wo das kalte Wasser wieder in die Limmat zurückfliesst.» Das Tierchen ist zwar ein Moralist, aber es macht für uns das Unsichtbare sichtbar, und sein mantraartiges CO2-Gerede zeigt zumindest beim Sohn Wirkung: «Das ist gut, weil dann die Erde nicht noch wärmer wird», sagt der Vierjährige.

Schiffe auf Schienen

Dass das Kulturhaus Dynamo gerade renoviert und all die schönen Bilder an der Wand übermalt werden, betrübt meinen Sohn. Zum Glück entdeckt er bald die Gitterkästen mit den Schottersteinen, von denen die Eidechse gesprochen hat. Sie bieten Tieren Unterschlupf, Platz zum Sonnen und bergen tief im Inneren Höhlen für den Winterschlaf.

Schon sind wir bei der Badi und ein paar Schritte weiter beim Lettenkraftwerk. «Da wird Strom gemacht mit dem Wasser», erkläre ich. Die kleine Eidechse findet’s hier bestimmt super. Kein Benzin, kein CO2, klimaneutral, klar! Doch der Sohn hat Bedenken: «Wenn man all das Wasser wegnimmt, dann hats ja keines mehr für die ­Fische?» – «Das Wasser ist ja nicht weg, es kommt unten wieder raus», sage ich.

Genau deshalb habe es eine Fischtreppe für die Fische, sagt die Eidechse. Leider sehen wir diese Fischtreppe nicht. Aber die Kahnrampe, mit der Schiffe auf Schienen den Höhenunterschied von bis zu 5,5 Metern überwinden, gefällt dem Sohn. Die Fischtreppe befindet sich darunter, wie wir später herausfinden. Schade, dass die Eidechse das nicht verrät.

Sie führt uns vorbei am alten Bahnhof Letten über das Fussgängerviadukt zum Swissmill-Tower und hin zum silbernen Turm, wo eine Fotovoltaikanlage aus Sonnenlicht Strom macht. Klimaneutral, klar. «So wie bei den Grosseltern auf dem Dach», sagt der Sohn. Er freut sich auf den Spielplatz auf der Josefwiese.

Auf der Schaukel beobachtet er, wie ein «Güselwagen» zum Kehrrichtheizkraftwerk fährt. Dort wird Abfall verbrannt und mit der Wärme Hauptbahnhof und Universität beheizt. «Ganz ohne Heizöl», sagt die Eidechse. Das spart CO2, klar. Super! Und auf dem Hoch­kamin da brüten die Falken. Wir können von da unten den Horst sehen. Und die Kamera, die darauf gerichtet ist. Das ­Video dazu liefert das Smartphone.

Falkenjagd auf der Josefwiese

Der Sohn ist vom neuen Wissen über das Innenleben der Gebäude neugierig geworden: «Was ist denn in diesem blaugrünen Haus? Auch ein Kraftwerk? In der Halle wird Federball gespielt. Endlich etwas, das wir uns von innen an­sehen können. An der Bar fällt der Holz­indianer auf. «Spielt da jetzt die Schweiz gegen Nordamerika?»

Die Eidechse erzählt von Frau Gerolds Garten, wo die Leute Gemüse in Pflanzgefässen ziehen, mitten in der Stadt. Wir gehen weiter zum «Gaul» unter der Hardbrücke, wo der Umgebungslärm hoch ist (ideal mit Kind), die Be­dienung violettes Haar hat (auch gut) und es Pommes frites, Fischknusperli und Hamburger gibt. Alles bio, und auf Wunsch vegan. Wer mag, nimmt nach der Stärkung den zweiten Teil des Klimarundgangs in Angriff: Die kleine Eidechse führt über Hardbrücke, Kalkbreite, Helvetiaplatz, Europaallee und Stüssihofstatt zurück zum Bahnhof.

Später, bei der Arbeit, höre ich eine leise Stimme Geschichten erzählen. «Hört einer im Grossraumbüro Nachrichten?», denke ich. Nein, die Geschichte kommt aus meiner Hosen­tasche. Ich krame das Gerätchen hervor, das ich zu Beginn des Rundgangs im Tourismusbüro am Hauptbahnhof er­halten habe. Daraus spricht jemand. Logisch! Es ist ein kleiner Eisbär. Er erzählt von den klimaschonenden Errungenschaften in Bern. «Falsche Speicherkarte», entschuldigt sich die freundliche Frau von Zürich Tourismus. Den Zürcher Myclimate-Audiorundgang gibt es halt erst seit kurzem.

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