Umstrittener Arzt verlässt Klinik Hirslanden

Marc Possover gilt als ausgezeichneter Chirurg. Er fällt aber auch durch experimentelle Methoden auf. Jetzt verlässt er die Zürcher Klinik. Die Hintergründe.

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Für die einen ist er ein Wunderheiler, für die anderen ein Scharlatan. Tatsache ist, dass der 54-jährige Gynäkologe Marc Possover eine grosse Ausstrahlungskraft besitzt. Als Possover vor neun Jahren aus Deutschland zu Hirslanden nach Zürich kam, pries die Privatklinik den Neuzugang in den höchsten Tönen an. Er sei Erfinder einer «neuen, vielversprechenden Fachdisziplin», der Neuropelveologie. Unter seiner Leitung entstehe an der Klinik Hirslanden ein «weltweit einzigartiges Kompetenzzentrum». Der gebürtige Franzose wurde als Ausnahmetalent beschrieben: Medizinstudium mit 22 ­abgeschlossen, Tätigkeit als Herz-Gefäss-Chirurg, zweite Spezialisierung in Gynäkologie und Geburtshilfe, Experte in der laparoskopischen Chirurgie, einer minimalinvasiven Technik, die das Operieren ohne grosse Schnitte erlaubt.

Possover ist einer, der «gerne über den Zaun guckt», wie er einmal von sich sagte. Er hat sich ein Thema vorgenommen, mit dem sich sonst die Neurologen und die Neurochirurgen beschäftigen: die Nerven. Und zwar die Nerven im kleinen Becken. Diese sind eminent wichtig, denn sie steuern die Blase, den Enddarm, die Gebärmutter. Sie liegen aber schwer zugänglich hinter den Organen des Bauchraums. Possover war der Erste, der mithilfe der Bauchspiegelung Nerven im kleinen Becken operierte. Neuropelveologie nannte er sein Fach, nach dem griechischen Wort «Neuron» für Nerven und dem lateinischen «Pelvis» für Becken. Viele seiner Patientinnen leiden an Endometriose, haben Tumore oder chronische Schmerzen.

Possover gilt als ausgezeichneter Chirurg. Doch er will mehr. Er hat höhere Ziele. Er möchte Querschnittgelähmte wieder zum Laufen bringen. Dazu hat er die sogenannte Lion-Methode entwickelt: Er implantiert Elektroden auf Nervenstränge im hinteren Becken sowie einen Schrittmacher unter die Haut. Per Fernbedienung können die Patienten die Körperfunktionen steuern.

Gelähmte gehen wieder

Possover hat laut eigenen Angaben schon 18 Querschnittgelähmte erfolgreich operiert, sodass sie nach intensiver Therapie einige Schritte mit einer Gehhilfe machen können; auf seiner Website zeigt er dies in einem Videofilm. Die Methode, mit welcher die Patienten sozusagen unter Strom gesetzt werden, ist allerdings bis heute nicht anerkannt. Armin Curt, Professor für Paraplegiologie der Universität Zürich, rät von solchen Operationen ab: «Der therapeutische Effekt von Possovers Methode ist sehr umstritten. Ich konnte bisher keinen Fall verifizieren, bei dem diese Chirurgie tatsächlich einen Patienten wieder zum Laufen gebracht hat, trotz vieler Behauptungen.»

Video: Die Lion-Methode

Possover hat nach eigenen Angaben eine Methode Entwickelt, mit der er Querschnittgelähmte wieder zum Laufen bringen kann.

Der Patientenschutz Schweiz hat sich wiederholt mit Possover befasst. Präsidentin Margrit Kessler attestiert ihm zwar, ein sehr guter Chirurg zu sein. Doch: «Er verspricht teilweise Dinge, die er nicht halten kann.»

Seit August operiert Marc Possover nicht mehr an der Klinik Hirslanden. Diese teilt auf Anfrage mit, die Zusammenarbeit mit dem einst hochgelobten Arzt sei «aus verschiedenen, beidseitigen Gründen» aufgelöst worden, ohne näher auf diese Gründe einzugehen. Die medizinische Leistung von Possover war aber offenbar nicht der Punkt, denn die Klinik sieht in der Neuropelveologie «auch heute noch einen innovativen medizinischen Ansatz zur Behandlung der Nerven im kleinen Becken und ihren Krankheitsbildern», wie sie schreibt. Laut gut unterrichteten Quellen wollte die Klinik den Arzt loswerden, weil er wegen seiner Abrechnungspraxis zum Reputationsrisiko geworden war.

Patientenschützerin Margrit Kessler beschreibt Possovers Vorgehen so: «Er sagt den Frauen, er sei der Einzige, der sie operieren könne, worauf diese viel Geld aufnehmen, um ihn zu bezahlen.» So ist es auch im Fall von Doris Keller gelaufen, die ihre ganze Hoffnung in den Ausnahmechirurgen gesetzt hatte. Laut einem Insider handelt Possover nach dem Motto: Ich bin der Einzige, der es kann, deshalb bestimme ich auch meine Preise selber.

Blankocheck für den Arzt

Possover verschafft sich sozusagen einen Blankocheck, indem er die Patientinnen eine «Erklärung zur Behandlung als Privatpatient» unterschreiben lässt. Darin steht unter anderem: «Es ist mir bewusst, dass die Kosten der von mir gewünschten privaten Sprechstunde, Behandlung und Beratung evtl. nicht von der Krankenkasse übernommen werden bzw. nur teilweise. (...) Ich verpflichte mich, die entstandenen Kosten in jedem Fall zu bezahlen.»

Aus Sicht der Ärzteverbindung FMH ist diese «Generalabsolution» unzulässig, wie Vorstandsmitglied Urs Stoffel sagt. Der Arzt verletze damit seine Aufklärungspflicht, weil die Vereinbarung unklar sei. «Er müsste die Leistungen aufzählen, die er zusätzlich zu den von der Kasse bezahlten Pflichtleistungen erbringt, und sagen, was diese ungefähr kosten. Die echte Mehrleistung muss für die Patientin ersichtlich sein.» Bei den Pflichtleistungen selbst sei es zudem verboten, über die geltenden Tarife hinaus Zusatzhonorare zu verlangen. Dieser Tarifschutz ist im Krankenversicherungsgesetz verankert und gilt für den gesamten ambulanten Bereich, ob die Sprechstunde nun in einer Praxis, einer Privatklinik oder in einem öffentlichen Spital stattfindet.

Bei den Krankenkassen läuten die Alarmglocken, wenn sie den Namen Possover hören. Laut Angaben einer grossen Kasse verrechnet er teilweise Leistungen nach dem Ärztetarif Tarmed als Pflichtleistungen, die er so gar nicht erbracht hat und die nicht durch die Grundversicherung abgedeckt sind. In der Branche bekannt ist auch, dass er überhöhte Arzthonorare verlangt. Der «Kassensturz» hat über einen Fall berichtet, in dem eine zusatzversicherte Patientin nach einer Operation 2500 Franken selber bezahlen sollte. Ihre Krankenkasse hatte sich zuerst geweigert, die ihrer Meinung nach überhöhte Honorarrechnung vollständig zu begleichen. Im Nachhinein zeigte sich die Kasse dann doch kulant und übernahm alles. Im Zusatzversicherungsbereich sind die Preise nicht fix, sondern Verhandlungssache zwischen den Versicherern einerseits und den Ärzten und Spitälern andererseits.

«Ich mache verrückte Sachen, deswegen bin ich vielleicht teurer.» Marc Possover, gynäkologischer Chirurg

Possover rechtfertigt seine hohen Rechnungen mit der «aufwendigen Medizin», die er betreibe. Seine Patientinnen kämen alle wegen spezieller Probleme, die mehr Abklärungen erforderten als ein Normalfall. «Und», fügt er an, «ich mache verrückte Sachen, deswegen bin ich vielleicht teurer als andere.» Mit der Erklärung, welche die Patientinnen unterschreiben, wolle man sich absichern, dass am Schluss der hohe Aufwand auch honoriert werde. Besonders wichtig sei sie bei ausländischen Patientinnen, weil der Gerichtsstand Zürich darin festgeschrieben wird.

Nach der Kündigung bei Hirslanden hat der Arzt seine Praxis ins Seefeld verlegt, in ein grosses, teilweise leer stehendes Bürogebäude an der Klausstrasse. Im monumentalen Treppenhaus prangt an einer kahlen Wand im ersten Stock der Schriftzug «Possover International Medical Center». Es ist das einzige Gesundheitsunternehmen im Haus. Immerhin liegt es gleich neben der Klinik Pyramide, wo Possover jetzt vor allem operiert. Zudem ist er Belegarzt im Bethanien. Laut Auskunft der Direktoren beider Privatkliniken gab es bisher keinerlei Reklamationen.

Klinische Studie in Dänemark

Im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» gibt sich Possover bescheiden. Bei Hirslanden sei seine Tätigkeit auf die Neuropelveologie beschränkt gewesen. Er habe die Klinik verlassen, weil er auch wieder einfache gynäkologische Eingriffe machen wollte – «ich werde nicht jünger». Schwere Operationen, zum Beispiel von Tumoren, sind in der Pyramide und im Bethanien gar nicht möglich, denn diese Kliniken haben keine ­Intensivpflegestationen. Auch die Lion-Methode wendet Possover nur noch vereinzelt an, und zwar ausschliesslich bei ausländischen Patienten. Die Hoffnung, dass die Methode dereinst in der Schweiz anerkannt wird, hat er aber nicht aufgegeben. Momentan laufe an der Universität Aarhus in Dänemark eine klinische Studie. «Ich weiss, dass ich von einigen als Scharlatan bezeichnet werde, doch ich habe den hippokratischen Eid geleistet.» Possover beteuert: «Ich mache alles für meine Patienten.»


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Erstellt: 29.11.2017, 08:16 Uhr

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