Koch-Areal: Deal für Lärmgeplagte

Die Besetzer im Koch-Areal in Albisrieden machen den Anwohnern das Leben zur Hölle. Die Stadt hatte zwei Mietern ein Angebot gemacht.

«Wir wollen keinen Partylärm mehr»: Eine Anwohnerin stört sich am nächtlichen Treiben im Koch-Areal. (Video: zvg)

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«Wir befinden uns seit drei Jahren im Ausnahmezustand, optisch und akustisch», sagt eine langjährige Nachbarin des Koch-Areals, welche ihren Namen nicht nennen will. Das 30'000-Quadratmeter-Grundstück an der Rautistrasse in Albisrieden gehört der Stadt Zürich. Sie will dort Hunderte von Wohnungen, günstige Gewerberäume und einen Park erstellen.

Vor allem an den Wochenenden sei es kaum auszuhalten. Lärm und Gegröle bis tief in die Nacht. Wenn die Polizei gerufen wird, würden die Anzeigen zwar registriert, aber nichts unternommen. «Wir dürfen nichts machen», hätten ihr schon viele Polizisten erzählt, sagt die Anwohnerin.

Die Frau weiss von zwei Mietern der Nachbarschaft, die wegen der Besetzer ausgezogen sind: eine Mutter mit einem neugeborenen Kind und ein asiatischer Geschäftsmann. Beide hielten den Lärm, den Schmutz, und das Urinieren auf der Strasse sowie die oft aggressive Stimmung an den Wochenenden nicht mehr aus.

«Nur leere Versprechungen»

Die Frau ist auch mit der städtischen Liegenschaftenverwaltung, der Besitzerin des Koch-Areals, im Gespräch. «Wir haben nur leere Versprechungen erhalten.» Zwar hätten die Besetzer auf Betreiben der Stadt den Partyraum abgedichtet, mit dem Resultat, dass der Lärm zwar zurückging, dafür das Wummern der dumpfen Bässe noch stärker zu hören und zu spüren sei. Zudem würden die Besetzer auch fremde Leute aufs Areal lassen, die sich dort austoben wollen. Beispielsweise eine «Trommelschule», die jeweils am Sonntagabend im Freien übe, oder es gebe Liveauftritte von Musikern.

Die Bewohnerin beschreibt die Situation als ein «Gefühl von Willkür». Man komme abends nach Hause oder freue sich am Freitag auf seine wohlverdiente Wochenendruhe und wisse nicht, was passiere: Wird es ruhig sein? Wird es laut sein? Hat es wieder betrunkene und «verladene» Leute ums Haus herum, wenn man nach draussen geht?

Ursprünglich hätten die Besetzer die alten Gewerbehallen dieses Jahr verlassen müssen. Doch der Auszugstermin hat sich um Jahre verzögert, die Besetzer können wohl noch lange bleiben – ebenso die unzumutbaren Zustände für die Anwohner.

Städtische Wohnung angeboten

Als Armutszeugnis beschreibt die Frau die Tatsache, dass die Liegenschaftenverwaltung im Januar 2015 ihr und einem Nachbarn eine städtische Wohnung an einem anderen Ort angeboten hatte. «Wir gehen davon aus, dass es in der wärmeren Jahreszeit wieder vermehrt zu Nachtruhestörungen kommen wird. Aus diesem Grund möchten wir mit Ihnen und Ihrem direkten Wohnungsnachbarn als am unmittelbarsten betroffene Anwohner die Möglichkeit eines Umzugs in eine städtische Wohnung prüfen», heisst es im Schreiben der Stadt. Die Frau wohnt nicht in einer städtischen Wohnung, sondern in einer privaten Liegenschaft und will nicht ausziehen. «Das Angebot der Stadt ist ein falsches Signal, ich will keine neue Wohnung, sondern einfach keinen Partylärm.»

Dass die Polizei bei Lärmklagen schnell und konsequent einschreiten kann, bewies sie in der Nacht auf letzten Samstag. Zwischen 250 und 300 Personen feierten beim Letten eine spontane Open-Air-Party, sie waren einem SMS-Aufruf gefolgt. Nach diversen Lärmklagen schritt die Stadtpolizei samt Wasserwerfer und Tränengas ein, nachdem sie mit Flaschen und Steinen beworfen worden war.

Die Nachbarin des Koch-Areals wundert sich, warum ein Polizeieinsatz im Letten möglich war, in Albisrieden aber nicht. Laut Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, muss man sich einen Polizeieinsatz in einer besetzten Liegenschaft sehr gut überlegen. Zudem spiele für die Polizei eine entscheidende Rolle, welche Haltung die Eigentümerin der Liegenschaft einnehme, und diese setze auf Dialog.

«Intervention unverhältnismässig»

Bei der Eigentümerin handelt es sich um das städtische Finanzdepartement. Deren Sprecher Patrick Pons äussert sich folgendermassen zum Thema: «Es finden regelmässige Lagebeurteilungen zwischen der Liegenschaftenverwaltung und der Stadtpolizei sowie weiteren involvierten Dienstabteilungen der Stadt statt. Bis jetzt ist man zum Schluss gekommen, dass eine Intervention aufgrund von zu hoher Lärmbelästigung auf dem Areal nicht verhältnismässig ist.»

Die Stadt hat mit den Besetzern vom «Verein selbstorganisiertes Leben» im Dezember 2013 eine schriftliche Vereinbarung über die Nutzung des Koch-Areals getroffen, ein sogenanntes Memorandum. Geregelt sind darin Dinge wie die Bezahlung der Kosten für Strom, Wasser, und Abfallentsorgung oder die Hinterlegung einer Kaution für allfällige spätere Instandsetzungsmassnahmen, wie Patrick Pons sagt.

Kein Thema war hingegen das Thema Lärm. Nachdem dieses aber bei den regelmässigen Treffen von Vertretern der Stadt mit den Besetzern stets zuoberst auf der Traktandenliste stand, soll das Memorandum nun um einen entsprechenden Passus ergänzt werden. Die zuständigen Stadträte Daniel Leupi (Grüne) und Richard Wolff (Alternative) beantworten vorderhand keine Fragen zum Thema, weil derzeit eine parlamentarische Anfrage der FDP zum Koch-Areal hängig ist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.09.2016, 16:56 Uhr

Lärmklagen in Albisrieden

Im Zusammenhang mit Lärmimmissionen aus dem Koch-Areal sind bei der Stadtpolizei im letzten Jahr 117 Reklamationen eingegangen. In diesem Jahr sind es bereits 171 Meldungen, wie Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, auf Anfrage sagt: 137 Meldungen gingen telefonisch bei der Polizei ein, 34 Anzeigen wurden schriftlich beim Stadtrichteramt eingereicht.
Daneben gingen aus dem Kreis 9 noch 450 weitere Lärmklagen ein, wobei die Anrufer nicht genau angeben konnten, woher der Lärm kam. Ein Grossteil dieser Klagen betrifft vermutlich ebenfalls das Koch-Areal.

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