Eine Frage bleibt

Der Stadtrat ergreift vernünftige Massnahmen gegen den Lärm auf dem besetzten Koch-Areal. Und man wundert sich: So schwierig war das doch nicht.

Wegen Konzerten und Partys sind in diesem Jahr bereits 171 Lärmklagen eingegangen: Das besetzte Koch-Areal in Albisrieden. (4. Oktober 2016)

Wegen Konzerten und Partys sind in diesem Jahr bereits 171 Lärmklagen eingegangen: Das besetzte Koch-Areal in Albisrieden. (4. Oktober 2016) Bild: Keystone

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Lange hat es gedauert, bis der Zürcher Stadtrat und namentlich der AL-Sicherheitsvorsteher Richard Wolff aus der Deckung kamen, um sich zum besetzten Koch-Areal in Albisrieden zu äussern. Konkret: zum Partylärm, den die Anwohner dort trotz zahlloser Klagen Woche für Woche ertragen mussten.

Jetzt endlich hat sich der Stadtrat zu einer gemeinsamen Haltung zusammengerauft, und man stellt mit Erleichterung fest: Er reagiert, statt das Problem weiter zu negieren. Und er reagiert massvoll. Indem er den Besetzern klare Regeln vorschreibt, ihnen aber einen gewissen Spielraum für kulturelle Veranstaltungen lässt. Und indem er eine Räumung zwar androht, aber nur als allerletztes Mittel.

Weder Züri West noch Baby Jail

Das ist vernünftig, nachdem zuletzt angesichts des langen Schweigens des Stadtrats jene Stimmen das Vakuum füllten, die extreme Lösungen propagieren. Damit wäre wenig erreicht. Wenn bürgerliche Politiker wieder einmal für Räumungen auf Vorrat plädierten, blieben sie eine plausible Antwort schuldig, wie diese Politik aufgehen soll. Wie man danach mit den leer stehenden Gebäuden umgehen sollte.

Es ist auch vernünftig, dass der Stadtrat die Interessen der Anwohner ernst nimmt, ohne jene der Besetzer zu ignorieren. Gefragt ist in einer lebendigen Stadt nicht Nulltoleranz, sondern ein für alle verträglicher Rahmen fürs Zusammenleben. Wenn im besetzten Koch-Areal auch künftig ein paar Konzerte stattfinden dürfen, profitieren langfristig vielleicht sogar Leute, die niemals dorthin gehen würden. Ohne Konzerte in besetzten Häusern gäbe es wohl keine Züri West, keine Baby Jail und nicht mal die Kinderlieder von Schtärneföifi.

Eine Chance geben

Natürlich muss sich erst weisen, ob sich die neuen Regeln bewähren. Ob sich die kompromisslosen unter den Besetzern in ihrer Verweigerungshaltung überhaupt darum scheren. Aber indem der Stadtrat bei Verstössen dagegen eine schrittweise Eskalation bis hin zur Räumung vorzeichnet, verleiht er diesen genügend Druck.

Wäre der Stadtrat früher mit seinen Massnahmen gekommen, hätte man nur applaudieren können. So aber bleiben Fragen: Warum genau hat es so lange gedauert, bis er etwas unternimmt? Und warum hat es dazu erst massiven öffentlichen Druck gebraucht? Das ist rückblickend unverständlich. So schwierig war das doch nicht.

Am Stadtrat, vor allem an Richard Wolff, dürften diese Fragen noch länger hängen bleiben. Fürs Erste ist trotzdem zu hoffen, dass sich nun alle Involvierten zurückhalten. Dass sie dem Stadtrat eine Chance geben, statt die Situation weiter anzuheizen, um politisches Kapital daraus zu schlagen. Dem Frieden in Albisrieden zuliebe.

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Erstellt: 06.10.2016, 15:10 Uhr

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