König der Zürcher Billig-Coiffeure arbeitet an seinem dritten Film

Ghamkin Saleh hat ein Coiffeur-Königreich aufgebaut – sein Herz schlägt aber für das Filmemachen. In seinem neusten Projekt steckt viel von seinem eigenen Lebensweg.

Ist mit Haareschneiden nicht «richtig reich» geworden, mit Filmen bislang überhaupt nicht: Ghamkin Saleh. Foto: Urs Jaudas

Ist mit Haareschneiden nicht «richtig reich» geworden, mit Filmen bislang überhaupt nicht: Ghamkin Saleh. Foto: Urs Jaudas

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In seinem Kopf ist der Spielfilm längst fertig. Ghamkin Saleh kennt die Szenen, die Dialoge, die Drehorte. Die Darsteller stehen fest. Und 13 Minuten Film sind auch schon abgedreht, mit einem winzigen Filmteam in Salehs Heimatstadt Kamischli im kurdischen Norden Syriens. Aber jetzt stockt das Projekt. 300'000, sagt er, vielleicht 400'000 Franken braucht er, um den Film zu vollenden. Aber an die Töpfe der Filmförderung kommt Saleh nicht heran. Denn er ist in der Schweizer Filmszene ein absoluter Aussenseiter. Darum sucht er private Gönner.

Man kennt Saleh in Zürich als Coiffeur. Ghamkin und seine Brüder haben in der Schweiz ein Haarschnitt-Königreich aufgebaut, 15 Saleh-Salons in Zürich, Dietikon, Basel. Das Geschäftsprinzip ist ebenso einfach wie erfolgreich: 20 Minuten soll ein Haarschnitt dauern, nicht mehr als 32 Franken kosten. Saleh sagt, dass die Angestellten bei ihm branchenüblich verdienen, 3800 Franken Anfangslohn, dazu Umsatzbeteiligung. Versicherung, AHV, alles wird ordentlich abgerechnet. Saleh war der Erste mit dem heute oft kopierten Konzept. Er ist fleissig und geschäftet vorwiegend mit Angehörigen und kurdischen Freunden. Aber so richtig reich, sagt er, wird man damit nicht.

Ghamkin Saleh (links) mit dem Hauptdarsteller Bave Taiar auf dem Set in Syrien. Foto: PD

Für Saleh zählt anderes. «Meine Hoffnung, meine Leidenschaft, meine einzige Freude», sagt er, «ist das Filmemachen.» Und das seit mehr als 30 Jahren. Schon als kleiner Junge träumte er davon, Filme zu machen wie sein grosses Vorbild Yilmaz Güney («Yol – der Weg»). Die Filmschule kam in Syrien für einen Kurden nicht infrage, und das Assad-Regime warf ihn – schon lange vor dem Bürgerkrieg – ins Gefängnis. Als politischer Flüchtling kam Saleh vor 27 Jahren in die Schweiz. Hier konnte er seinen Traum wahr machen. Er machte das Filmregisseur-Diplom der F+F-Schule in Zürich und schrieb Drehbücher.

Emigration als Zeitverlust

Ein erster Film («Linsenbündel») schaffte es für ein paar Aufführungen ins Kino. Ein zweites Projekt hat sich trotz Unterstützung des Dokumentarfilmers Paul Riniker vorläufig zerschlagen. In das dritte steckt Saleh nun seine ganze Hoffnung. Es geht um Bave Taiar, einen Kurden in Syrien, dargestellt von einem bekannten kurdischen Schauspieler.

Bave Taiar ist mit vier Frauen und 16 Töchtern gesegnet, aber zu seinem grossen Leid mit nur einem Sohn. Und auch dieser hat ihn verlassen, um in Europa sein Glück zu suchen. Der Patriarch lässt seine eigensinnigen Frauen und Töchter zurück, um den Sohn zu suchen. Auf der Reise über die übliche Flüchtlingsroute durch die Türkei, Griechenland und Italien in die Schweiz muss Bave Taiar erkennen, dass seine hergebrachten archaischen Auffassungen einfach nicht mehr in sein Leben passen. Am Schluss sagt er: «Da renne ich einem einzigen Sohn nach, der mich verlassen hat. Aber zu Hause habe ich so wunderbare Töchter.»

Man verliert so viel, wenn man seine Heimat verlässt.Ghamkin Saleh

In der Figur Bave Taiar steckt viel Ghamkin Saleh und viel von seinem eigenen Lebensweg. Der 49-Jährige hat zwei Töchter im besten (und schwierigsten) Teenageralter. «Weisst du», sagt Saleh, «man verliert so viel, wenn man seine Heimat verlässt.» Gewonnen hat er die Möglichkeit, seine Filmträume umzusetzen. «Stoppen kann man mich nicht.»

Erstellt: 10.06.2019, 17:51 Uhr

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