Können Zürcher Gamer die Banker ersetzen?

Noch sind Banken und Versicherungen Zürichs «finanzielles Rückgrat». Nun lockt ein neuer Milliarden-Markt.

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Sie sollen die Erben der lichtscheuen Gnome von Zürich sein: aufgeschlossene junge Leute wie Philomena Schwab, eine Endzwanzigerin mit smarter Brille. Sie wollte nicht Coiffeurin werden und leitet nun ein aufstrebendes Game-Entwicklungs-Studio. Oder Liliane Haltmeier, Mitte dreissig. Vor ein paar Jahren gründete sie zusammen mit einer Studienkollegin ein Architekturbüro und hat schon mehrere Wettbewerbe gewonnen.

«Gnomes of Zurich» war der Schmähbegriff des Auslands für die Bankiers vom Paradeplatz, die angeblich in unterirdischen Hallen Geld auftürmen. Die Bewohner von Zürich sahen diese Gnome eher als Heinzelmännchen: nicht innig geliebt, aber stillschweigend geschätzt. Man wusste: Das Wohl der Stadt hängt von ihnen ab. Und das tut es immer noch.

Orchester zählen auch

Banken und Versicherungen seien Zürichs «finanzielles Rückgrat», sagte Stadtpräsidentin Corine Mauch jüngst bei einer Standortanalyse. Ein Viertel der lokalen Wertschöpfung und jeder sechste Arbeitsplatz hängen von der Finanzbranche ab.

Aber andere Branchen gewinnen an Bedeutung, und die Stadt möchte die Abhängigkeit von Banken und Versicherern verringern. Diversifizierung heisst das Zauberwort. Grosse Hoffnung setzt der links-grüne Stadtrat in die sogenannte Kreativwirtschaft. Sie soll gefördert werden, steht in der offiziellen Zukunftsstrategie bis 2035. Und zwar an zweiter Stelle, hinter den guten Rahmenbedingungen für Banken und Versicherungen.

Aber kommt die Stadt damit voran? Aktuelle Daten und Interviews mit Vertretern der Kreativwirtschaft legen einen doppelten Schluss nahe: Ein paar Teilbranchen wachsen zwar stark, aber nicht wegen direkter Fördermassnahmen der Stadt, sondern primär wegen der Hochschulen und der hohen Lebensqualität.

Architektur wächst stark: Liliane Haltmeier bei der Arbeit im jungen Büro Haltmeier Kister. Bild: Raisa Durandi

Die Zürcher Kreativwirtschaft beschäftigt über 47'000 Personen, die sich fast 34'000 Vollzeitstellen teilen. Damit ist sie die Nummer zwei hinter der Finanzbranche mit knapp 60'000 Stellen. Auch punkto Wertschöpfung liegt die Kreativwirtschaft laut Clusterdaten der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion nur hinter der Finanzbranche zurück.

Die Kreativbranche ist allerdings viel buntscheckiger. Sie umfasst laut einem Bericht des Forschers Christoph Weckerle von der ZHDK, der auf internationalen Definitionen beruht, über 50 Unternehmenstypen. Darunter so unterschiedliche wie Werbeagenturen, Orchester, Goldschmiede oder Nachtclubs – und längst nicht alle gedeihen in der Stadt Zürich gleich gut.

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Im Gegenteil: Laut Statistik ging etwa bei Zeitungsverlegern in den vergangenen Jahren jede fünfte Vollzeitstelle verloren, bei Messeveranstaltern jede zehnte. Am positiven Ende der Skala ragen zwei Teilbranchen heraus, die ganz allein für fast 90 Prozent des Nettowachstums der Stadtzürcher Kreativwirtschaft verantwortlich sind. Oder in absoluten Zahlen: für 2600 von insgesamt 3000 zusätzlichen Vollzeitstellen. Diese zwei Branchen sind Programmierfirmen und Architekturbüros.

Dass Programmierbuden statistisch den Kreativen zugerechnet werden, ist aus mehreren Gründen umstritten. Bloss eine Handvoll der Zürcher Programmierfirmen sind wirklich in jenem Metier tätig, das in Berichten zur Kreativwirtschaft besonders gern hervorgehoben wird: Game-Entwicklung. Weil die Forscher die Entwicklung von Bürosoftware nicht als Teil der Kreativwirtschaft sehen, rechnen sie nur zwei Drittel aller Programmierbetriebe in die Statistik ein. Aber auch dieser Wert sei mit über 1200 Firmen noch irrwitzig hoch, sagen Vertreter der Gameszene.

Finnische Firmen trieben in den vergangenen fünf Jahren privates Risikokapital im Umfang von 100 Millionen Euro auf.

Umgekehrt lässt sich argumentieren, jede Programmiertätigkeit sei kreative Arbeit. Der Zürcher Unternehmer Moritz Zumbühl, ein Mittdreissiger, weist darauf hin, dass sein Game-Entwicklungs-Studio Blindflug zwar als Programmierbetrieb erfasst wird, aber auch Grafiker und einen Musiker beschäftigt. Dass die städtische Politik sich allzu einseitig aufs Fördern von Programmieren versteift, findet Zumbühl unsinnig.

Klar ist nur, warum Zürich gerne zur Game-Entwicklungs-Stadt würde. Es ist ein globaler Markt, der schon etwa 140 Milliarden Franken im Jahr erwirtschaftet – Tendenz: rasant steigend. Weniger klar ist, ob die Stadt dafür genug unternimmt. Eine Umfrage unter jungen Frauen und Männern, die eine Game-Entwicklungs-Firma gegründet haben, stimmt skeptisch. Sie alle erwähnen das «Ludicious»-Festival, einen Vernetzungsanlass, an den die Stadt 100'000 Franken bezahlt. Darüber hinaus bewege sich jedoch wenig.

Einige haben zwar Subventionen von Pro Helvetia erhalten, aber alle sind der Ansicht, es brauche mehr Fördergelder für konkrete Projekte. Zumbühl verweist auf Finnland. Der Grossraum Helsinki, Brutstätte von Spielen wie «Angry Birds», ist heute ein globaler Gaming-Hotspot. Auch, weil ein Staatsfonds sich jährlich mit mehreren Millionen Euro an Spielentwicklungen beteiligt, um das Investitionsrisiko für private Geldgeber zu reduzieren. So trieben finnische Firmen in den vergangenen fünf Jahren privates Risikokapital im Umfang von 100 Millionen Euro auf.

Zürich hinkt hinterher

Ein anderes Problem ist laut Zumbühl, dass Start-ups kaum Fachleute von ausserhalb Europas anstellen können, weil die kantonalen Verfahren lange dauern und die Kontingente meist an Grossunternehmen wie Google gehen. Einen konkreten Verbesserungsvorschlag hat Philomena Schwab, die mit ihren Stray-Fawn-Studio internationale Beachtung geniesst und bald das dritte Game auf den Markt bringt. Sie wünscht sich mehr günstige Arbeitsräume – «am liebsten in Form eines Game-Hauses, wo viele Studios arbeiten und Wissen austauschen können».

«Die Branche ist an einem Scheideweg»: Die Gamedesignerin Tabea Iseli (links) mit ihrer Kollegin Helen Galliker. Bild: Urs Jaudas

Die Zürcher Gamebranche stehe an einem Scheideweg, glaubt Tabea Iseli. Die junge Entwicklerin hat gerade die Firma Stardust gegründet. Unterstützung durch die Stadt könne ausschlaggebend sein fürs Überleben jener Firmen, die erste Erfolge verzeichnet haben. Sonst könnten die Gameentwickler, die an der Zürcher Hochschule der Künste ausgebildet werden, bald weg sein. Denn Spiele entwickeln kann man überall. Der Markt funktioniert global, und im Ausland sind die Lebens- und Lohnkosten attraktiver.

Weniger mobil sind die jungen Zürcher Architektinnen und Architekten, Vertreter der zweiten stark wachsenden Kreativbranche der Stadt. Aber auch sie haben einen dringenden Verbesserungsvorschlag: «Die Stadt könnte jungen Büros helfen, indem sie vermehrt offene Architekturwettbewerbe ausschreibt», sagt Liliane Haltmeier, die sich 2014 selbstständig gemacht hat. Das heisst: Wettbewerbe, an denen alle teilnehmen können. Heute würden oft nur etablierte Büros eingeladen oder es gibt eine Vorqualifikation, in der man ohne Referenzen kaum Chancen habe.

Darauf wies kürzlich das Fachmagazin «Hochparterre» hin, nachdem sich in der Ostschweiz die Autos junger Architekten stauten – Anlass war der einzige offene Projektwettbewerb der Deutschschweiz in drei Monaten. Martin Zimmerli, mit seinen Partnern vom Büro Skop gerade für einen Schulhausbau ausgezeichnet, arbeitete früher bei Herzog & de Meuron. Er sagt, die Architekturszene in Basel sei viel dynamischer. «Dort gibt es verschiedene Projekte, die gezielt junge Architekturbüros fördern – so was kenne ich in Zürich nicht.» Ein Fortschritt wäre schon, wenn die Stadt auch kleinste Umbauten an externe Büros vergeben würde. «Als junges Büro macht man so ziemlich alles.»

Erstellt: 12.04.2019, 08:22 Uhr

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