Krach an der Langstrasse: Der Sündenbock ist gefunden

Anwohner und Nachtclubs sind im Clinch. Einig sind sie sich nur, wer für Lärm und Wildpinkler verantwortlich ist.

Rund um die Uhr was los: Die Piazza Cella an der Zürcher Langstrasse.

Rund um die Uhr was los: Die Piazza Cella an der Zürcher Langstrasse. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Stadt Zürich hat ihr «Projekt Nachtleben» abgeschlossen, mit dem sie laut eigenen Angaben «eine Art Gleichgewicht» schaffen wollte zwischen den Leuten, «die Party und Vergnügen suchen oder ähnliches anbieten», und der Wohnbevölkerung jener Quartiere, die Nachtruhe fordern. Über die Jahre habe sich bei Letzteren «schleichend Frust» über die Zustände aufgebaut.

Heute Montag nun präsentierte die Stadt die Massnahmen, die im Rahmen des Projekts an Runden Tischen und an öffentlichen Veranstaltungen gemeinsam mit Anwohnern, Bar- und Clubbetreibern sowie Vertretern aus acht städtischen Departementen erarbeitet und umgesetzt werden konnten.

  • Inhaber von 24-Stunden-Shops mit günstigem Alkoholangebot werden stärker kontrolliert, da Alkoholkonsum häufig Ursache für «unschöne Begleiterscheinungen des Ausgangs» sei.
  • Innenhöfe werden ab 22 Uhr vor Lärm durch Gastrobetriebe geschützt.
  • An stark frequentierten Orten werden mobile Pissoirs aufgestellt.
  • Ein spezialisiertes Akustikunternehmen wurde von der Stadt beauftragt abzuklären, ob mit technischen Massnahmen wie beispielsweise schallabsorbierenden Fassaden der Lärm verringert werden kann.
  • Clubs oder Barbetriebe, die nach auch nach Mitternacht noch offen sind, brauchen seit 2015 eine Baubewilligung. So sind Einsprachen durch Anwohner möglich.
  • Eine Online-Plattform fördert den Dialog zwischen Anwohnern, Club- und Barbetreibern.

Wie das zuständige Sicherheitsdepartement schreibt, handle es sich bei den Massnahmen lediglich um punktuelle Verbesserungen. Die Probleme würden dadurch nicht grundsätzlich verschwinden. «Die Begleiterscheinungen des Nachtlebens werden die Stadt auch weiterhin fordern.»

Irrtum «lebendige Stadt»

Wie sehr das Thema noch zu reden gibt, zeigt sich in der Reaktion von Walter Ramseier auf die Ergebnisse des «Projekts Nachtleben». Der Architekt hat 2015 gemeinsam mit 100 anderen Anwohnern und Hausbesitzern des Quartiers einen offenen Brief an die Stadt verfasst, in dem sie die unhaltbaren Zustände in der Partymeile Langstrasse anprangerten.

«Der Bericht zeigt, dass die Stadt mehr Interesse an der Partyszene hat als am Schutz der Wohnqualität der Bewohner.»Walter Ramseier,
Bewohner Langstrassenquartier

«Der Bericht ist zwar gut gemeint, zeigt aber, dass die Stadt mehr Interesse an der Partyszene hat als am Schutz der Wohnqualität der Bewohner – auch wenn das Gegenteil behauptet wird», sagt Ramseier, der auch an den Runden Tischen teilgenommen hat. Die Runden Tische und alle scheinbaren Bemühungen hätten ausser einem WC auf der Piazza Cella nichts gebracht und es sei ihm nach wie vor schleierhaft, warum die «Exzesse im Langstrassenquarier durch die Erteilung jedwelcher Bewilligung gefördert werden». Da liege offenbar ein grosser Irrtum darüber vor, was eine lebendige Stadt ausmache.

«Griffiges Vorgehen» gegen 24-Stunden-Shops

Das Langstrassenquartier sei in einem absolut desolaten Zustand, sagt Ramseier, der seit rund 40 Jahren nahe der Langstrasse lebt und die Quartiergruppe vertritt. Viele Alteingesessene seien inzwischen zermürbt ausgezogen. Wer neu hierher ziehe, mache selber Lärm und ziehe nach kurzer Zeit weiter. «Dies ist auch die Erklärung, warum im Kreis 4 selten gegen neue Betriebe rekurriert wird.» Dabei müsste insbesondere gegen die Inhaber von 24-Stunden-Shops «griffig» vorgegangen werden. «Dass dies rechtlich nicht möglich sei, ist eine Ausrede.»

Auch bei der Bar und Club Kommission (BCK) Zürich ist man der Meinung, dass die Inhaber solcher Shops, die rund um die Uhr Alkohol verkaufen, stärker in die Verantwortung genommen werden müssten. «Die Clubs und Bars macht man schon jetzt für das Verhalten ihrer Gäste verantwortlich. Bei den Shops scheint dies bisher leider noch nicht der Fall zu sein», sagt BCK-Sprecher Alexander Bücheli.

Lärm gehört dazu

Ansonsten fällt das Urteil des BCK zum Projekt Nachtleben wesentlich wohlwollender aus als jenes der Quartiergruppe. Insbesondere begrüsse man, dass die Stadt das Nachtleben als wichtigen Bestandteil von Zürich anerkenne. Die bereits gute Zusammenarbeit mit den Behörden sei mit dem Projekt noch intensiviert worden, sagt Bücheli. Auch der BCK wolle dafür sorgen, dass es weniger Lärmemissionen gebe. «Wir finden es daher äusserst spannend, neue technische Möglichkeiten zur Lärmdämmung im öffentlichen Raum zu testen, und sind gerne bereit, Hand zu bieten», sagt Bücheli.

«Lärm gehört zum Nachtleben dazu. Aber in der Stadt Zürich ist nur ein kleiner Teil tatsächlich von diesem Lärm betroffen.»Alexander Bücheli, 
Sprecher Bar und Club Kommission Zürich

Es könne allerdings nicht sein, dass die Betreiber von Bars und Clubs solche baulichen Massnahmen alleine finanzieren müssen. «Die baulichen Hürden, um eine Bewilligung zu erhalten, werden ohnehin immer grösser. Unter diesen Voraussetzungen können viele Ideen für nicht kommerziell ausgerichtete Lokale gar nicht erst umgesetzt werden.»

Bücheli betont abschliessend, dass es nie ein ruhiges Nachtleben geben werde. «Lärm gehört dazu. Aber in der Stadt Zürich ist nur ein kleiner Teil tatsächlich von diesem Lärm betroffen.»

Erstellt: 17.12.2018, 17:17 Uhr

Artikel zum Thema

Lärm, Geschrei, Wildpinkler: Das hilft gegen das Langstrasse-Chaos

Die Verantwortlichen des «Projekts Nachtleben» schlagen konkrete Massnahmen gegen Lärm und Littering vor. Mehr...

Sie ist die Madame Langstrasse

Alexandra Heeb vermittelt zwischen Clubs, Anwohnern und der Polizei. Das Zürcher Nachtleben besitze «Sprengkraft», wie sie sagt. Mehr...

Kampf um die Langstrasse: Erster Sieg der 115

Vor drei Jahren wehrten sich Anwohner aus dem Langstrassenquartier gegen den Partylärm. Politisch sind sie nicht weitergekommen. Nun hoffen sie auf die Gerichte. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...