Kreis 4 und 5 – das Utopia der Schweiz?

Zwei Zürcher Stadtkreise sagen Ja zum Grundeinkommen – ebenso wie einige Quartiere in Genf. Diese aber aus einem anderen Grund.

«Hier ist man einfach offener als im Rest der Stadt»: Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat in den Kreisen 4 und 5 nachgefragt. (Video: Stefanie Hasler und Lea Koch)

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In den beiden ehemaligen Zürcher Arbeiterkreisen 4 und 5 hat die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen überraschend eine Mehrheit gefunden. Sozialdemokraten, Grüne und Alternative Liste hatten hier bei den letzten Gemeinderatswahlen eine Mehrheit von 63 Prozent erzielt. Etwas geringer war die Zustimmung für das Volksbegehren gestern Sonntag: Rund 55 Prozent der Bevölkerung in den beiden Wahlkreisen sagten Ja zum bedingungslosen Grundeinkommen. Ein Resultat vergleichbar mit der 1:12-Initiative, wo die Kreise 4 und 5 dem Anliegen mit 52,3 Prozent Ja-Stimmen zustimmten.

Für Simon Diggelmann, SP-Gemeinderat aus dem Kreis 5, ist es ein Zeichen, dass die Quartierbevölkerung offen sei für gesellschaftliche und relevante Diskussionen. In diesem Fall habe es sich um die Grundsatzfrage gehandelt, welche Antworten man auf die zunehmende Automatisierung in der Arbeitswelt habe. Zudem weist Diggelmann darauf hin, dass in den beiden Stadtkreisen neben zunehmend Gutverdienenden immer noch Menschen aus der klassischen Arbeiterschicht wohnen.

Angelo Barrile, SP-Nationalrat aus dem Kreis 5, betont, dass das Ja zur Volksinitiative kein Protest zu den Sozialwerken sei. Es widerspiegle die Angst vor der Zukunft mit der Digitalisierung und Roboterisierung der Arbeitswelt und der Verdrängung von Arbeitsplätzen. Es seien ähnliche Ängste wie bei der Gentrifizierung, also die Verdrängung von Wohnraum. Die Kreise 4 und 5 seien schon immer offen für neue Ideen gewesen, in diesem Fall für eine Utopie.

Unterschied zur Westschweiz

Auch für den Politologen Michael Hermann ist das Resultat keine Überraschung: Die Vorlage ist ein Anliegen der kreativen Klasse. Die Kreise 4 und 5 seien nicht mehr die klassischen Arbeiterkreise der sogenannten materiellen Linken, sondern von «postmateriellen Linken». Für Postmaterialisten ist das Streben nach materiellen Gütern von geringerer Bedeutung als für «abstrakte, höhere» Werte. Beispielsweise Gesundheit, Freiheit, Glück, Kultur, Bildung, Tier- oder Umweltschutz.

Bei diesen Leuten, so Hermann, sei das Anliegen auf fruchtbaren Boden gefallen. Es handle sich um Leute, die eine berufliche Perspektive hätten und dem Anliegen vor allem aus Sympathiegründen zugestimmt hätten. Dies im Gegensatz zu dem höheren Ja-Stimmen-Anteil in der Romandie, wo die klassische, materielle Linke der Vorlage zugestimmt habe. Also Menschen, die vom bedingungslosen Grundeinkommen konkret profitiert hätten, beispielsweise weil sie arbeitslos sind oder Sozialhilfe beziehen. In der Tat fand die Vorlage in der lateinischen Schweiz mehr Sympathien als in der Deutschschweiz.

Das zeigt sich auch in Genf, wo vier Quartiere der Initiative zustimmten. Die Motive dürften verschiedene sein: Während etwa das bekannte Multikulti-Quartier Pâquis mit seinen bunt gemischten, internationalen Bewohnern und der offenen Prostituiertenszene vergleichbar ist mit dem Langstrassenquartier, gilt das Aussenquartier Prairie-Délices eher als sozialer Brennpunkt, in dem viele Bewohner staatliche Unterstützung beziehen und denen ein Grundeinkommen zugutegekommen wäre.

Überrascht blickte die Schweiz zudem in die Waadt, wo das kleine Bauerndorf Sarzens VD als einzige Gemeinde das Grundeinkommen angenommen hat. Das Resultat muss allerdings mit Vorbehalt betrachtet werden: In der 90-Seelen-Gemeinde gingen nur gerade 35 gültige Stimmzettel ein – eine Stimme machte am Ende den Unterschied. 18 Stimmbürger legten ein Ja ein, 17 Stimmbürger ein Nein. Aus den beiden Jurassischen Gemeinden Courroux und Le Bémont wurde ebenfalls ein Ja gemeldet – dies stellte sich jedoch im Nachhinein als Irrtum heraus: Bei der telefonischen Übermittlung der Abstimmungsresultate waren Ja und Nein verwechselt worden. Bemerkenswert ist im Übrigen das Resultat aus Bern: In der Bundeshauptstadt 40 Prozent stimmten Ja. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.06.2016, 12:04 Uhr

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