Das sind die Pläne fürs Kasernenareal

Stadt und Kanton Zürich einigen sich auf die Nutzung des Kasernenareals. Dass die Polizei das Gelände nicht vollständig räumt, stösst auf breite Kritik.

Die Hündeler können aufatmen: Die Kasernenwiese bleibt auch in Zukunft ein öffentlich nutzbarer Freiraum im Herzen der Stadt. Foto: Dominique Meienberg

Die Hündeler können aufatmen: Die Kasernenwiese bleibt auch in Zukunft ein öffentlich nutzbarer Freiraum im Herzen der Stadt. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Masterplan heisst das Zauberwort, mit dem das schon fast historische Planungswirrwarr um das Zürcher Kasernenareal endlich aufgedröselt werden soll. Dieser Zauberplan wurde gestern vorgestellt – und so richtig glücklich war niemand. Als Zürich im vorletzten Jahrhundert noch Garnisonstadt war, sprach niemand von soziokulturellen Bedürfnissen. Doch seit 1987, dem Wegzug des Militärs ins Reppischtal, wird zwischen Gessnerallee, Kasernen und den Zeughäusern in Aussersihl geplant. Möglich wird die Verwirklichung des Masterplans, weil bis 2020 das neue Polizei- und Justizzentrum (PJZ) im Güterbahnhof fertig sein soll. Die von Regierungs- und Stadtrat vorgeschlagenen Nutzungen:

Die Kasernenwiese wird heute zur Hälfte vom provisorischen Polizeigefängnis beansprucht und ist auf dem Rest beliebter Spazier-, Zirkus- und 1.-Mai-Fest-Platz. Gefängnis und Stacheldraht werden abgerissen, und die Wiese wird wieder in voller Grösse als öffentlicher Freiraum nutzbar. Von den hochfliegenden Plänen für einen Wald, einen Park, eine Baumschule oder gar einen See redet niemand mehr.

Die Zeughäuser sollen einem Nutzungsmix aus kulturellen und sozialen Angeboten, autoarmen Gewerbebetrieben sowie Bildungs- und Freizeitnutzungen zugeführt werden. Die Zeughäuser und den Hof gibt der Kanton im Baurecht an die Stadt Zürich ab. Der Vertrag sieht eine Laufzeit von 50 Jahren vor, der Baurechtszins beträgt 410'000 Franken. Weil die Bausubstanz vom Kanton in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt wurde, müssen die Zeughäuser zuerst für 55 Millionen Franken saniert werden. Der Kanton bezahlt daran maximal 30 Millionen Franken. Die Zeughäuser werden in Etappen von 2020 bis 2026 saniert.

Der Zeughaushof bleibt vielfältig nutzbarer öffentlicher Freiraum, der seinen Charakter «im Zusammenspiel mit den künftigen Nutzungen der Zeughäuser finden soll», heisst es im gemeinsamen Masterplan.

Die Polizeikaserne wird – entgegen den ursprünglichen Versprechen des Regierungsrats vor den beiden PJZ-Abstimmungen – weiterhin durch die Kantonspolizei genutzt. 100 bis 250 Polizeiangestellte sollen, je nach Quelle, in diesem Backsteingebäude bleiben. Bis gestern war immer die Rede davon, dass «Führungsbereiche» der Kapo und gar das Kommando dort angesiedelt werden. Urs Grob, Sprecher von Polizeidirektor Mario Fehr (SP), hat nun präzisiert: «In der Polizeikaserne werden lediglich die Abteilungen der Polizeiverwaltung verbleiben, die Querschnittsaufgaben für die gesamte, über den ganzen Kanton verteilte Organisation der Kantonspolizei erbringen. Die Chefs von Kriminal- und Sicherheitspolizei sowie der Kommandant werden ein Büro im PJZ beziehen.» Argumente des Regierungsrats zu dieser Nutzung: Im PJZ werden nicht alle Dienste Platz haben, und die Sanierung der Polizeikaserne für eine Neuvermietung würde 30 Millionen Franken zusätzlich kosten.

Die Militärkaserne als grösster Gebäudekomplex wird in den oberen Stockwerken zum Bildungszentrum für Erwachsene, das heute an der Riesbachstrasse ist. Wegen der kleinräumigen Raumstruktur führt die Nutzung durch eine Schule zu den geringsten Baukosten; heute ist unter anderem die Polizeischule dort einquartiert. Im Erdgeschoss, an bester Passantenlage, sind «publikumsorientierte Nutzungen», insbesondere auch Cafés oder Restaurants geplant. Die Sanierung des 100 Meter langen, denkmalgeschützten Sandsteinbaus kostet 130 Millionen Franken.

Auch wenn sich die Regierungen von Stadt und Kanton nun einig sind, ist die zukünftige Nutzung des Kasernenareals politisch noch nicht beschlossen. Der Gemeinderat muss dem Baurechtsvertrag und einem Planungskredit zustimmen und die Stadtzürcher Bevölkerung den restlichen 25 Millionen für die Instandsetzung der Zeughäuser.

Kritik an Verbleib der Polizei

Der Kantonsrat entscheidet über die 30 Millionen Franken für die Zeughaussanierung. Ohne diesen Beitrag kommt der Baurechtsvertrag nicht zustande. Weil die Stimmung im Kantonsrat im Zusammenhang mit PJZ und Kasernenareal etwas gereizt ist, wird der Kredit kaum ohne Nebengeräusche bewilligt werden. So zeigte sich gestern FDP-Fraktionschef Thomas Vogel «ernüchtert» über den Kompromiss zwischen Stadt und Kanton und den «biederen Masterplan».

Vogels Ärger: Der Regierungsrat hatte in den Abstimmungszeitungen von 2003 und 2011 zur PJZ-Vorlage versprochen: «Das Kasernenareal wird nicht mehr durch Polizei und Justiz beansprucht.» Das sei, so Vogel, ein massgeblicher Faktor für das erneute Bekenntnis insbesondere der Stadtzürcher Bevölkerung für das 570 Millionen Franken teure PJZ gewesen. Seine parlamentarische Initiative im Kantonsrat («Wort halten!»), wurde mit hohen 112 Stimmen unterstützt. Vogel versteht insbesondere nicht, warum der Stadtrat zugunsten der Stadtbevölkerung nicht «mehr auf die Hinterbeine gestanden» ist und für einen vollständigen Wegzug der Kantonspolizei gekämpft hat.

Die SP lobt, dass sich auf dem Kasernenareal «etwas bewegt». Dass die Polizei, entgegen dem Abstimmungsversprechen, weiter Teile des Areals belegt, sei «ein Affront gegenüber der Stimmbevölkerung». Der kantonale SP-Präsident Daniel Frei sieht sich bestätigt mit seinem Vorschlag, das PJZ gleich von Anfang an für 50 bis 100 Millionen Franken zu erweitern, damit wirklich alle Organe von Polizei und Justiz im Platz haben. «Dass nun tatsächlich ein Teil der Kantonspolizei in der alten Kaserne bleiben soll, zeigt, dass wir dieses Problem besser jetzt richtig lösen würden.»

Die Grünen fordern, dass der Volkswille umgesetzt und die Kaserne frei werde. Die AL spricht von einem «tauglichen Vorschlag mit Pferdefuss», Versprechen würden «mit Füssen getreten». Die GLP hält eine weitere Nutzung durch die Kantonspolizei für sinnlos, wenn mit dem PJZ ein grosszügiges Areal gewährt und ein örtlicher Zusammenzug angestrebt werde. Es sei auch «schwer nachvollziehbar», dass die Stadt für die Sanierung der Zeughäuser rund die Hälfte der Kosten tragen soll, diese aber nicht in ihren Besitz übergehen.

«Ein erfreulicher Meilenstein»

Und was sagt der Stadtrat zum Vorwurf, er habe sich zu wenig für den versprochenen Auszug der Kantonspolizei eingesetzt. Matthias Wyssmann, Sprecher von Hochbauvorstand André Odermatt (SP), sagt: «Der Masterplan ist ein erfreulicher Meilenstein, der erlaubt, ein tolles Projekt voranzutreiben.» Bei der Verwendung der Polizeikaserne habe der Stadtrat hingegen eine andere Haltung. «Wir haben dem Masterplan trotzdem zugestimmt, um die Polizeikaserne nicht zum Stolperstein für die ganze Entwicklung zu machen.» Der Stadtrat habe seine Meinung schon 2014 formuliert und dem Regierungsrat mitgeteilt. «In jüngster Zeit hat er seinen Wunsch, diesen Entscheid nochmals zu prüfen, erneuert.»

SVP-Präsident Mauro Tuena sagt: «Die SVP hätte es vorgezogen, wenn die Zeughäuser aus dem Schutz entlassen worden wären und Private Wohnungen mit viel Grünfläche hätten bauen können. Autoarmes Gewerbe und Soziokultur in den Zeughäusern lehnt die SVP ab.»

Erstellt: 17.11.2016, 22:07 Uhr

Artikel zum Thema

Eine etwas gar bünzlige Lösung

Kommentar Der Masterplan für das Zürcher Kasernenareal zeugt von Fantasie- und Mutlosigkeit. Das ist schlimmer als der Wortbruch des Regierungsrats. Mehr...

Polizei soll «bis auf Weiteres» auf dem Kasernenareal bleiben

Der Regierungsrat präsentiert seine Pläne für das Areal. Vollständig frei wird es wohl nicht. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...