Kunst ist kein Trostpflaster

Warum im Streit um ein Kunstwerk in Höngg eigentlich niemand recht haben kann.

Im Gespräch: «Endless Boogie» am Meierhofplatz in Höngg. Fotos: Doris Fanconi

Im Gespräch: «Endless Boogie» am Meierhofplatz in Höngg. Fotos: Doris Fanconi

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Überdimensioniertes Holzklötzchen; Schrott; riesengrosser Glacestengel: Einmal mehr übt sich Zürich in seiner Paradedisziplin, dem Kunst-im-öffentlichen-Raum-Verspotten. Am Pranger steht diesmal eine für die Höngger Raiffeisenbank-Filiale am Meierhofplatz entstandene Skulptur des dänisch-zürcherischen Künstlers Cristian Andersen. Dass der sein Werk ausgerechnet «Endless Boogie» genannt hat, entbehrt an­gesichts des neuerlichen Eiertanzes nicht einer gewissen Komik.

Man muss zugeben: Selbst eingedenk der reichen hiesigen Protest­tradition gegenüber zeitgenössischer Open-Air-Kunst – Hafenkran! Nagelhaus! – ist dieser Fall ein besonders hübsch kleinkarierter. Insofern, als sich alle beteiligten Parteien derart klischeehaft verhalten, dass man meint, einem Schwank beizuwohnen: Das Publikum gibt sich verständnislos-irritiert, der Künstler schmollt, und der Auftraggeber ignoriert die allgemeine Unbill beharrlich und pocht auf seine Rolle als Mäzen und Avantgardeversteher.

Warum nicht mal Mut zum Experiment zeigen?

Eine gute Figur macht dabei freilich keiner. Denn: Wenn die Bank tatsächlich «das breite Interesse an Kunst fördern» und «jungen Künstlern die Möglichkeit, sich zu präsentieren» geben will, dann fragt man sich doch, wieso sie ausgerechnet auf ein Werk setzt, das nun traurig am Strassenrand steht wie ein ausgemustertes Möbel. Warum, liebe Kunstförderer, nicht mal Mut zum Experiment zeigen – und zum Beispiel junge Kunstschaffende ­abwechselnd den Platz vor der Bank bespielen und die Vermittlung gleich selbst übernehmen lassen?

Das wäre fürs Auge des Betrachters allemal stimulierender. Und liesse erst noch besser nachvollziehen, wohin das Fördergeld der Bank fliesst, das manche angesichts der jetzigen Lösung als verschwendet betrachten. Fair ist das natürlich nicht: Von dem Betrag, den ein Auftraggeber für ein Werk auszugeben bereit ist, muss der Künstler neben den Material- und Produktionskosten auch Projektentwicklung, Ateliermiete und allfällige Mitarbeiter bezahlen. Da muss man gut kalkulieren, soll unterm Strich noch etwas übrig bleiben.

Die denkbar ungünstigste Kulisse

Trotzdem: Der vielstimmige Einwand, «Endless Boogie» hinke seinem Titel in Sachen Spritzigkeit ein wenig hinterher, ist nicht ganz unberechtigt. Ob der Trick in der Perspektive liegt, aus der man sich dem Werk nähert? Jedenfalls meldete sich der Künstler auf den Artikel vom 2. Dezember stante pede beim «Tages-Anzeiger» und monierte, das abgedruckte Foto zeige sein Werk aus einem ungünstigen Blickwinkel. Das ist bedenkenswert – aber angesichts der Tatsache, dass sich eine Skulptur ja gerade durch ihre Dreidimensionalität und also ihre Betrachtung von allen Seiten definiert, doch auch ein bisschen erstaunlich.

Wo man Andersen freilich uneingeschränkt recht geben muss: Der Meierhofplatz – weniger Platz als zufällige Schnittstelle diverser Strassen, Gebäude und Baustile – ist für ein Kunstwerk die denkbar ungünstigste Kulisse. Da macht es durchaus Sinn, dass der Künstler im Vorfeld erklärte, bei dem Projekt sei es in erster Linie darum gegangen, den Ort «aufzuräumen».

Ob die Idee, den bereits vorhandenen Notwasserbrunnen zum Kunstwerk zu erheben und dies mittels eines daneben platzierten rosa Quaders zu signalisieren, die ideale Lösung war (oder ob sie nicht eher einer gestalterischen Kapitulation gleichkommt), mag jeder Betrachter für sich selbst entscheiden. Fakt ist, dass bereits die Aufgabenstellung einen groben Denkfehler beinhaltet: Nämlich den, dass ein städtebaulich zugrunde gerichteter Flecken mittels Kunst aufgewertet werden könne.

Pflanzen Sie halt einen Baum

Da hat man also einen Unort, und nun solls die Kunst bitte richten. Das Problem ist bloss: Kunst – zumal zeit­genössische – ist weder Dekoration noch ästhetisches Pflästerli. Sondern Denkanstoss, Reibungsfläche für Intellekt und fürs Auge. Als solches kann sie zwar durchaus im öffentlichen Raum funktionieren (siehe etwa Lawrence Weiners subtile Bodenarbeiten am Bellevue, Helvetia- und Limmatplatz). Geradebiegen, was andere verbockt haben, ist indes nicht ihre Aufgabe. Wenn man sie dahingehend verbiegt, kommt nichts Gutes dabei raus. Beziehungsweise eben ein vom Verkehr umspültes, vom Publikum verhöhntes Klötzchen am Stiel.

Kurzum: Sie suchen nach einer Aufhübschung, die jedermann erfreuen und langfristig gedeihen wird? ­Pflanzen Sie am besten einen Baum.

Erstellt: 04.12.2015, 22:19 Uhr

Da hat man also einen Unort, und nun solls die Kunst bitte richten.

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