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Lagergeschichten für die Ewigkeit

Saisonstart am Samstag bei den Zürcher Seepfadfindern. Auf dem Zürichsee und der Limmat lernen die Mädchen und Buben segeln, Seemannsknoten knüpfen und vieles mehr.

Die Matrosenmütze der Zürcher Seepfadfinder, der einzigen in der Schweiz.
Die Matrosenmütze der Zürcher Seepfadfinder, der einzigen in der Schweiz.
Urs Jaudas
Die Mädchen und Buben der Zürcher Seepfadi tragen alle ihr Pfadihemd, ein blaues, statt ein braunes, wie die «normalen» Pfadfinder.
Die Mädchen und Buben der Zürcher Seepfadi tragen alle ihr Pfadihemd, ein blaues, statt ein braunes, wie die «normalen» Pfadfinder.
Urs Jaudas
Bei der Besammlung zur Saisoneröffnung mit dem Dreizack  des Neptun, dem Gott der Meere.
Bei der Besammlung zur Saisoneröffnung mit dem Dreizack des Neptun, dem Gott der Meere.
Urs Jaudas
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Auf dem Bootsplatz Ithaka in Wollishofen, dem Zentrum der Seepfadi Zürich, gleich neben der Werft der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft, wird ein Kind nach dem anderen durchgeschüttelt. Achtzehn an der Zahl. Und das öffentlich, unter den Augen ihrer Eltern – und diese haben auch noch Freude daran.

Es ist das Fest zum Saisonanfang der Zürcher Seepfadfinder. Inklusive «Schütteln» der elfjährigen Seewölfe, die nun zu den Seepfadis übertreten. Eine symbolische Zeremonie, bei der die Seepfadfinder ein Spalier bilden und die übertretenden Seewölfe wie auf einem Trampolin zum anderen Ende schütteln, bis sie wieder auf dem Boden landen und in der neuen Gruppe willkommen geheissen werden.

Das Wasser ist ihr Revier

Die Mädchen und Buben der Zürcher Seepfadi tragen alle ihr Pfadihemd, ein blaues, statt ein braunes, wie die «normalen» Pfadfinder. Einige haben weisse Matrosenmützen aufgesetzt. Auf das Blau seien sie stolz, sagt Claudio Manz v/o Dezibel, Abteilungsleiter der einzigen Schweizer Seepfadfinder. Der 25Jährige Rotschopf ist seit acht Jahren mit «Leib und Seele» dabei und scheint auf dem Platz der Tätschmeister zu sein. Mit ihm opfern aber noch 24 andere Leiterinnen und Leiter jahraus, jahrein fast ihre ganze Freizeit für die jungen sechs- bis elfjährigen Seewölfe und die elf- bis sechzehnjährigen Seepfadis.

Im Winterhalbjahr sind die Mädchen und Buben ganz normale Pfadis, die im Wald Seilbrücken spannen, Karten lesen, Blachenzelte bauen und Morsen. Die Pfaditechnik erlernen die Kinder spielerisch in Abenteuern. Im Sommer ist ihr Revier das Wasser. Ob auf dem Zürichsee mit ihren Segelschiffen und Ruderbooten oder auf der Limmat mit den Weidlingen.

Meisten Schiffe sind Geschenke

Jeden Samstagnachmittag mit der Jolle über den See flitzen, wenn der Wind bläst. Wer wollte da nicht mit dabei sein? Immerhin können die Zürcher Seepfadis eine ansehnliche Flotte ihr eigen nennen. Ein 13 Meter langes Ruderboot namens Arktis, 2 Weidlinge, 2 Übersetzer, 9 Jollen und ihr ganzer Stolz, das Segel-Flaggschiff Delphi, ein 25jähriges ehemaliges Hochseerettungsboot.

Die meisten Schiffe sind Geschenke oder konnten mittels Spenden erworben werden. Dazu gibt’s ein Bootshaus, das als Materiallager für Schwimmwesten, Ruder und sonstiges Schiffsmaterial genutzt wird. Sogar eine Werkstatt besitzen die jungen Matrosen, «das blaue Wunder» heisst der Raum, wo im Winter repariert, geschmirgelt und gemalt wird.

Kein Geld für Werbung

Ob all dem verwundert es, dass die 1958 begründete Zürcher Seepfadfi schon um ihren Bestand bangen musste. Sind es heute wieder um die 90 Seepfadis und Seewölfe, waren es vor fünfzehn Jahren gerade noch 30 Kinder. Die Konkurrenz von Fussball, Tennis, Büffeln für die Schule und Gamen ist gross, sagt Leiter Dezibel.

Die Finanzierung der Abenteuer ist überdies schwierig, denn für Werbung haben die jungen Matrosen kein Geld. Mit den Mitgliederbeiträgen des Pfadikorps Glockenhof, der Stadtzürcher Pfadiabteilungen beherbergt, kommen sie nicht weit. Darum mache die Finanzierung zuweilen erfinderisch.

Beim Erwerb des Übersetzbootes Pollux haben sie Bootaktien herausgegeben. «Da konnten die Eltern einen Teil der Sitzbank oder des Bugs kaufen.» Ein bisschen Geld fliesst auch vom Elterngönnerverein (egv@seepfadi.ch) und von Jugend und Sport.

Unfallfreie Fahrt seit 50 Jahren

Militärisch gehe es aber trotzdem nicht zu und her. Eine gewisse Disziplin müsse aber auf dem Wasser sein, denn schliesslich tragen die Leiter eine grosse Verantwortung. Das sei auch der Grund, weshalb sie grossen Wert auf eine gute Ausbildung legten. Die Seepfaditechnik und nautischen Grundlagen bringen die Leiterinnen und Leiter in Kursen den Seepfadis selbst bei. Selbstverständlich sind alle Leiterinnen und Leiter Rettungsschwimmer. «Dank der umfassenden Ausbildung fahren wir seit fünfzig Jahren unfallfrei», sagt Dezibel.

Für Claudio, den angehenden Umwelt-Ingenieur bietet die Seepfadi «eine sinnstiftende Aktivität, bei der man den respektvollen Umgang miteinander pflegt und lernt, der Umwelt Sorge zu tragen». Die Abenteuer auf dem Zürichsee fördern zudem den Gruppengeist und man lerne den Umgang mit den Gefahren, die ein Gewässer birgt. «Miteinander erleben und durchhalten, das stärkt.» Zudem würden in der Seepfadi viele enge Freundschaften geknüpft, die über die aktive Zeit hinausreichten. Viele Ehemalige würden jedes Jahr bei der Saisoneröffnung ihre alten Abenteuergeschichten von damals erzählen. Wie sie etwa auf dem Weg zum Sommerlager wegen eines Sturms auf der Insel Ufenau strandeten und die Nacht dort verbringen mussten.

Das traditionelle Sommerlager ist ein Höhepunkt im Seepfadi-Sommer. Diese zehn- bis zwölfstündige, nächtliche Fahrt an den Obersee, wo die Seepfadi eine Baracke eines alten Steinbruchs besitzt, ist für alle ein Erlebnis. «Diese Lagergeschichten bleiben im Gedächtnis haften, ein Leben lang», sagt Claudio. Aber auch die Linth-Fahrt, wo die Mädchen und Buben mit einer speziellen Seiltechnik ihre Weidlinge bis an den Walensee ziehen, dort übernachten und am folgenden Tag die Talfahrt den Kanal hinunter geniessen.

Romantische Feier am Seeufer

Dem ist aber noch nicht genug, da gibt es auch noch das Pfingstlager, das Samichlaus-Weekend und die romantische Weihnachtsfeier am Seeufer, wo kleine Schiffchen mit Kerzen die Wünsche der Seepfadfinder aufs Wasser hinaus tragen. «Das grosse Engagement, das die Leiterinnen und Leiter mit Freude und Motivation für die Seepfadi an den Tag legen, beeindruckt mich enorm», sagt Claudio. «Sie sind das Fundament für unsere erfolgreiche Seepfadi.»

Claudio Manz hat sein Engagement nie bereut. «Die Mühe und Fronarbeit zahlt sich hundertfach aus.» Irgendwann ist dann auch für den 25-jährigen ETH-Studenten Schluss mit d3er Seepfadi. Doch bis zum Ende seines Umwelt-Ingenieur-Studiums will Claudio Manz noch nicht ans Aufhören denken.

www.seepfadi.ch

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