«Ich will mich an dieser Stelle Ludmila nennen»

In Zürich leben Tausende Sans-Papiers: im Untergrund. Nun tut sich was – damit auch Ludmila nicht mehr sagen müsste: «Ich existiere nicht.»

Unauffällig um jeden Preis: Ludmila ist in acht Jahren noch nie in eine Polizeikontrolle geraten. Foto: Urs Jaudas

Unauffällig um jeden Preis: Ludmila ist in acht Jahren noch nie in eine Polizeikontrolle geraten. Foto: Urs Jaudas

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«Ich will mich an dieser Stelle Ludmila nennen. Frühmorgens stehe ich an der Limmatstrasse. Es ist noch dunkel, kein Mensch weit und breit, kaum Verkehr. Direkt gegenüber befindet sich die Tramhaltestelle. Da muss ich hin, doch ich getraue mich nicht, über die Strasse zu gehen. Das wäre illegal. Also marschiere ich hundert Meter zum nächsten Zebrastreifen und danach wieder hundert Meter zurück. Das ist verrückt. Jeder normale Mensch würde die Strasse einfach überqueren. Ich nicht. Ich tue alles, um nicht aufzufallen. Eigentlich gibt es mich gar nicht – und so verhalte ich mich auch.»

Etwas Illegales zu tun, ist Ludmilas grösste Angst. Dabei ist sie es selbst: illegal. Eine Sans-Papiers, die vor acht Jahren der Perspektivlosigkeit ihres Heimatlandes Ukraine entflohen war. Keine Papiere bedeutet keine Identität und ­damit keine Rechte. Wer seine Rechte wahrnehmen will, muss sich zu erkennen geben – und riskiert damit eine Verhaftung mit anschliessender Ausschaffung. Für Ludmila ist die Rückkehr in ihr Heimatland keine Option, also entschied sie sich für den Untergrund. Für ein Leben «als ein Nichts», wie sie sagt. Sie existiere hier nur als Arbeitskraft – und selbst das steht nirgends geschrieben.

Es bleibt die Schwarzarbeit

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) geht von rund 14'000 Sans-Papiers aus – alleine in der Stadt Zürich. Bildlich dargestellt: In einem gut gefüllten Cobra-Tram mit 150 Passagieren sind fünf davon Sans-Papiers. Ihr Dasein ist prekär. Sie sind weder versichert, noch können sie ein Bankkonto eröffnen. Weil sie in der Regel keine Anzeige erstatten, sind sie anfällig für Ausbeutung und Gewalt. In Spitälern können sie sich nur unter Risiken behandeln lassen. Der Zugang zum Wohnungsmarkt bleibt ihnen verwehrt.

Video: Putzen für 1000 Franken im Monat

Eine Betroffene spricht. (Archiv, 2012))

Sans-Papiers erhalten keine finanzielle Unterstützung. Es bleibt die Schwarzarbeit – und die scheint zu florieren: Die Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) untersuchte die «quantitative Bedeutung» der Sans-Papiers in Privathaushalten. Demnach ist fast jede dritte Haushaltshilfe im Kanton Zürich illegal.

«Ich steige ins Tram. Den Fahrschein kontrolliere ich mehrfach. Ich muss mich vergewissern, dass alles stimmt: Zone, Uhrzeit und Datum. Alles korrekt. Ein Kontrolleur ruft in den Wagen: ‹Fahrausweiskontrolle!› Ich zucke zusammen und verstehe nur ‹Ausweis! Ausweis!› Ich bin wie gelähmt. Das Tram hält. Eigentlich müsste ich jetzt aussteigen, doch ich fahre weiter. Ich warte, bis der Kontrolleur mich kontrolliert hat. Nicht, dass jemand denkt, ich würde schwarzfahren.»

Letzte Woche veröffentlichte die SP Zürich an ihrer Delegiertenversammlung einen Brief mit der Überschrift «Stadt für alle». Es handelt sich um eine etwas hochtrabende Liebeserklärung an die eigene Stadt. Eine Ode auf das linke, weltoffene Zürich, wie es sich in den letzten Jahren entwickelt habe: «Zürich ist ein Leuchtturm, der das Licht der Freiheit und Gleichheit bis an die Grenzen unseres Landes und darüber hinaus trägt.» Die Sans-Papiers würden in der Stadt genauso viel zählen wie die Herren vom Zürichberg mit dem dicken Bündel Papier in der Hosentasche. «Zürich fragt nicht, sondern fordert: dass diese Stadt eine Stadt für alle bleibt.»

Monika Stockers Appell

Monika Stocker, Ex-Stadträtin der Grünen, schätzt die Situation anders ein. Sie gehört zum Komitee, das am Samstag in der Zürcher Kalkbreite die Idee der Züri City Card lancierte. «Tausende Menschen leben in der Stadt, von denen man so tut, als gäbe es sie nicht. Das ist schizophren.» Die City Card soll diesen Menschen ein Gesicht geben. Vor zehn Jahren lancierte Stocker ein ähnliches Projekt: den Stattausweis. Sie scheiterte damals am Widerstand des Kantons. Jetzt kämpft Stocker weiter, als Pensionierte: «Es geht um Gerechtigkeit, aber auch um soziale Kontrolle.»

«Ich kann Velo fahren. Trotzdem würde ich nie auf ein Fahrrad steigen, nicht in Zürich. Ich hätte Angst, eine Verkehrsregel zu verletzen, Angst, dabei erwischt zu werden. Stattdessen benutze ich die öffentlichen Verkehrsmittel. Im Gegensatz zu anderen Sans-Papiers habe ich das Glück, dass ich äusserlich kaum als Ausländerin zu erkennen bin. Also setze ich mich ins Tram, mache ein freundliches Gesicht und schweige. Klingelt das Telefon, gehe ich nicht ran. Der Akzent könnte mich verraten. Stattdessen schreibe ich eine SMS: ‹Ich kann grad nicht sprechen›. Dabei achte ich darauf, dass niemand aufs Display sehen kann. Vielleicht bin ich ein wenig paranoid. Die ständige Furcht aufzufliegen hat mich halt so gemacht.»

«Beim Arbeiten mache ich niemals Pause, krank sein kommt für mich nicht infrage.»

Der Verein Züri City Card glaubt, dass sich in der Sans-Papiers-Frage ohne zivilgesellschaftliches Engagement kaum etwas bewegen lässt. Tatsächlich scheiterten politische Vorstösse zur Regulierung der Sans-Papiers regelmässig. Vor allem auf Kantonsebene lässt sich mit dem Thema keine politischen Mehrheiten bilden. Das weiss auch Regierungsrat Mario Fehr (SP). Sein Sicherheits­departement reagierte im Mai und im Namen des Gesamtregierungsrates auf eine Interpellation, die Klarheit über die Situation von Sans-Papiers im Kanton verlangte. Die Antwort drückte ein gewisses Desinteresse aus. So habe die kantonale Arbeitsmarkt-Kontrollstelle bisher «keine Arbeitsverhältnisse mit Sans-Papiers feststellen können».

«Putzen, Babysitten, Putzen, Babysitten – so gestaltet sich mein Alltag. Sieben Tage die Woche, stets auf Abruf bereit. Ich habe sechs verschiedene Jobs. Letzte Woche waren es noch sieben. Doch mein Arbeitgeber hatte mir gekündigt. Aus Angst aufzufliegen. Er wandelt sein Unternehmen gerade in einer GmbH um, da könne er sich das Risiko der Schwarzarbeit nicht mehr leisten.»

Dass eine Sans-Papiers-Legalisierung nicht zwingend ein linkes Anliegen ist, zeigt Bundesratskandidat Pierre Maudet (FDP). Als Genfer Sicherheitsdirektor lancierte er mit dem Segen der SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga das Pilotprojekt Operation Papyrus. Mehrere Hundert Sans-Papiers wurden bereits legalisiert. Der Zürcher Regierungsrat bestreitet die Notwendigkeit eines solchen Instruments. Die Situation der Schwarzarbeit in Zürich sei nicht mit jener in Genf vergleichbar. In Genf gebe es viele Personen mit Diplomatenstatus, die überdurchschnittlich viele Hausangestellte beschäftigten – nicht aber in Zürich, so die offizielle Haltung.

«Ich heisse Ludmila, ich existiere nicht.»

Der Regierungsrat verweist zudem auf die Härtefallkommission, die Sans-Papiers im Einzelfall legalisieren könne. Das Instrument kommt allerdings selten zur Anwendung. 2016 waren gerade mal zwei Fälle hängig. Ob der Status dieser Sans-Papiers inzwischen geklärt ist, kann das Sicherheitsdepartement auf Anfrage nicht beantworten.

Gut möglich, dass die Stadt Zürich den Alleingang plant. Der Stadtrat beauftragte eine Arbeitsgruppe zur rechtlichen Klärung einer Urban Citizenship. Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) steht dem Anliegen einer City Card positiv gegenüber, und bei Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) geniesst das Anliegen höchste Dringlichkeit. Bei der SP-Delegiertenversammlung wurde sie nach ihrem grössten politischen Traum gefragt. Mauchs Antwort: die Legalisierung der Sans-Papiers.

«In acht Jahren als Sans-Papiers habe ich gelernt, dass es besser ist, keine eigene Meinung zu haben. Immer schön lächeln, niemals widersprechen. Beim Arbeiten mache ich niemals Pause, krank sein kommt für mich nicht infrage. Ich bin weder versichert, noch habe ich ein Bankkonto. Das verdiente Geld verstecke ich unter der Matratze, in Büchern und niemals alles am gleichen Ort. Ich lese gern. Doch einen Bibliotheksausweis kann ich nicht lösen. Ich habe keine Identität. Ich heisse Ludmila, ich existiere nicht.»

Erstellt: 18.09.2017, 06:41 Uhr

Züri City Card

Ein Ausweis für alle

Am Samstag wurde in Zürich die Idee der Züri City Card vorgestellt. Ziel des gleichnamigen Vereins, dem Vertreter von politischen, kirchlichen und kulturellen Institutionen angehören, ist eine Identitätskarte, die von den städtischen Behörden als Ausweis akzeptiert wird. Sans-Papiers soll dies zu mehr Rechten verhelfen. «Wir fordern die rechtliche, politische, soziale und kulturelle Teilhabe aller Bewohner der Stadt, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus», schreibt der Verein. Damit die Karte nicht nur für Sans-Papiers einen Anreiz besitzt, sollen etwa Vergünstigungen für Kulturanlässe ermöglicht werden. Vorbild sind Städte wie New York oder San Francisco, die eine City-ID schon vor Jahren eingeführt haben. Auch in Bern gibt es Bestrebungen für eine solche städtische Identitätskarte. (mrs)

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