Strafrecht gilt auch für Chefredaktoren

«Weltwoche»-Journalist Philipp Gut wird wegen mehrfacher übler Nachrede verurteilt. Er durfte sich im Fall Sarasin nicht auf den Quellenschutz berufen.

Thomas Hasler über den Prozess um «Weltwoche»-Journalist Philipp Gut. (Video: Lea Koch)

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Vor zwei Jahren kassierte der stellvertretende Chefredaktor der «Weltwoche» eine Busse, weil er im Zusammenhang mit einer Intrige in Bundesbern Inhalte aus amtlichen geheimen Verhandlungen veröffentlicht hatte. Die damalige Verurteilung ist für Gut auch heute noch «journalistisch eher eine Auszeichnung», weil der damalige Sachverhalt «relevant und korrekt» war.

Ob der Redaktor seine gestrige Verurteilung durch das Bezirksgericht Zürich wegen mehrfacher übler Nachrede und unlauteren Wettbewerbs auch als eine «Auszeichnung» empfindet? Jedenfalls hält er seine Artikel in der Affäre Sarasin/ Goltermann für relevant – und auch für korrekt: «Unsere Berichterstattung stützt sich auf diverse, voneinander unabhängige Quellen, denen wir absoluten Quellenschutz zugesichert haben», hielt er auch nach der Urteilseröffnung gestern unbeirrt fest.

Wahrheitsbeweis nicht erbracht

Philipp Gut hatte zwischen Anfang Oktober und Ende November 2014, aber auch später, immer wieder behauptet, Geschichtsprofessor Philipp Sarasin habe eine Liebesbeziehung zu Svenja Goltermann gehabt – und zwar schon Jahre bevor die Frau sich an der Uni Zürich um eine Professorenstelle bewarb. Das habe Sarasin als Mitglied der Berufungskommission verschwiegen. In den Artikeln kritisierte Gut die auf die Spitze getriebene «Vetterliwirtschaft». Sarasin, die «Zentralfigur in einem Fall von Beziehungsfilz», habe «sein ganzes Gewicht eingesetzt, um seiner Intimfreundin erfolgreich zum begehrten Lehrstuhl samt Professorentitel zu verhelfen». Die Rede war von «unverantwortlichem Treiben», «Doppelmoral», «beziehungskorrupter Verstrickung» und «dreistem Verhalten».

Für Einzelrichter Claudio Maira waren die Artikel eine «breit angelegte Kampagne», bei welcher gleich mehrfach ehrverletzende Äusserungen veröffentlicht wurden. Beim unbefangenen Leser sei der Eindruck entstanden, Sarasin habe sich nicht so benommen, «wie sich ein charakterlich anständiger Mensch zu verhalten pflegt».

Nun führen ehrverletzende Äusserungen nicht automatisch zu einer Verurteilung. Denn wenn der Autor beweisen kann, dass seine Äusserungen wahr sind, bleibt er straflos. Dies gilt auch für den Fall, dass er den sogenannten Gutglaubensbeweis erbringen kann, wenn er also glaubhaft machen kann, dass er «ernsthafte Gründe» hatte, die gemachten Äusserungen «in guten Treuen für wahr zu halten». Beide Entlastungsbeweise blieb Gut aber schuldig.

Bei seinen Informanten handle es sich um «hochintegre Personen aus dem engsten Umfeld von Sarasin», seine Recherche sei «wasserdicht». Er sagte zwar, es handle sich dabei um Professoren, Historiker und Medienschaffende. Unter Berufung auf den Quellenschutz weigerte er sich aber, Namen zu nennen. Damit war es dem Gericht verwehrt zu überprüfen, ob diese Personen überhaupt existieren und sich auch im Sinne der Vorwürfe geäussert haben.

Quellenschutz gilt nicht absolut

Richter Maira legte dar, dass sich Gut gar nicht auf den Quellenschutz berufen kann. Dieser gelte nur, wenn Journalisten als Zeugen Auskunft über Informanten geben sollen. Hier aber sei Gut der Beschuldigte. Theoretisch hätte der Journalist seine Informanten problemlos nennen können, ohne dass diese strafrechtliche Nachteile hätten befürchten müssen.

Es gehe nicht, dass Medien ehrverletzende Äusserungen publizierten und sich dann hinter dem Quellenschutz versteckten. «Das Strafrecht gilt auch für die Presse.» Ob Philipp Gut seine Verurteilung und Bestrafung mit einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 130 Franken und einer Busse von 5000 Franken anficht, ist offen.

Philipp Sarasin und Svenja Goltermann hätten das Urteil «mit grosser Genugtuung» aufgenommen, sagte ihr Rechtsvertreter Daniel Glasl. «Es bestätigt, dass sie durch eine unwahre, verleumderische Kampagne schwerwiegend in ihrer Ehre verletzt wurden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.09.2016, 07:46 Uhr

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