Abbau «über Stocker und Steiner»

1000 Personen, vor allem aus Schule und Bildung, demonstrierten in gegen das 1,6-Milliarden-Abbaupaket des Kantons. Es war mehr Jugendparty als traditionelle Beamten-Demo.

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«Bottom-up» – also von unten nach oben – sei die Grossdemo vom Mittwochabend gegen die Sparübung von Regierungsrat und Parlament organisiert worden, sagen die jungen Demonstrantinnen und Demonstranten. Das merkte man dem Publikum an. Es war nicht die angegraute Beamtenschaft, die durch Zürichs Strassen zog – nicht die Wasserbiologen, Vermessungsingenieure, Denkmalschützer, Krankenpflegerinnen und Polizisten wie damals beim Sanierungsplan 2004. «Der Widerstand ist an den Schulen und bei den Jungparteien gewachsen», sagt Philipp Gebhardt, angehender Lehrer und Mediensprecher des Bündnisses «Abbau stoppen» mit der knackigen Internet­adresse Kaputtgespart.ch.

«Stopp der Sparschweinerei»

Die freche Kreativität sah man an den mitgetragenen Plakaten – den jugendlichen Einfluss hörte man am lauten Rap, der aus den Boxen dröhnte. Da war aber auch die erwachsene Professionalität der Gewerkschaft VPOD, die das Staatspersonal vertritt. Zum Beispiel ein aufgeblasenes pinkfarbenes Riesenschweinchen auf einem Autodach mit der Aufschrift «Stopp der Sparschweinerei». Die Texte zur 60er-Jahre-Melodie «Liebeskummer lohnt sich nicht» stammen wohl von der Generation Ü-50: «Sozialabbau, das lohnt sich nöd, Ernst Stocker.»

Finanzdirektor Ernst Stocker von der SVP war am Mittwochabend aber nicht der Darling wie im Schlager. Er wurde auf einem Transparent vielmehr fratzenhaft als der personifizierte Bösewicht dargestellt zum Refrain: «Sozialabbau – Super-GAU». Die Plakate waren frischer als bei früheren Demos, als die Texter selten über «Sparen auf dem Buckel» von allen möglichen minderbemittelten Minderheiten hinauskamen. Der originellste Slogan von gestern: «Über Stocker und Steiner gegen Sozialabbau». Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) war logischerweise das zweite personifizierte Feindbild.

Mit bis zu 2000 Teilnehmern hatten die Organisatoren gerechnet – gut gezählte 1000 waren es. Gemäss SP-Parteipräsident Daniel Frei ist die Abstützung der jungen Organisatoren zu klein. «Es ist zwar sehr sympathisch, wenn sich Schüler derart für ihre Bildung engagieren – die gesamte Breite der Betroffenen wird damit aber nicht erreicht.» Immerhin gibt es 38 000 kantonale Angestellte und nochmals halb so viele Lehrer. Gewerkschaftsbund-Präsident Markus Bischoff und SP-Finanzpolitiker Stefan Feldmann, beide mit dabei, sagen: «Das auf 125 Massnahmen aufgestückelte Sparpaket der Regierung wirkt nicht wie ein grosser Hammer, sondern versetzt den verschiedenen Berufsgruppen nur einzelne Nadelstiche – und die tun nicht so weh.» Auffällig war auch, dass die meisten Lehrerverbände sowie die Vereinigten Personalverbände des Kantons nicht involviert waren.

Doch noch etwas Klassenkampf

Der alte Gewerkschaftsgroove fand dann doch noch den Weg in die Lautsprecher. Die Zürcher Grüne und Schweizer VPOD-Präsidentin Katharina Prelicz-­Huber sprach in prägnanten Sätzen aus dem klassenkämpferischen Setzkasten: «Gespart wird bei den Ärmsten ohne Lobby statt bei den Superreichen.» Und natürlich reagierte das junge Publikum mit Pfiffen und Buhrufen. Gemäss Rechnung der früheren Kantons- und Nationalrätin brauchte es das Sparpaket nicht, weil die bürgerliche Mehrheit im Kanton in den letzten Jahren «zwei Milliarden Franken Steuergeschenke an die Reichsten» verteilt habe.

Eindrücklich war die Rede des zerebral gelähmten Matyas Sagi-Kiss im Rollstuhl. Er kritisierte die Sparmassnahme beim Behindertentaxi Promobil. «Die Regierung will offensichtlich, dass wir nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, sondern um 18.30 Uhr mit einem Kamillentee ins Bett gehen.»

Nach den Reden auf dem Bürkliplatz zog der Zug durch die Bahnhofstrasse und über die Rudolf-Brun-Brücke ans Limmatquai. Vorne marschierte ein gemischtes Publikum von Schülern über Lehrer bis zu Jugendpsychologinnen. Im hinteren Teil bewegte sich ein halbes Dutzend Vermummte. Die Besucher des Modissa-Cafés an der Bahnhofstrasse wurden durch einen Böller erschreckt, und das Rathaus – in dem gerade der Gemeinderat tagte – wurde eingenebelt. Besetzer des Koch-Areals verteilten Flyer für eine Party samt Konzert der Chaostruppe – aber erst ab 22 Uhr. Die bewilligte Demo verlief trotzdem friedlich mit Ausnahme von ein paar auf­gedrückten Klebern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.09.2016, 08:32 Uhr

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