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Sie ist lernbehindert – und ist trotzdem Studentin

Nora Tosconi hat eine kognitive Beeinträchtigung und ein Hilfslehrerinnen-Diplom. Die Kinder profitieren von ihr.

Sozialkompetenz gefragt: Nora Tosconi bei ihrem Praktikum im Kindergarten Moos in Wollishofen. Fotos: Andrea Zahler
Sozialkompetenz gefragt: Nora Tosconi bei ihrem Praktikum im Kindergarten Moos in Wollishofen. Fotos: Andrea Zahler

Die Zürcher Volksschule hat ein ehrgeiziges Ziel: Möglichst alle Kinder sollen in normalen Klassen zur Schule gehen können, auch solche mit einer geistigen Behinderung oder einer kognitiven Beeinträchtigung, wie es heute korrekt heisst. Doch wie geht man mit kognitiv Benachteiligten im Erwachsenenalter um? Diese Frage hat sich Matthias Gubler, Leiter des traditionsreichen Lehrerbildungs-Instituts Unterstrass, gestellt: «Es ist doch seltsam, wenn wir solche Menschen im Kindesalter integrieren, sobald sie aber aus der Schule kommen, in geschützte Werkstätten stecken.»

Unterdessen befindet sich Gubler seit zwei Jahren in einer Versuchsphase. Zwei Männer und vier Frauen mit kognitiver Beeinträchtigung sind in seinem Institut in der Ausbildung zusammen mit regulären Studierenden. Das Projekt hat Gubler «Ecolsiv» getauft, als Abkürzung für Schule und inklusiv.

Mit dabei ist auch Nora Tosconi, eine 35-jährige Schauspielerin aus dem Behinderten-Theater Hora. Wenn sie drei Jahre durchhält, wird sie am Ende ein Diplom bekommen und sich als Klassen-Assistentin bewerben können.

Geistig weniger flexibel

Nora Tosconi ist im Moment im Wollishofer Kindergarten Moos in einem Praktikum. An diesem Morgen ist sie eine halbe Stunde vor den Kindern gekommen, um mit Kindergärtnerin Denise Moser den Znüni vorzubereiten, Brot schneiden, Rüebli schälen, Trauben waschen. Und nun sitzt sie auf einem Kindersofa und bereitet sich auf das erste Interview vor, das sie mit allen Kindern der Klasse führen will.

Nora hat die Handykamera aufgestellt und wartet aufgeregt auf ihre erste Interviewpartnerin. Als Maria, ein Mädchen aus Kuba, kommt, legt ihr Nora den Arm um die Schulter: «Du musst nicht nervös sein, wir kennen uns ja schon ein wenig.» Denise Moser beobachtet, wie ihre Spezialstudentin das Mädchen abfragt, wie sie das Mädchen aufmuntert und anlacht.

Nora Tosconi ist zwar geistig nicht so schnell, und manchmal findet sie die richtigen Worte nicht sofort, aber sie geht auf das Mädchen ein. «Nora findet schnell einen Draht zu den Kindern», stellt Moser fest, «ihre Sozialkompetenz ist eine sehr grosse Ressource im Kindergarten.»

Dass sie im Institut Unterstrass Klassen-Assistentin lernen kann, sei für sie ein «grosses Geschenk», sagt Nora Tosconi.
Dass sie im Institut Unterstrass Klassen-Assistentin lernen kann, sei für sie ein «grosses Geschenk», sagt Nora Tosconi.

Inzwischen ist Nora bei der letzten Frage angelangt: «Hast du eine Freundin im Chindsgi?» «Ja, Zoe!», kommt es wie aus der Kanone geschossen, «Zoe liebt mich.» «Und du, liebst du sie auch?», fragt Nora. Maria streicht sich die Haare aus dem Gesicht und lacht: «Nein, ich liebe jemand anderen.»

«Ein grosses Geschenk»

Dass Nora Tosconi im Institut Unterstrass Klassen-Assistentin lernen kann, ist für sie ein «grosses Geschenk». Sie ist neben dem Institut aufgewachsen und hat sich schon als Kind gewünscht, dort einmal Lehrerin zu werden. «Ich habe Kinder gern, weil sie noch an Wunder glauben.» Doch Eltern und Lehrer meinten damals, sie könne das leider nicht schaffen. «Und jetzt bin ich Studentin im Institut Unterstrass, das macht mich stolz», sagt sie.

Dass sie eine kognitive Beeinträchtigung hat, zeichnete sich bei ihr ab, als sie in die Schule kam. Sie war langsamer als die anderen, kam in die Einschulungsklasse, in die Kleinklasse, in verschiedene Privatschulen. «Ich habe mich durchgeschlängelt», sagt sie. Die Gedanken machten in ihrem Hirn einige Umwege, erklärt Nora Tosconi ihre Beeinträchtigung, «es ist hirnorganisch.» Nach der Schule kam sie in den zweiten Arbeitsmarkt, Behindertenprogramme, Züriwerk und St.-Jakob-Stiftung.

Kindergarten geeignet

Damit Nora Tosconi als Klassen-Assistentin arbeiten kann, müsste sie für die Kindergärtnerin tatsächlich eine Hilfe sein. Denise Moser sieht dafür gute Chancen, weil es im Kindergarten viel Assistenzbedarf gibt, etwa auf Spaziergängen, beim Anziehen, beim Händewaschen oder beim Aufräumen.

Die Frage ist auch, ob die Kinder Menschen mit Handicaps tatsächlich als Lehrperson akzeptieren. Da hat Matthias Gubler eine überraschende Antwort: «Für Kinder ist das Thema unwichtig.» Das hat er mit seinem Studenten Lucien Le schon gemerkt. Im Unterschied zu Nora Tosconi ist ihm die Behinderung auch körperlich anzusehen.

Nora hat die Handykamera aufgestellt und befragt ihre Interviewpartnerin.
Nora hat die Handykamera aufgestellt und befragt ihre Interviewpartnerin.

Als sich Le in einer Klasse vorstellte, forderte er die Kinder auf, Fragen zu seiner Behinderung zu stellen. Doch niemand wollte etwas wissen. «Bei grösseren Kindern könnte sich das ändern», relativiert Gubler. Darum sieht er behinderte Klassen-Assistenzen eher im Kindergarten als in der Sekundarschule.

Im Kindergarten Moos in Wollishofen gehört Nora Tosconi schon nach wenigen Tagen zur «Lebens- und Lerngemeinschaft», wie Denise Moser sagt. Das sieht man beim Znüni, als sich ein Mädchen mit Prinzessinnenkrönchen ganz selbstverständlich zu ihr setzt und eifrig auf sie einredet.

Unsichere finanzielle Zukunft des Projekts

Eine Herausforderung ist für Matthias Gubler das Studienprogramm. Die Beeinträchtigten besuchen den Unterricht mit den regulären Studierenden, brauchen aber Hilfen für ihr Lernen. Dazu sind andere Studierende als Tutorinnen und Tutoren zur Unterstützung bestimmt. Das Institut Unterstrass ist auch angeschlossen an ein internationales Netzwerk von Hochschulen, die an Programmen für kognitiv Beeinträchtigte arbeiten, etwa in Dublin oder in Salzburg.

Die ersten beiden Studienjahre haben 150'000 Franken gekostet. Sie stammen vor allem von Stiftungen. Laut Gubler ist das Projekt für die nahe Zukunft finanziell nur knapp gesichert.

Christian Hugi, der Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands, ist über «Ecolsiv» informiert und steht grundsätzlich dahinter. «Es macht tatsächlich keinen Sinn, Menschen mit Trisomie 21 in der Schule zu ­integrieren und nachher keine Anschlusslösungen für sie zu ­haben.»

Überlastungsgefahr

Hugi ist auch überzeugt, dass es genügend Lehrerinnen und Lehrer gibt, die mit einer beeinträchtigten Klassen-Assistenz zusammenarbeiten würden, und verweist auf das «Ecolsiv»-Projekt. Gubler hat genügend Interessenten und Interessentinnen, die mit einer «Ecolsiv»-Studentin arbeiten möchten. Hugi warnt aber auch: Die Qualität des Unterrichts müsse immer oberste Priorität haben und nicht die ­Integration von Assistenten.

Skepsis gibt es auch im Schweizer Lehrerverband. Gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagte Zentralsekretärin Franziska Peterhans: «Wir müssen schauen, dass wir die Lehrpersonen und auch die Kinder nicht überlasten.»

Die Nagelprobe steht Matthias Gubler mit seinem Projekt im nächsten Sommer bevor. Dann wird Lucien Le als erster «Ecolsiv»-Absolvent sein Diplom erhalten. Wird er und werden später seine Studienkolleginnen eine Stelle finden? Gubler ist zuversichtlich: «Wir werden sie auf jeden Fall unterstützen.»

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