Zürichs jüdische Schulen haben einen schweren Stand

Hohe Sicherheitskosten, Platzprobleme und Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Lehrplans: Womit jüdische Schulen zu kämpfen haben.

Die Hälfte ihrer Lehrer sind Nichtjuden: Primarschülerinnen der Noam beim Informatikunterricht. Foto: Samuel Schalch

Die Hälfte ihrer Lehrer sind Nichtjuden: Primarschülerinnen der Noam beim Informatikunterricht. Foto: Samuel Schalch

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Es vergehen keine dreissig Sekunden. Dann wird der Passant vor der jüdischen Tagesschule Noam in Zürich-Enge angesprochen: «Guten Tag, suchen Sie etwas Bestimmtes?», fragt der Sicherheitsmann mit militärischer Freundlichkeit.

Nach Klärung der Personalie öffnet sich die Sicherheitsschranke. Die Szene verrät die Gefühlslage: Die potenzielle Gefahr lauert in der Aussenwelt. Gehen die Kinder gemeinsam auf einen Spielplatz, werden sie stets von einem Sicherheitsmann begleitet. Das ist die Realität der rund 900 Kinder und Jugendlichen, die in einer der neun jüdischen Privatschulen in Zürich unterrichtet werden. Als Kontrast im Innern des Gebäudes die unschuldige Welt einer typischen Primarschule: lachende Kinder, kreischende Kinder, Kickboards und Hello-Kitty-Theks.

Informatiklehrer Erez Ovadia bittet um Ruhe: «Ariel, wie füge ich zwei Zeilen in eine Excel-Tabelle ein?» Der Schüler mit Kippa auf dem Kopf erledigt die Aufgabe problemlos – aber erst, nachdem ihm sein Freund die Lösung auf Jiddisch zugeflüstert hat. Auf einem Porträt über ihren Köpfen lächelt gütig der israelische Premier Benjamin Netanyahu, daneben Roger Federer, der jubelt.

«Unsere Schülerinnen und Schüler sollen nicht in einer Parallelwelt aufwachsen.»Lital Reshef, Noam-Direktorin

Die Noam stand bis vor kurzem vor einem Problem: Ihre Sekundarschule, die jetzt noch im Gebäude der Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) eingemietet ist, muss neue Räumlichkeiten suchen. Die ICZ braucht den Platz für ihre steigende Zahl von Kindergärtlerinnen. Für die Noam blieben nur wenige Monate, um eine neue Lösung zu finden. Das Ende der Sekundarschule wurde befürchtet. Schliesslich erteilte die Stadt der Schule die Erlaubnis, den Dachstock in mehrere Schulräume umzubauen. Ab Sommer werden dort 30 Jugendliche unterrichtet.Die Geschichte steht exemplarisch für die gegenwärtige Situation jüdischer Schulen in Zürich. Diese ist geprägt von Platznot, gentrifiziertem Verdrängungskampf, steigenden Sicherheitskosten und Schwierigkeiten bei der Erfüllung des Lehrplans.

Hoffnung für Mädchenschule

Noch immer ungewiss ist die Zukunft der rund 500 Schülerinnen der streng orthodoxen Mädchenschule im Kreis 4. Ende Schuljahr muss die Mädchenschule das Gebäude eigentlich verlassen. Die Liegenschaftsbesitzerin, die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ), hatte der Schule gekündigt. Ein neues Schulhaus ist, trotz intensiver Suche, noch nicht gefunden.

Ein Schulleitungsmitglied hoffte letztes Jahr im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» auf «göttlichen Beistand», damit sich das Problem lösen möge. Jetzt gibt eine unerwartete Wende Anlass zur Hoffnung, dass der fromme Wunsch erhört wurde: Die EKZ patzten bei der Kündigung, das Schreiben wurde an die falsche Adresse geschickt.

EKZ äussert sich nicht

In der Schule ist von «einem Wunder» die Rede. «Dabei handelt es sich um eine glückliche juristische Panne», sagt ein Mann, der für die Schule mit den EKZ verhandelt und anonym bleiben will. Die Chancen stehen gut, dass die Kündigung durch den formalen Fehler als nichtig angefochten werden kann. Die EKZ möchten sich auf Anfrage nicht «zum laufenden Verfahren» äussern.

Der Noam in der Enge ist es wichtig, «nicht in einen Topf» mit den streng orthodoxen Schulen geworfen zu werden. Sie bezeichnet sich selbst als «modern orthodox». «Unsere Schüler sollen nicht in einer Parallelwelt aufwachsen», sagt Direktorin Lital Reshef. Es gibt keine ­Geschlechtertrennung, keine Schuluniformen, und die Hälfte der Lehrkräfte sind Nichtjuden. Die neue unterirdische Turnhalle, der Stolz der Schule, darf auch von auswärtigen Klassen der öffentlichen Schulen benutzt werden.

Private spenden Millionen

Finanziert wurde das 8-Millionen-Projekt durch René Braginsky, gemäss dem Magazin «Bilanz» einer der reichsten Zürcher. Zusätzliche 70 000 Franken bezahlte er, um das Schulgelände mit Panzerscheiben zu schützen. «Ohne private Geldgeber könnten wir uns nicht über Wasser halten», sagt Reshef. Sie sind die wichtigste Einnahmequelle nebst dem Schulgeld, das pro Monat 1550 Franken beträgt, sofern das Kind einer jüdischen Gemeinde angehört. Alle anderen bezahlen 2250 Franken.

Die Sicherheit kommt die jüdischen Institutionen teuer zu stehen. Jährlich wendet die Noam allein für die Lohnkosten des Sicherheitsdienstes einen sechsstelligen Betrag auf. Der Kampf um öffentliche Unterstützungsgelder dauert schon Jahre. Mit der Motion von Ständerat Daniel Jositsch (SP) kommt nun Bewegung in die Angelegenheit.

Dem Quartier treu geblieben

Das Bedürfnis nach Sicherheit macht die Schulen weniger flexibel bei der Standortsuche. Priorisiert werden die Stadtkreise 2, 3 und 4. Einerseits, um die Schulwege kurz zu halten – die meisten jüdischen Familien wohnen noch immer in diesem Gebiet. Aber auch, damit der Sicherheitsdienst mit anderen jüdischen Institutionen geteilt werden kann. Das senkt die Kosten.

Sämtliche neun jüdischen Schulhäuser und Kindergärten halten sich seit Jahren in den Kreisen 2 oder 4. Das erstaunt, da die Gentrifizierung und damit die Verteuerung in den letzten Jahren in diesen Stadtteilen weit fortgeschritten ist. Vergleichbare Entwicklungen in Städten wie Paris oder New York zeigen, dass Juden aus ehemaligen jüdischen Vierteln in günstigere Stadtteile verdrängt wurden. In Zürich scheint sich die Verdrängung auf Einzelfälle zu beschränken: «Einige Familien haben sich etwa in Adliswil angesiedelt», sagt ­Noam-Rektorin Reshef.

Aber auch wenn jüdische Familien mitten in der Stadt leben: Die Kulturunterschiede zur nicht-jüdischen Umwelt sind teils beträchtlich. Dennoch müssen sich alle jüdischen Privatschulen an die Lehrplan­vorgaben des Kantons halten. Dieser gibt vor, dass der Anteil eigener Unterrichtsfächer – also Fächer wie Talmudunterricht oder Hebräisch – nicht mehr als ein Drittel betragen darf. Fremdsprachen wie Französisch oder Englisch gehören zum Pflichtstoff. Gegen Letzteres setzte sich eine jüdische Privatschule aus Zürich zur Wehr – und scheiterte im Dezember vor Verwaltungsgericht. Ob die Schule den Fall vor Bundesgericht zieht, ist noch offen.

Jüdisches Gymi geplant

Der Kanton stellt sich auf den Standpunkt, dass die Chance auf einen Übertritt für jüdische Privatschüler jederzeit gewährleistet sein muss. Die meisten streng orthodoxen Schülerinnen und Schüler wechseln allerdings nach der offiziellen Schulzeit an Talmudhochschulen in Israel oder England. Viele dieser Jugendlichen kommen kaum mit nicht jüdischen Menschen in Kontakt.

Ein aktuelles Projekt könnte die Abschottungstendenzen noch verstärken: ein jüdisches Gymnasium, das auf eine private Initiative zurückgeht. Wird das Projekt realisiert, könnten jüdische Kinder in Zürich ihre Ausbildung bis zum Erwachsenenalter an einer jüdischen Institution bestreiten. Mitten in der Stadt und doch unter sich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 22:04 Uhr

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