Leutenegger tappt in die Klimafalle

In einem Schul-Podcast sagt Filippo Leutenegger, es sei unklar, wie viel der Mensch zum Klimawandel beitrage.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit Wochen gehen sie zu Tausenden auf die Strasse, die Klimaschüler der jungen Generation, über 10'000 waren es vorletzte Woche allein in der Stadt Zürich. Das Thema treibt sie um; kein Wunder, wollten es die Schüler der Oberstufenschule Döltschi beim Triemlispital auch in ihren Projekttagen behandeln. Vergangenen Dienstag luden sie den Schulvorsteher Filippo Leutenegger in einen Live-Podcast ein, um mit ihm über den Klimawandel zu sprechen. Darin macht der ansonsten mediengewandte FDP-Stadtrat Aussagen, die wissenschaftlichen Erkenntnissen diametral widersprechen.

Es gebe keine Einigkeit dar­über, inwieweit der Mensch den Klimawandel aufhalten könne, erklärte Leutenegger den zwei Schülern, die ihn interviewten. Der Bus des Power-up-Radio-Projekts der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi stand auf dem Parkplatz, im Singsaal lauschten rund 200 Schülerinnen und Schüler der Live-Übertragung.

Schneefreie Alpen

Es habe schon immer Klimaveränderungen gegeben, sagte der Schulvorsteher. Zu Zeiten der Römer seien die Alpen praktisch schneefrei gewesen, und damals habe es keinen grossen menschlich verursachten CO2-Ausstoss gegeben. Dann kommt Leuten­egger zu der Aussage: «Was der menschengemachte Anteil ist und was nicht, das wird immer ein Geheimnis bleiben. Das wissen wir am Schluss nicht.» Natürlich habe der Mensch einen Anteil, aber in der Schweiz könne man sagen, dass man das Möglichste tue, um ihn klein zu halten. Leutenegger nennt auch Zahlen: Die Schweiz verursache bloss 1 Prozent des globalen CO2-Ausstosses, ein weiteres Prozent werde importiert.

«Da können wir etwas machen, aber wir ­können nicht die globale Welt retten.» Leutenegger lobt die Kinder für ihr Engagement. Es sei wichtig, dass man ein Bewusstsein entwickle für die Natur und die Zusammenhänge. «Man kann nicht genügend sensibel sein, aber man muss aufpassen, nicht fanatisch zu werden», rät der Stadtrat. Er selber trenne den Abfall, dekarboni­siere gerade seine Liegenschaft und montiere Sonnenkollektoren. Man müsse sich am Machbaren orientieren. «Ihr könnt alles ­fordern, was ihr für richtig hält. Das habe ich auch gemacht als Junger. Das ist auch richtig», sagte er. «Aber wenn man ein bisschen älter wird, kommt man auf den Boden der Realität.»

«Was der ­menschengemachte Anteil ist, wird ­immer ein Geheimnis­ bleiben.»Filippo Leutenegger, Vorsteher Schuldepartement

Die Aussagen des Schulvorstehers überraschen umso mehr vor dem Hintergrund, dass der Gesamtstadtrat kürzlich entschied, auf die Forderungen der Jungen einzugehen, und eine Reihe von Massnahmen beschloss: Er wolle mit Informationskampagnen der Bevölkerung aufzeigen, was jeder einzelne gegen den Klimawandel tun könne. Ausserdem stehe der Stadtrat hinter dem Klimaschutzziel von Paris und behandle die Anfang Jahr eingereichten Forderungen der Jugendbewegung als Petition. Das Tempo in der ­Umsetzung von Massnahmen soll erhöht und weitere geprüft werden – wie beispielsweise die Schaffung eines Klima­forums mit Vertreterinnen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilbevölkerung und Jugend.

Falsche Fakten

Wissenschaftlich sind die Aus­sagen Leuteneggers gegenüber den Schülerinnen und Schülern nicht haltbar. Reto Knutti ist Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich und wurde letztes Jahr für seine herausragenden Leistungen in der Erforschung des Klimawandels mit dem Preis der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger ausgezeichnet, dotiert mit 200'000 Franken. Er sagt: «Die beste Schätzung ist, dass die Erwärmung seit 1950 zu praktisch 100 Prozent menschengemacht ist.» Auch der letzte grosse Klima­bericht der UNO kommt zum Schluss, dass der Mensch mit einer Sicherheit von über 95 Prozent der dominante Faktor bei der Erwärmung seit etwa 1950 ist.

«Die Erwärmung ist seit 1950 zu mehr als 95 Prozent durch Menschen ­verursacht.»Thomas Stocker, Klimaforscher an der Universität Bern

Auch Thomas Stocker von der Universität Bern, der zu den ­renommiertesten und einflussreichsten Klimaforschern weltweit gehört, sagt: «Die Erwärmung ist seit 1950 zu mehr als 95 Prozent durch den Menschen verursacht, genauer durch die Treibhausgase CO2 und CH4 sowie durch Aerosole.» Stocker widerlegt auch Leuteneggers Aussage zu den Alpen zur Zeit der Römer: «Natürlich» seien diese damals nicht vollständig schneefrei gewesen. «Einige Alpenpässe waren aber passierbar. Das hat mit der damals höheren Sonneneinstrahlung zu tun», sagt Stocker. Auf den Gipfeln habe es immer Eis gegeben, bestätigt auch ETH-Professor Knutti. Einfach auf einigen Passübergängen lag weniger oder kein Eis.

Auch bei den Zahlen zu den CO2-Emissionen der Schweiz hat sich Leutenegger vertan. Der heutige Anteil der Schweiz an den globalen CO2-Emissionen ist rund 1 Promille, nicht 1 Prozent. Inklusive der Faktoren Import, Luftfahrt und Seefahrt sind es rund 2,5 Promille. Klimaforscher Knutti fügt an: «Für den Beitrag zur Erwärmung muss man die gesamten historischen Emissionen der Schweiz über die Zeit aufsummieren. Dann sind es etwa 2 Promille territorial, also etwa doppelt so viel wie die heutigen Emissionen, weil wir schon seit langer Zeit einen hohen Ausstoss haben.»

Leutenegger verteidigt sich

Leutenegger, früherer Moderator der Sendung «Arena» und ehemaliges Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Nationalrats, verteidigt sich: «Der Klima­wandel bereitet auch mir grosse Sorgen. Wir müssen alles daransetzen, den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu verringern, völlig unabhängig davon, wie gross der vom Menschen verursachte Anteil am CO2 tatsächlich ist», sagt er. Auf die Frage, ob er als Schulvorsteher nicht eine besondere Verantwortung für seine Aussagen übernehmen müsse, vor allem wenn sie der Wissenschaft widersprechen, sagt er: «Ich nehme als Politiker die wissenschaftlichen Erkenntnisse sehr ernst und stehe auch hinter den Klimazielen von Paris.»

Im Lehrplan 21 verankert

Weiter betont Filippo Leuten­egger, die Bildung für nachhaltige Entwicklung sei im Lehrplan 21 verankert: «So kann das wichtige Thema Umwelt mit der nötigen Seriosität und Tiefe behandelt werden. Daher unterstütze ich auch Veranstaltungen an den Schulen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen.» Zudem engagiere er sich seit seiner Jugend aktiv in Umweltfragen. «Ich unterstütze daher die Bemühungen der FDP in dieser ­Frage. Allerdings müssen dafür zielführende Massnahmen ergriffen werden.»

Der Präsident der Stadtzürcher FDP, Severin Pflüger, will die Aussagen Leuteneggers auf Anfrage nicht kommentieren. Die nationale FDP hat im Zuge der Klimastreiks eine Kehrtwende in der Umweltpolitik vollzogen. In einer Mitgliederbefragung sammelte Parteipräsidentin ­Petra Gössi verschiedene Ideen und verabschiedete ein Positionspapier.

Erstellt: 05.06.2019, 22:11 Uhr

Artikel zum Thema

Steiner greift Glarner an, Lehrerin leitet rechtliche Schritte ein

Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner unterstützt die von Andreas Glarner angeprangerte Lehrerin dabei, juristisch gegen den SVP-Nationalrat vorzugehen. Mehr...

«Im System ERZ wurde gelogen»

Drei schwarze Kassen, ein geheimes Oldtimer-Museum und ein Emu-Gehege: Der Stadtrat hat den Bericht zum Skandal im Zürcher Entsorgungsamt präsentiert. Wir haben live berichtet. Mehr...

200 Millionen für 200 Wohnungen – und ein Tramdepot

Die unendliche Geschichte um ein Wohnhochhaus auf einem Depot beim Zürcher Escher-Wyss-Platz ist ein Kapitel weiter. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...