Leuteneggers teure Info-Offensive

Das Tiefbauamt stellt neue, autofreundliche Infotafeln an Baustellen auf. Beachtet werden sie kaum. Sie verursachen aber hohe Kosten.

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Die Trottoirs und Plätze rund um Zürichs Baustellen sind derzeit gespickt mit lila Informationstafeln. «Strassenbau», «Sanierung» oder «Bauarbeiten» ist darauf zu lesen oder einfach «Danke für Ihr Verständnis». Vor gut einem Jahr hat das Tiefbauamt seine Baustellenkommunikation intensiviert und stellt seither grössere Tafeln mit ausführlicheren Informationen für Autofahrende auf.

Rund 200 dieser Baustelleninfos in drei Formaten – darunter Exemplare mit über fünf Quadratmetern Fläche – stehen seit letztem Sommer im Zürcher Stadtraum. «Alle Verkehrsteilnehmenden sollen so auf einfache Art erfahren, was wir wofür bauen, wie teuer das kommt und wann die Bauarbeiten zu Ende sind», sagt Tiefbauamt-Sprecher Stefan Hackh auf Anfrage.

«Wieso steht der Krempel im Weg?»

Allerdings sind längst nicht alle Verkehrsteilnehmer über diese Neuerung erfreut. «Wenn die Info sich explizit an Autofahrende richtet, wieso steht der Krempel dann nicht auf der Fahrbahn, sondern Velofahrenden und Fussgängern im Weg?», fragte Dave Durner von Pro Velo unlängst auf Facebook – ein Seitenhieb an die Stadt, die seines Erachtens dem Langsamverkehr noch immer nicht genügend Platz zur Verfügung stellt.

Tatsächlich nehmen die neuen Tafeln nicht nur viel Platz im ohnehin engen Strassenraum in Anspruch. Bei einem Augenschein an den verschiedenen Standorten drängt sich auch die Frage nach dem Sinn dieser neuen Installationen auf. Denn die meisten Autolenker nehmen die Tafeln im Vorbeifahren kaum wahr. Sie orientieren sich an den üblichen Verkehrstafeln und Umleitungspfeilen.

Auch Fussgänger holen sich die Informationen, die sie im Baustellenwirrwarr für ein Weiterkommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauchen, von den Aushängen an den Haltestellen. Anwohner werden sogar direkt durch ein Schreiben des Tiefbauamts über den Fortgang der Bautätigkeiten informiert.

Gefährliche Ablenkung

Hinzu kommt, dass Büsche, Bäume oder andere Hinweisschilder die Tafeln oft verdecken. Einige befinden sich an Stellen, an welche die meisten Autolenker aufgrund vorgängiger Umleitungen gar nicht mehr hingelangen. Andere lenken gar vom Verkehr ab: So steht an der Birmensdorferstrasse eine Tafel am rechten Strassenrand unmittelbar an einer Stelle, wo der Verkehr auf die mittlere Spur umgeleitet wird – die sich die Autolenker mit dem Tram teilen müssen.

Im fliessenden Verkehr würden Autolenkende nur Eckdaten wie die Dauer der Bauarbeiten oder den Grund für die Baustelle wahrnehmen, sagt Hackh. «Im stehenden Verkehr, beispielsweise bei Rotlicht oder Stau, haben sie dann die Möglichkeit, die zusätzlichen Informationen zur Kenntnis zu nehmen.» Automobilisten hätten das Bedürfnis nach Informationen über die Dauer der Bauarbeiten und die Höhe der Kosten, wenn sie an eine Baustelle geraten. Man könne nämlich nicht davon ausgehen, dass sie sich vor der Fahrt im Web kundig gemacht und diese Angaben auch noch präsent haben, sagt Hackh.

Die lila Farbe alleine reicht nicht

Mit diesen Massnahmen hat Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP), Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartementes, immerhin sein angekündigtes Ziel erreicht, für mehr transparente Baustelleninformation zu sorgen. Allerdings verursacht die Massnahme Kosten – und das, obwohl die Stadt überall sparen muss. Je nach Baustelle gibt das Tiefbauamt zwischen 500 Franken (Freudenbergstrasse mit 2 Plakaten) und rund 3500 Franken (Birmensdorferstrasse mit 15 Plakaten) dafür aus.

Lagen die Kosten für die Baustellenkommunikation mit den neuen Infotafeln im vergangenen Jahr noch bei 27'490 Franken, belaufen sie sich in diesem Jahr bereits auf 25'898 Franken. Dass sie im laufenden Jahr somit schon fast so hoch sind wie im gesamten Vorjahr, liegt gemäss Hackh daran, dass das Tiefbauamt 2014 nach einer ersten Testphase erst im Anschluss an die Sommerferien mit den neuen Tafeln zu arbeiten beginnen konnte.

Die genannten Summen beziehen sich laut Hackh sogar nur auf die Informationstafeln ohne jeweilige Rahmenkonstruktionen. Die 100 wiederverwertbaren Rahmen, 200 Sockel und 400 Belastungssteine haben das Tiefbauamt insgesamt rund 85'000 Franken gekostet. Vielleicht lenken diese Zahlen etwas mehr Aufmerksamkeit auf die neuen Infotafeln. Die lila Farbe alleine reichte jedenfalls bisher nicht aus.

Erstellt: 03.08.2015, 10:58 Uhr

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