Überfall auf LGBTI-Aktivisten am Lochergut: Verdächtige im Visier

Nach dem Angriff auf einen Infostand in Zürich laufen gegen verschiedene Personen Verfahren – auch gegen Minderjährige.

Homophobe Jugendliche zerstörten im Mai einen Stand von LGBTI-Aktivisten. Foto: Screenshot Facebook

Homophobe Jugendliche zerstörten im Mai einen Stand von LGBTI-Aktivisten. Foto: Screenshot Facebook

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Der Angriff schockierte: Passanten hielten die Attacke auf einen LGBTI-Stand am Zürcher Lochergut per Video fest. Am Nachmittag des Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie im Mai tauchten vier junge Männer mit Kapuzen auf, warfen den Stand um, schubsten die Aktivisten und Aktivistinnen weg, zerschnitten das Regenbogenbanner und liessen die Fahne mitgehen. Mindestens einer der Angreifer kam später zurück, um die Jugendlichen weiter zu bedrohen.

Nun hat die Zürcher Staatsanwaltschaft mehrere Verdächtige im Visier. Sprecher Erich Wenzinger bestätigt: «Im Zusammenhang mit dem Vorfall führt die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen verschiedene Personen.» Als Straftatbestände stehen Drohung und Tätlichkeit im Vordergrund, weitere Informationen gibt es aufgrund der laufenden Strafuntersuchung nicht.

Mindestens zwei weitere Verdächtige sind jedoch minderjährig, denn: «Wir können bestätigen, dass die Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt eine Strafuntersuchung gegen zwei Jugendliche wegen geringfügiger Vermögensdelikte eröffnet hat», sagt Sprecherin Sarah Reimann. Von einem geringfügigen Vermögensdelikt ist die Rede, wenn sich der Sachschaden auf weniger als 300 Franken beläuft.

Hass-Delikte im Nationalrat

Mit dem Vorfall am Samstag, wo zwei Schwule im Zürcher Niederdorf von Unbekannten verprügelt wurden, sowie den Übergriffen auf mindestens drei Personen im Rahmen der Gay Pride mehren sich die öffentlich bekannt gewordenen Attacken auf nicht heterosexuelle Menschen in Zürich. Roman Heggli von der Schwulenorganisation Pinkcross gibt aber zu bedenken, dass Opfer die Angriffe heute auch vermehrt sichtbar machen und sich selbstverständlicher als etwa homosexuelles Paar in der Öffentlichkeit bewegen.

Organisationen und Politiker fordern, sogenannte «Hate Crimes», Hass-Delikte, gegen Homo- oder Anderssexuelle sollen statistisch separat erfasst werden, um wirksame Massnahmen dagegen erarbeiten zu können. Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) hält die Schweiz ebenfalls seit 2014 dazu an. Am nächsten Montag debattiert der Nationalrat einen entsprechenden Vorstoss von Rosmarie ­Quadranti (BDP). Der Bundesrat erachtet eine einheitliche nationale Erfassung als schwierig. In 15 Kantonen sind weitere Vorstösse dazu hängig.

Nicht-heterosexuelle Jugendliche sehen sich dem doppelt so hohen Risiko ausgesetzt, erpresst, verletzt oder ausgeraubt zu werden.

Der Zürcher Regierungsrat hat bereits auf die Interpellation der Kantonsrätinnen Leandra Columberg (SP), Laura Huonker (AL) und Hannah Pfalzgraf (SP) geantwortet – negativ. Er verweist auf die Antwort des Bundesrats: Konsultierte Fachpersonen würden eine statistische Erfassung ablehnen, da die Qualität der Daten nicht gewährleistet werden könne. Die sexuelle Orientierung erachtet der Regierungsrat als besonders schützenswerte Personendaten.

Eine Auswertung von Polizeirapporten habe ergeben, dass 2017/2018 in weniger als zehn Fällen LGBTI-Feindlichkeit als mögliches Motiv angegeben wurde. Eine in den Kantonen Zürich und Waadt durchgeführte Studie von 2013 zeigte jedoch, dass sich nicht-heterosexuelle Jugendliche dem doppelt so hohen Risiko ausgesetzt sehen, erpresst, verletzt oder ausgeraubt zu werden.

Erstellt: 17.09.2019, 23:04 Uhr

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