Lieber Messi statt Grümpi

Jetzt beginnt die Saison des Plauschfussballs. Doch den städtischen Grümpelturnieren laufen die Teilnehmer davon.

Der Festbank ist beim Grümpi mindestens so zentral wie der Rasen. Foto: Reto Oeschger

Der Festbank ist beim Grümpi mindestens so zentral wie der Rasen. Foto: Reto Oeschger

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Dass er so viel zu tun haben wird, hat Nicola Sciacovelli nicht vorhergesehen. Ein Team fällt aus, wie soll er den Spielplan anpassen? Eine Mannschaft hat keine Schienbeinschoner, soll der Schiedsrichter trotzdem anpfeifen? Zählt ein Eigentor einer Frau in einem Männerteam doppelt? Und wer macht den Schiedsrichter im Zusatzspiel nach dem Match, bei dem ein Bierkrug über den Tisch geschoben werden muss? Dann muss Sciacovelli die anstehenden Spiele übers Mikrofon ansagen.

Seine Stimme hallt über den Sportplatz Fronwald: «Auf Platz 1, die Gestiefelten Muskelkater gegen Haudenäbed. Auf Platz 2 machen sich bereit: Die Pfeiffen 69 gegen Remember Indio.» Die Captains von Gägegäge und Dobrosin United werden zum Jurywagen gebeten, sie haben die 120 Franken Gebühr noch nicht bezahlt. Willkommen in der Welt der Grümpelturniere, der Plauschkicker und Platzraufereien, der Biergeselligkeit und angerissenen Bänder.

Dramatischer Einbruch

«Die Teilnehmerzahlen sind in den letzten zehn Jahren dramatisch eingebrochen», sagt Slavo Klisaric, Trainer beim FC Affoltern-Zürich und seit 20 Jahren Organisator des jährlichen Quartier-Grümpis. Standen 2009 noch 120 Mannschaften auf dem Spielplan des Plauschturniers, sind es heute knapp 40. Brauchte es damals noch drei Tage, um alle Spiele unterzubringen, reichen heute zwei. Und für die Party am Abend sei es mittlerweile schwierig geworden, überhaupt Junge zu mobilisieren.

Affoltern steht mit dem Bedeutungsverlust seines Grümpis, das lange den Status eines Dorffestes hatte, nicht alleine da. «Das Grümpi ist ein Auslaufmodell», titelte der «Zürcher Unterländer» vor einiger Zeit. Im Unterland, einst ein guter Nährboden für Plauschfussball, gibt es nur noch eine Handvoll davon. «Wir sind in der Stadt schon beinahe eine Ausnahme», sagt Klisaric. Unterstrass und Höngg kommen ihm in den Sinn. Ansonsten: Fertig Hobbygekicke.

Dem Grümpi in Zürich-Affoltern laufen die Teams davon. Foto: Reto Oeschger

Klisaric sieht drei Gründe für den Abstieg seines Grümpis. Erstens die vielen Events in der Stadt, die von Affoltern aus direkt mit der Buslinie 32 angefahren werden können. «Weil so viel los ist, ist es schwerer, die Jungen anzubinden.» Zweitens weiss er, dass Jugendliche und junge Erwachsene heute kurzfristiger planen. «Die Jungen verabreden sich spontan über Social Media.» Drittens sei es schwieriger geworden, Leute für Freiwilligenarbeit zu begeistern.

Um Letzterem entgegenzuwirken, hat der FC Affoltern-Zürich für alle seine Mitglieder ein jährliches 10-Stunden-Pensum an Fronarbeit eingeführt. So kann der Verein die vielen Aufgaben – vom Würste-Verkaufen bis zu Spielplan-Erstellen – an seine Mitglieder delegieren. Diese Pflichtstunden sind auch der Grund, warum Sciacovelli im Jurywagen sitzt, Fragen beantwortet und Resultate verkündet.

Teams geraten aneinander

Auf dem Feld geraten nun vor seinen Augen zwei Teams aneinander, es geht um nicht gegebene Nachspielzeit. Rudelbildung, der Schiedsrichter muss einschreiten. Man weiss das von den Grümpis: Auch wenn es nicht wirklich um etwas geht, für die Teilnehmer ist die Sache ernst. Und weil bei den Plauschturnieren der Festbank mindestens so wichtig ist wie der Rasen, weil am Nachmittag schon Alkohol fliesst, kämpft das Grümpi seit einiger Zeit auch mit dem Ruf, dass Raufereien dazugehören wie der Wurststand. «In diesem Jahr blieb es auffällig ruhig», sagt Klisaric.

Ein Grund für die friedliche Stimmung ist auch, dass seit einiger Zeit ausgebildete Schiedsrichter an Grümpis Pflicht sind. Alban Dragidella ist so einer. Er pfeift in seiner Freizeit neben 5.-Liga-Spielen auch mehrere Plauschturniere. Um der Verbissenheit entgegenzuwirken, versuche er, den Spielern schon früh im Spiel zu vermitteln, dass es um Spass gehe. «Man kann hier auch Freunde machen auf dem Platz», sagt er.

Heute wird verbissener gekämpft als früher. Foto: Reto Oeschger

Auch wenn er nur ein Sackgeld verdient mit dem Leiten von Plauschturnierspielen, darauf verzichten möchte Dragidella nicht. «Bei den Grümpis gibt es ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das ansonsten im Fussball schwer zu finden ist», sagt er. Man tausche sich aus, sei gesellig. Und wenn es einmal allzu gesellig wird, wenn einer angetrunken auf dem Spielfeld stehe, stelle er ihn vom Platz. Oft passiere das nicht, aber es komme vor. Generell beobachtet der Schiedsrichter aber etwas anderes: Es wird heute verbissener gekämpft auf dem Platz als früher.

Traum von Messi

Auch der Organisator Klisaric sieht das. Den Grund dafür macht er in der fortschreitenden Professionalisierung im Fussball aus. Sie sei auch mitverantwortlich, dass es mit seinem Grümpi abwärtsgeht. «Man will sich heute lieber auf eine Karriere konzentrieren», sagt er. Der Plausch werde in den Hintergrund gedrängt. Man kann den Trend an den Wartelisten sehen, die viele Vereine einführten. Während Jugendliche davon träumen, neue Messis zu werden, laufen Klisaric und seinem Grümpi die Teilnehmer davon.

In Wehmut verfallen möchte Klisaric deswegen nicht. Eher möchte er mit neuen Formen dem Negativtrend entgegenwirken. Etwa mit einem Family-Cup, um die Kleinen anzubinden. Oder mit der Trennung zwischen Plauschmannschaften und solchen mit Spielern, die aktiv tschutten. Was die Organisatoren auch beobachten, ist eine demografische Verschiebung innerhalb der Mannschaften. «Es gibt heute mehr Teams aus Leuten mit Migrationshintergrund», sagt er. Auch spielten heute mehr Frauen mit – positiven Auswirkungen auf den Spielbetrieb.

Am Samstagabend gegen 21 Uhr fanden auf dem Sportplatz Frohnwald die Finalspiele statt. Klisaric verkündete feierlich das Gewinnerteam namens Einfache Jugend. Als Preis gab es für sie einen Pokal und einen Geschenkkorb. Vielleicht lag es auch am eher schlechten Wetter, doch die Party am Abend war einiges vor der Sperrstunde fertig.

Erstellt: 24.06.2019, 09:38 Uhr

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