Liebes Flexity, du wirst Zürich schöner machen

Das lange Warten auf das neue Tram hat sich gelohnt. Es ist ein Transportmittel mit einer besonderen Ausstrahlung. Ein offener Brief.

Endlich da: Das neue Flexity-Tram wurde mit dem Schwertransporter nach Zürich gebracht. Video: Marco Pietrocola (Tamedia)

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Liebes lang Ersehntes

Bist du es? Flexity? Wirklich?

Kaum zu glauben, dass du nun da bist. Nicht mehr fern, in Wien oder Bautzen, sondern hier. In Zürich.

Wie lange haben wir doch auf dich gewartet. Vier Jahre länger als ursprünglich vorgesehen mussten wir uns gedulden. Besonders die letzten Monate fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Mehrere Zwischenfälle brachten den Trambetrieb an den Anschlag und machten deutlich, wie sehr du uns fehlst. Als Verkehrsmittel. Aber auch darüber hinaus.

Du bist in erster Linie eigentlich ja nur eine jener funktionalen Strassenbahnen, an denen es der VBZ-Flotte derzeit mangelt. Nicht mehr und nicht weniger. Geräumig und dafür gebaut, möglichst viele Personen von A nach B zu transportieren. Stehend können mit dir ein Viertel mehr Leute mitfahren als in einer Cobra. Wenigstens an einem Ort weniger Dichtestress! Sitzplatzmässig seid ihr quasi ebenbürtig.

Der Unterschied liegt im Material. Deine Holzsitze sind nicht mehr so bequem wie diejenigen in der Cobra. Aber das bisschen Härte nehmen wir gern in Kauf, weil uns der staubige Mikrokosmos in den Cobra- und Buspolstern ohnehin schon längst ekelt.

Auch wenn du auf den ersten Blick nicht als Wohlfühlparadies erscheinst, du hast anderes, mit dem du dich abheben kannst. Kleiderhaken, USB-Stecker, Belüftung aus der Rieseldecke – was will der moderne Pendler mehr?

Im Innern wirkst du aufgeräumt. Weisse Wände, dunkler Boden, Stahlstangen. Kein Firlefanz, der ablenkt. Von Spezien, die Schein über Sein stellen, haben wir in der Stadt schon genug.

Du bist anders, du musst anders sein.

Anmutig ist deine äussere Erscheinung. Du bist bis zur Front formal durchgestylt, hast keine Ecken und Kanten wie das Tram 2000. Manche mögen dir das vorwerfen, aber darüber stehst du. Du wirkst grazil, fast schon erhaben. Angst, dass dir deine Aufgeschlossenheit in den Kopf steigen könnte, habe ich nicht.

Dein Antlitz wird es wettmachen, erinnert es doch an das eines Kindes – Rehaugen, weiche Mund- und Kinnpartie. Kein Vergleich mit der Cobra, die sich wie ein gefährliches Tier durch den Verkehr zu fressen scheint. Du aber gleitest. Und selbst wenn du je quietschen solltest, wir würden den Lärm wegschauen. Du wirkst, ohne dafür Lärm machen zu müssen, und davon kann die Stadt einige brauchen.

Ehrlich gesagt haben wir zeitweise gar nicht mehr geglaubt, dass du uns irgendwann noch beehren wirst. Auf Bombardier, deine Eltern sozusagen, sind wir nicht besonders gut zu sprechen. Mit ihrem anderen Sprössling, der auf den SBB-Schienen rollen soll, haben wir ja so unsere Mühe.

Doch du bist anders, du musst anders sein – und du wirst Zürich schöner machen.

Erstellt: 13.11.2019, 11:12 Uhr

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