Liebeserklärung an Zürich

Carla Opetnik liess sich für ihre Maturaarbeit herzerwärmende Geschichten aus der Limmatstadt schenken. Jetzt liegen diese als Stadtguide vor.

Minimal-Wasterin Carla Opetnik sagt, sie sei in diesen Lebensstil hineingewachsen.

Minimal-Wasterin Carla Opetnik sagt, sie sei in diesen Lebensstil hineingewachsen. Bild: Boris Müller

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Kennen Sie die Plakatsäule, die Ihnen begegnet, wenn Sie die Langstrasse-Unterführung in Richtung Röntgenplatz verlassen? Von dieser handelt eine der 20 Geschichten im Stadtguide, den die Schülerin Carla Opetnik kreiert hat. Es ist die Geschichte von Maeva, die sich beim Anblick der Säule an die Zeit erinnert, in der sie frisch verliebt war. Sie und ihr Freund haben vor diesem Pfeiler jeweils gestoppt, um ihn einmal zu umrunden – tanzend, hüpfend oder in langsamen Schritten.

Maevas Geschichte zeige, wie durch einen winzigen Input eine neue Facette Zürichs entdeckt werden könne, sagt Carla Opetnik. Auch an Orten, die schon bekannt sind. «Wenn du das nächste Mal ander Plakatsäule vorbeigehst, verspürst du vielleicht den Reiz, Maevas Geschichte nachzuerleben», sagt Opetnik.

Vielleicht verspüren auch Sie den Reiz einmal um die Säule zu gehen. Bild: Carla Opetnik

Schon länger trägt Carla Opetnik den Wunsch mit sich, einen Stadtführer zu machen. Um genau zu sein, seit 2013: Da habe ihr ein Büchlein eine super Zeit im französischen Nizza beschert: «Es war ein ultraherziger, selbst gezeichneter Guide. Das hat mich inspiriert.» Drei Jahre später beginnt die gelernte Schneiderin mit der gestalterischen Berufsmaturität. Die Abschlussarbeit gibt ihr schliesslich die Zeit, an einem eigenen Stadtführer zu arbeiten. «Das vorgegebene Thema Fragment passte hervorragend zu unserer vielschichtigen Stadt», sagt die 28-Jährige, die sich als «Stadtkind mit Leidenschaft für Kreatives» beschreibt.

Geschichten schenken lassen

Den 20 Stadt-Kurzgeschichten ist gemeinsam, dass sie von öffentlichen Orten handeln, an denen kein Konsumzwang herrscht. «Das macht diesen Guide zeitlos, weil er weniger an das sich ständig ändernde Stadtbild gekettet ist», sagt Opetnik.

Es braucht viel Zeit, solche Anekdoten zu finden. Erst durchforstet Opetnik die Erlebnisse ihres Freundeskreises, hört sich Geschichte um Geschichte an. Auch bei neuen Bekanntschaften, sei es im Café oder an der Bar, hält Opetnik immer Ausschau nach spannenden Geschichten. Sie wird fündig.

Die Geschichten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Stadt. Bild: Carla Opetnik

Opetnik fotografiert die Orte und zeichnet sie anschliessend mit einem schwarzen Fineliner ab. Durch diese minimalistische Form sei es möglich gewesen, jeder Illustration einen Charakter zu geben, der zur Geschichte passt – von geordnet architektonisch bis kreativ wild.

Opetnik reicht einen Prototyp des finalen Guides an der Schule ein. Mit dem Gedanken, das Buch öffentlich zu machen und in grösserer Auflage zu drucken, wagt sie erst später zu spielen. Inzwischen steht in ihrer weiterführenden Ausbildung eine nächste Arbeit an, und Opetnik beschliesst, sich ins Thema Crowdfunding einzulesen. Das Gelernte will sie an ihrem konkreten Buchprojekt anwenden. Sie erstellt einen Projektplan, dreht ein Crowdfunding-Video und denkt sich Belohnungen aus für jene, die ihr Projekt unterstützen wollen – unter anderen auch Picknicks an Opetniks Lieblingsort in der Stadt: dem Alten Botanischen Garten. «Im Garten ist es ultragrün und praktisch menschenleer, der perfekte Gegenpol zu unserer hektischen Stadt», sagt sie.

So sieht das Crowdfunding-Video aus.

Im Stadtguide wird auch Opetniks Lebenseinstellung sichtbar: Rund vier Jahre ist es her, seit Opetnik sich mit Umweltschutz befasst. Sie versucht, immer weniger Abfall zu produzieren, verzichtet auf Plastik und will andere motivieren, diese Kreislaufwirtschaft umzusetzen – beispielsweise mit der Facebook-Gruppe «Will öpper», um Hab und Gut zu verschenken. Sie will so wenig Ressourcen wie möglich verbrauchen. «Zuerst war dieser Lebensstil überfordernd», sagt sie. Dann sei sie hineingewachsen.

Minimal-Waste ist Opetnik heute noch wichtig. Das soll sich auch auf den Buchdruck auswirken: «Die Suche nach einer umweltfreundlichen Druckerei glich einer wochenlangen Wanderung durch das Telefonbuch.» Fündig wird Opetnik in Langnau im Emmental, wo das sogenannte «Cradle to Cradle»-Druck-Prinzip die Natur imitiere. Materialien würden in einem endlosen Kreislauf gehalten, um keine Ressourcen zu verschwenden.

Seltene Bestnote

40 Franken kostet ein Büchlein, das nach dem erfolgreichem Crowdfunding ganz sicher in Druck gehen wird. Seit Anfang Woche steht ein «We made it» auf der Website und zeigt ein Dankesvideo von Opetnik, dieser Frau mit den blau getönten Haarspitzen. «Als nur noch wenige Franken fehlten, konnte ich meinen Blick nicht mehr von der Website nehmen», erinnert sich Opetnik.

Und die Note für die Abschlussarbeit? «Eine Sechs», sagt Opetnik. Sie sei mehr als zufrieden, denn die Bestnote – so erzählen sich die Schüler – werde von den Lehrern nur selten vergeben.

Crowdfunding bis zum 12. August: geliebtes-zuerich.wemakeit.com

Erstellt: 03.08.2019, 10:06 Uhr

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