Litt der Schütze an Verfolgungswahn?

Der Moschee-Attentäter war ein Anhänger von Weltverschwörungstheorien. Er rechnete früher oder später mit einem letzten Krieg – und sorgte vor.

Polizisten am Montagabend bei der Leiche des Schützen an der Zürcher Gessnerbrücke. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Polizisten am Montagabend bei der Leiche des Schützen an der Zürcher Gessnerbrücke. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Noch immer wird gerätselt, warum ein bis anhin unbescholtener 24-jähriger Schweizer, der lediglich in der Jugend wegen Velodiebstählen polizeilich aufgefallen war, innerhalb von zwei Tagen seinen besten Freund ersticht und auf Somalier in einer Moschee schiesst.

Ein mögliches Motiv könnte sein Interesse an Weltverschwörungstheorien sein und seine Befürchtung, dass es früher oder später zu einem letzten Krieg kommen wird. Dies sagte sein letzter Lehrmeister aus dem Betrieb, in dem der junge Mann das dritte Lehrjahr als «Fachmann Betriebsunterhalt» absolviert hatte. Der Lehrling habe täglich meditiert, viel gelesen, gedichtet und musiziert und nach dem Lebenssinn gesucht. Zudem habe sein Interesse Verschwörungstheorien gegolten, die er im einschlägigen Blog «Alles Schall und Rauch» fand. Der Blog will die Menschheit vor einer vermeintlichen neuen Weltordnung beschützen, welche die Herrschaft anstreben soll. Die Medien und die «Lügenpresse» seien Instrumente dieser neuen «Elite».

Pistole zum Schutz gekauft

Vor rund einem Jahr muss sich die Welt von M. O. verändert haben. Er hatte Streit mit seinem engsten und vermutlich einzigen Freund – dem späteren Opfer auf dem Kinderspielplatz in Schwamendingen. Warum es zum Streit mit dem 24-jährigen Produktionsmechaniker aus Schwamendingen kam, mit dem M. O. jeweils musizierte, weiss der Ex-Lehrmeister nicht.

Zudem spitzte sich in diesem Zeitraum offenbar auch die Furcht vor einer Katastrophe oder einem letzten Krieg zu. Der 24-Jährige erwarb sich legal eine Pistole für den Selbstschutz. Mit der Waffe schoss er dann am letzten Montagabend in der Moschee an der Zürcher Eisgasse auf die Gläubigen.

O. kaufte und verkaufte auch Notvorrat. Auf einer Gratisinserate-Plattform bot er «9 Monate Langzeitnahrung von SicherSatt» für 5000 Franken an: Rührei mit Schinken, Mediterrane Gemüseküche, Gemüseküche Tikka Curry, Indisches Hühnchen-Curry, Spaghetti Bolognese, Chili con Carne mit Reis, Maccaroni mit Käsesauce, Outdoorkekse, Dosenbrot, Milchpulver.

Weder Drogen noch Alkohol

Es habe keine Hinweise darauf gegeben, dass M. O. an Verfolgungswahn litt oder sich psychische Störungen bemerkbar machten, sagt sein Ex-Lehrmeister. Die Taten seien unverständlich. Er beschreibt ihn als «Supertyp», der die Lehre mit Bravour abschloss. M. O. sei nicht aggressiv gewesen und habe sich nicht abschätzig über andere Religionen geäussert. Er habe kaum Alkohol getrunken und keine Drogen genommen.

Auch an seinem ersten Einsatzort, 2010 als angehender Hauswart bei einer Sonderschule in Zürich, wird er positiv erwähnt. Ebenso an seinem letzten Arbeitsort in einer Filiale einer Baumarktkette, wo er als pünktlich und zuverlässig beschrieben wird. Als einer, der in keiner Art und Weise negativ aufgefallen ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2016, 23:41 Uhr

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