«Lustig, dass man jetzt Intensivstation spielt»

Ein Viertel der Bäume auf dem Sechseläutenplatz ist abgestorben. Baumexperte Andreas Diethelm sagt: «Es wurden die falschen Bäume gepflanzt.»

Ein Viertel der Bäume auf dem Sechseläutenplatz ist verkümmert.

Ein Viertel der Bäume auf dem Sechseläutenplatz ist verkümmert. Bild: Fabienne Andreoli

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Rund 15 von 56 Bäumen auf dem Sechseläutenplatz sind tot. Warum?
Es sind die falschen Baumsorten, die gepflanzt wurden. Der Tulpenbaum und die Roteiche stammen ursprünglich aus den Appalachen im Osten der USA und brauchen viel Feuchtigkeit. Das Klima auf dem Platz aber gleicht einer Herdplatte – mit bis zu 50 Grad im Sommer herrschen extreme Bedingungen.

Die Stadt sagt, neben Wassermangel habe auch die Oberflächenverdichtung eine Rolle gespielt.
Das weiss man nun wirklich schon lange, dass die Verdichtung für Bäume schädlich ist. Vor allem, wenn sie wie der Tulpenbaum lockere Erde brauchen, die wasserdurchlässig ist und viel Nährstoff bietet. Man hätte von Anfang an alles bieten müssen, was es braucht: tüchtig wässern. Aber wenn man solche Inselchen anlegt, damit die Bäume wie «Ballerinas» aussehen, wie es sich der Gartenarchitekt damals vorgestellt hatte, dann ist es schwierig.

Was ist schwierig?
Es ist falsch, den Baum allein nach ästhetischen Kriterien auszuwählen, wie das hier der Fall war. Man hat den Tulpenbaum genommen, weil er sehr gerade wächst – wie eine Ballerina – und sich im Herbst schön gelb färbt, beziehungsweise die Eiche, die sich rot färbt. Zudem wachsen beide Baumarten sehr schnell. Das Hauptkriterium für die Baumwahl müssten die Standortbedingungen sein.

Welchen Baum hätte man stattdessen pflanzen sollen?
Man hätte die gefällten Platanen stehen lassen sollen. Die Kiefer wäre auch geeignet, weil sie an trockenen, besonnten Standorten wächst. Sie hätte dem Platz auch einen etwas südlicheren Aspekt verliehen. Der Sechseläutenplatz ist ein grosser Platz, er würde grosse Bäume gut vertragen – und nicht solche Dekobäumchen.

Nun ergreift die Stadt diverse Massnahmen: pflanzt neue Bäume, injiziert Wasser und Nährstoffe direkt in die Wurzeln, verlegt einen unterirdischen Bodenschutz und ein Ringleitungssystem zur Bewässerung, sperrt die Bäume vor und während Veranstaltungen ab.
Das sind Massnahmen, die sicher nicht falsch sind. Es wirkt einfach etwas lustig, wenn man jetzt Intensivstation spielt und so tut, als wären die Bäume plötzlich von einer Naturgewalt verletzt worden. Ein Baum stirbt ja nicht von einem Tag auf den anderen, es muss ihm schon länger nicht gut gegangen sein. Für mich ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum man die Bauminseln bei Veranstaltungen nicht schon von Anfang an abgesperrt und mit genügend Wasser versorgt hat.

Aber die Massnahmen werden nützen?
Die wirken sicher. Man muss sich einfach bewusst sein, dass Bäume am Strassenrand, auf Plätzen und mitten in der Stadt immer verletzlicher sind als die Bäume im Wald. Sie haben weniger Wurzelraum, darum weniger Nährstoffe und Wasser, und sie sind vielerorts auch durch Streusalz im Winter beeinträchtigt. All das macht sie weniger widerstandskräftig und etwa für Trockenheit anfälliger.

Erstellt: 05.10.2018, 11:56 Uhr

Andreas Diethelm ist Umweltberater und Baumexperte und lebt in Zürich.

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