Luxusstudios statt Puffs

In den ehemaligen Milieuliegenschaften im Kreis 4 entstehen kleine und teure Wohnungen. Oder sie werden an Sozialhilfeempfänger vergeben.

Im ehemaligen Bordell an der Ankerstrasse 115 quartiert die Stadt bald Suchtkranke ein. <nobr>Fotos: Doris Fanconi
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Im ehemaligen Bordell an der Ankerstrasse 115 quartiert die Stadt bald Suchtkranke ein. Fotos: Doris Fanconi

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Das Milieu verlässt den Kreis 4. Wegen des rechtlichen Drucks, den die Stadt ausübt, mussten seit 2003 mindestens 54 Salons und Milieuliegenschaften schliessen. Der Wegzug beschleunigt sich seit einigen Monaten, weil die neue Prostitutionsverordnung fast alle Bordelle im Kreis 4 verbietet. Die aufgegebenen Häuser stehen oft an guter Lage. Was mit ihnen geschieht, entscheidet mit, wohin sich der Kreis 4 in den nächsten Jahren entwickelt.

Die grösste Liegenschaft, welche Prostituierte kürzlich räumten, ist der 70er-Jahre-Block zwischen Hohlstrasse 30 und Brauerstrasse 27. Jahrelang bildete er das Zentrum des Zürcher Milieus. Seit Oktober laufen die Renovationsarbeiten, nun sind die Wohnungen auf den 1. April ausgeschrieben. Die meisten der 65 Wohnungen haben ein Zimmer und kosten um die 1500 Franken. Vier Zimmer mit 90 Quadratmetern gibt es für 2900 Franken.

Das Interesse sei riesig, sagt Remo Lips von der Kornhaus Verwaltung. Sie betreut den Block für die Innerschweizer Firma Feldmoos AG, der langjährigen Eigentümerin. «Wir werden fast überschwemmt mit Anfragen, täglich veranstalten wir eine Besichtigung.» Den Preis bezeichnet Lips als marktgerecht, die Wohnungen böten einen hohen Ausbaustandard. Interessiert zeigten sich «Leute wie Sie und ich», sagt Lips. Die meisten wüssten, dass sie sich «mitten ins Geschehen» wagten. «Sie suchen das bewusst.»

Man kläre alle Bewerber über die bewegte Geschichte sowie die Umgebung des Hauses auf. «Wir achten auch darauf, dass keine Prostituierten zurückkommen», sagt Lips. Der Abwart kenne die meisten der früheren Mieterinnen und erkläre ihnen, dass man sie nicht mehr berücksichtigen könne. Ausserdem verlange man von allen Bewerbern einen Strafregisterauszug. «Diese Haltung spricht sich im Quartier herum», sagt Remo Lips.

Teurer Quadratmeter

Die Geschichte spiegelt, was überall im Quartier passiert. Wo sich das Milieu zurückzieht, wird herausgerissen, aufgestockt, umgebaut. Meist entstehen Wohnungen mit einem oder zwei Zimmern. Meist bewegen sich die Preise im «mittleren Segment». So nennt die Immobilienbranche Mieten von jährlich über 400 Franken pro Quadratmeter.

Neun Wohnungen kommen etwa an der Kanonengasse 7 auf den Markt. Auch sie lägen im «mittleren Preissegment», wie die neue Besitzerin, die Ausserrhoder Firma Agensa Familia AG, angibt. Laut Bauausschreibung erhält das schmale Haus einen zusätzlichen Stock samt Dachterrasse. Die Polizei hatte es Ende 2011 geräumt, weil der Mietvertrag des Bordellbetreibers ausgelaufen war. Seither ist es bis auf eine kurze Besetzung leer geblieben. Der Agensa Familia AG gehören im Kreis 4 auch drei kürzlich eröffnete Pensionen. Diese liegen ebenfalls in ehemaligen Milieuhäusern.

Kurz vor dem Umbau steht auch das Haus an der Feldstrasse 46, wo bis vor kurzem mehrere Studios wirtschafteten. Laut deren Homepages sind sie nun umgezogen – eines in den Kreis 8, ein anderes nach Biel. Nun schaffe man Mietwohnungen, heisst es bei der Besitzerin, der Zürcher Firma Residenzia Real Estate AG. Die Preise habe man noch nicht festgelegt. Laut Bauausschreibung werden die 16 neuen Wohnungen zwischen 17 und 31 Quadratmeter gross sein.

Während der letzten Wochen bekamen in mindestens drei weiteren Liegenschaften allen Mieterinnen die Kündigung. Das sagen Quartierkenner. Die entsprechenden Hauseigentümer waren für den TA nicht erreichbar.

Einen anderen Weg wählen die Eigentümer der Ankerstrasse 115. In den 15 Zimmern haben bisher Prostituierte gearbeitet. Nun hat die Stadt Zürich alle Zimmer für zehn Jahre gemietet. Bald ziehen Menschen ein, die Betreuung brauchen. Die Stadt benötigte neue Plätze für ihr Angebot «Begleitetes Wohnen» (Bewo), da ihr ein Bewo-Haus in Hottingen gekündigt wurde. «Die Vermieter der Ankerstrasse sind auf uns zugekommen», sagt Rolf Schuppli, Leiter der Abteilung Wohnen und Obdach. «Wir gelten als zuverlässige Partner.»

Für ein Zimmer zahlt die Stadt dort monatlich 800 Franken. Das entspricht einem Jahrespreis von 114'180 Franken für alle Zimmer. «Heute ist das sehr gut. Wir nehmen bei weitem nicht alle Häuser, die uns angeboten werden. Teils stehen offensichtliche Gewinninteressen dahinter», sagt Schuppli. Weitere Milieuliegenschaften werde das Bewo nicht anmieten. «Wir haben wieder genug Zimmer.» Die Ankerstrasse 115 bleibe vorerst ein Einzelfall im Kreis 4.

In ein anderes Milieuhaus sollen nach der Räumung vor allem Sozialhilfeempfänger eingezogen sein. Der Eigentümer verlange von ihnen 1100 Franken. So hoch liegt die Maximalmiete, die das Gesetz für Einpersonenhaushalte zulässt. Das Sozialdepartement kann den Fall aus Datenschutzgründen nicht bestätigen. Der Mietvertrag sei Sache zwischen Eigentümer und Klienten, sagt Sprecherin Franziska Schawalder. Leider gebe es Vermieter, welche die Schwierigkeiten von Sozialhilfebezügern auf dem Wohnungsmarkt ausnützten und den gesetzlichen Maximaltarif ausreizten. «Darüber sind wir nicht glücklich, meistens können wir wenig dagegen tun.»

Die Entwicklung im Kreis 4 folgt einer marktwirtschaftlichen Logik: Milieuhäuser befinden sich oft in einem vernachlässigten Zustand. Um weiter eine annähernd so hohe Rendite wie bisher zu erzielen, bleiben den Eigentümern zwei Möglichkeiten: ohne Umbau an Sozialhilfeempfänger zu vermieten oder nach einem Umbau marktgerechte Mieten zu verlangen.

Erstellt: 24.02.2014, 08:30 Uhr

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Seit 1999 verbietet die Bau- und Zonenordnung (BZO) bezahlten Sex in Quartieren, deren Wohnanteil über 50 Prozent liegt. Im Kreis 4 trifft dies fast überall zu. Lange duldete die Stadt das Milieu in einem gewissen Rahmen. Aufgrund der neuen Gesetzeslage hat die Polizei ihren Druck seit 2013 stark erhöht. AL und NGOs kritisieren dieses Vorgehen. Es dränge Frauen in die Illegalität, diskriminiere einseitig ihr Gewerbe. Der Partybetrieb belaste das Quartier viel stärker. Deshalb verlangen sie, die Einschränkung zu streichen, die Bordelle erst ab einem Wohnanteil von unter 50 Prozent erlaubt. Die Streichung soll im Rahmen der laufenden BZO-Revision geschehen. (bat)

Das Haus an der Kanonengasse 7 hat die Polizei Ende 2011 geräumt, nun entstehen Wohnungen im «mittleren Preissegment».
(Bild: Doris Fanconi)

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