«Man befürchtete, dass aus Zürich Grossaussersihl wird»

Mit der Eingemeindung vor 125 Jahren wurde aus Zürich eine Grossstadt. Der Historiker Nicola Behrens sagt, wie es dazu kam und weshalb die Cholera dabei eine wichtige Rolle spielte.

Im Wachstum begriffen: Zürich wurde durch die erste Eingemeindung 1893 zur Grossstadt. Hier eine Ansicht von der Waid aus um 1890.

Im Wachstum begriffen: Zürich wurde durch die erste Eingemeindung 1893 zur Grossstadt. Hier eine Ansicht von der Waid aus um 1890. Bild: Baugeschichtliches Archiv Zürich

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Mit der Eingemeindung von 1893 wurde aus Zürich die erste Grossstadt der Schweiz. Ging es bei diesem Schritt um Prestige?
Nein, das war nicht relevant. Es war vor allem ein praktischer Entscheid. Es ging darum, die Probleme im Siedlungsgebiet rund um die Stadt in den Griff zu bekommen. Das war mit den damaligen politischen Strukturen kaum möglich. Es brauchte stets einen Beschluss der Gemeindeversammlungen aller beteiligten Gemeinden, damit etwas geschehen konnte. Nehmen wir das Beispiel Landesausstellung 1883 in Zürich: Um bei diesem Grossanlass für die Sicherheit zu sorgen, wollte man die Polizeikräfte der Stadt und der umliegenden Gemeinden bündeln. Riesbach war gegen diesen Plan und hätte ihn fast zu Fall gebracht, wenn sich der Kanton nicht eingeschaltet und gedroht hätte, dies per kantonalem Gesetz vorzuschreiben.

Wie muss man sich die Situation in den Aussengemeinden zu jener Zeit vorstellen?
Die Gemeinden waren grundverschieden. Während Leimbach noch eine Bauerngemeinde war, bildete Aussersihl mit seinen fast 30’000 Einwohnern eine mittelgrosse Stadt von der Grösse des damaligen Winterthur. Die Region erlebte zu jener Zeit eine massive Einwanderungswelle. Die Infrastrukturen fehlten. Fäkalien und Müll wurden einfach in die Bäche, die Limmat und die Sihl geschüttet. Kläranlagen gab es nicht. Man begann, die Bäche abzudecken, um den Gestank einzudämmen. Das Problem war damit natürlich nicht gelöst. 1867 erlebte die Stadt die erste grosse Choleraepidemie – just als sich eine Verbesserung abzeichnete.

Viel Platz, viele Reben: Höngg um 1898. (Bild: Baugeschichtliches Archiv Zürich)

Inwiefern?
Der Stadtingenieur Arnold Bürkli wurde 1860 angestellt, weil die Stadt unter anderem die Abwasserproblematik in den Griff bekommen wollte. Er schlug ein neuartiges Kanalisationssystem als Lösung vor. Im Frühling 1867 hat die Stadt diesem Projekt zugestimmt – im Herbst brach die Cholera aus. Auch Typhus und Pocken konnten sich aufgrund der katastrophalen hygienischen und sanitären Zustände in der Stadt leicht ausbreiten. Diese Angst vor weiteren Epidemien war ein wichtiger Beweggrund für die Bewohner der Stadt und der Aussengemeinden, der Erweiterung zuzustimmen. Nur so konnten Lösungen umgesetzt werden. Ein weiterer Grund war, dass man mit der Eingemeindung Einkommenssteuern erheben konnte. Davor gab es lediglich Kopf- und Vermögenssteuern und diese Einnahmen reichten nicht aus, um die notwendigen Infrastrukturen aufzubauen.

War die Steuerbelastung der Grund dafür, dass sich Wollishofen bis vor Bundesgericht gegen die Eingemeindung wehrte?
Wollishofen war im Gegensatz zu den andern Aussengemeinden nicht verschuldet. Die Wollishofer wollten daher ihre Schafe ins Trockene bringen. Aber das Bundesgericht hat das kantonale Votum für eine Eingemeindung höher gewichtet als die Gemeindeautonomie.

Das kommt einer Enteignung gleich.
Der Kanton hat damals tatsächlich sehr stark in die Abläufe eingegriffen. Er hat mit dem sogenannten Zuteilungsgesetz die ganze Eingemeindung geregelt und in 104 Artikeln detailliert festgehalten, was die Stadt zu tun und zu lassen hat. Sogar die Skala der Einkommenssteuererhebung wurde der Stadt vorgeschrieben. Der Kanton wollte damit verhindern, dass die neue Grossstadt Zürich zu mächtig wird. Allein der Name des Gesetzes deutet auf den grossen Einfluss des Kantons hin: Bis 1890 sprachen alle von ‹Vereinigung›, danach hat der Kanton den Begriff der ‹Zuteilung› ins Gesetz geschrieben.

Wurde auf einen Schlag grösser: Die Stadt Zürich um 1890 drei Jahre vor der ersten Eingemeindung. (Bild: Baugeschichtliches Archiv Zürich)

Was hielten die Stadtzürcher von der Eingemeindung?
Die Konservativen hatten Angst, dass die Stadt ihre Identität verlieren könnte. Es gab die Befürchtung, dass statt ein Grosszürich ein Grossaussersihl entstehen könnte. In den ersten Jahren nach der Vereinigung wurde sogar das Sechseläuten nicht mehr durchgeführt, weil die Meinung vorherrschte, dass dieser Anlass nicht mehr zum Charakter der neuen Stadt passe. Irgendwann hat man dann auch in den Aussengemeinden Zünfte gegründet, und so wurde der Traditionsanlass wiederbelebt.

Mit der Eingemeindung gehörten plötzlich elf Vororte zu Zürich. Wie war es möglich, diese höchst unterschiedlichen Gemeindestrukturen zu verbinden?
Die Vorbereitungen dazu starteten bereits 1891. Damals hat man einen erweiterten Gemeinderat gewählt, der die neue Gemeindeordnung ausarbeiten sollte. Bisherige Institutionen wurden aufgelöst, die Verwaltung neu organisiert und ausgebaut. Einige Ämter wurden zentral gebündelt, gewisse Strukturen mussten aber nahe bei den Leuten im Quartier aufgebaut werden. Aus früheren Gemeindeverwaltungen entstanden so die Kreisbüros. Der Aufwand war enorm. Man musste dafür sorgen, dass es nicht mehrere Strassen mit demselben Namen gab – oder dass der Feuerwehrkommandant einen Telefonapparat bekommt. Die Verhältnisse waren damals aber ganz anders als heute: 1893 gab es nur ein Rösslitram in Zürich, der grosse Ausbau des Tramnetzes erfolgte erst nach der Stadtvereinigung. Die meisten waren zu Fuss unterwegs. Daher hatte diese Vergrösserung der Stadt auf die Bewohner selbst kaum Auswirkungen. Sie lebten wie bisher in ihren Gemeinden.

Neue Strassen für Zürich: Die Ottikerstrasse um 1902 (Bild: Baugeschichtliches Archiv Zürich)

Gibt es bei all diesen Umstrukturierungen Bereiche, in denen Fehler gemacht wurden, die sich noch heute negativ auf die Stadt auswirken?
Nein, das nicht. Aber die Eingemeindung wäre speditiver vonstattengegangen, wenn man sie 20 Jahre früher umgesetzt hätte. Der Leidensdruck war damals aber nicht gross genug, und natürlich spielten auch politische Überlegungen bei der Verzögerung eine Rolle: Es war schon um 1890 absehbar, dass die Liberalen, die ihre Hochburg in der Stadt Zürich hatten, ihre Macht mit der Eingemeindung verlieren würden, weil in den Aussenquartieren die Demokraten viel stärker waren.

In dieser Zeit wurde viel gebaut. Hat man dabei auch alles richtig gemacht?
Man konnte jedenfalls nicht einfach so drauflosbauen. Es gab schon ab 1863 eine Bauordnung für die städtischen Gebiete des Kantons. Diese kam auch in den Aussenquartieren zur Anwendung. Wer bauen wollte, brauchte eine Bewilligung. Die Bauordnung war allerdings relativ liberal, damit die Bauherren rasch vorwärtsmachen konnten.

Die erste Eingemeindung fand 1893 statt, die zweite 1934. Wäre es an der Zeit, die Stadtgrenzen erneut auszuweiten?
Ich glaube, dass hierzu der richtige Zeitpunkt allenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen wäre, als die Stadt über ihre damaligen Grenzen hinauszuwachsen begann. Aber politisch war das nicht mehr durchsetzbar. Schon die zweite Eingemeindung war nur in abgespeckter Form möglich – in einer ersten Vorlage von 1929 wären auch Kilchberg, Oberengstringen, Schlieren und Zollikon Teil von Zürich geworden. Es ist daher klar, dass man an der Urne keine weitere Eingemeindung mehr durchbringen würde – allein schon wegen des Anti-Zürich-Reflexes im Kanton. Da halte ich sogar die völlig illusorische Idee eines Halbkantons Stadt Zürich für realistischer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2018, 11:24 Uhr

«Der Kanton Zürich wollte verhindern, dass die neue Grossstadt zu mächtig wird»: Nicola Behrens, Historiker vom Zürcher Stadtarchiv. (Bild: Doris Fanconi)

Infobox

Die Grossstadt Zürich feiert in diesem Jahr ihren 125-jährigen Geburtstag. Am 1. Januar 1893 trat die erste Stadterweiterung in Kraft und Zürich wurde um elf Nachbargemeinden vergrössert: Aussersihl, Enge inklusive Leimbach, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen und Wollishofen. Mit einem Schlag hatte Zürich viermal mehr Einwohner – nämlich 120’000.

Welche Auswirkungen dieser Schritt auf die weitere Entwicklung Zürichs hat, zeigt die Stadt auf ihrer Website in einer digitalen Zeitreise durch die Geschichte. Monatlich wird ein Themenbereich aufgegriffen und die Veränderungen der letzten 125 Jahre in Bildern, Statistiken und Grafiken illustriert. Tagesanzeiger.ch/Newsnet nimmt diese Serie auf, ergänzt sie in loser Folge mit zusätzlichen Informationen und lässt Experten zu Wort kommen. Die Serie beginnt morgen Dienstag mit dem Thema «Wachstum». (tif)

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