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Marianne W. von der Polizei verjagt

Seit Monaten harrte die Obdachlose auf der Treppe der Zürcher Predigerkirche aus. Gestern räumte sie den Platz zwangsweise.

Darf nicht mehr auf der Kirchentreppe leben: Die Obdachlose Marianne W. (Foto: Reto Oeschger)
Darf nicht mehr auf der Kirchentreppe leben: Die Obdachlose Marianne W. (Foto: Reto Oeschger)

Der Predigerplatz im Niederdorf bietet einige Attraktionen: die Zentralbibliothek als grösste Schriftensammlung der Stadt. Das alternative Café Zähringer, das seit 1981 eisern kollektivistisch geführt wird und die Predigerkirche, an deren Stelle vor der Reformation einst ein Dominikanerkloster stand. Und dann wäre da noch Marianne W.

Seit vergangenem November prägte die Obdachlose das Bild des Platzes. Leicht erhöht, auf der Treppe der Predigerkirche, schlug sie ihr Lager auf. In Wolldecken gehüllt, rauchte sie Zigarette um Zigarette, trank Kaffee um Kaffee – eine alte Frau, die freiwillig der eisigen Kälte trotzte: So was bleibt im reichen Zürich nicht unbemerkt. Die Obdachlose avancierte zum kleinen Stadtgespräch – von TeleZüri bis Redaktion Tamedia berichteten die Medien über die Frau, die niemals schläft.

Kirche schaltete Polizei ein

Seit gestern Vormittag ist Marianne W. weg. Ihr Abgang war nicht freiwillig, sondern erfolgte auf Geheiss der Sicherheitskräfte. Die Stadtpolizei Zürich und die Ordnungshüter der SIP rückten gleich mit mehreren Personen aus, um der Obdachlosen mitzuteilen, dass ihre Zeit am Predigerplatz abgelaufen sei, berichtet ein Student, der die Szene beobachtete.

Marianne W. leistete keinen Widerstand. Wohin die Obdachlose weiterzog, ist nicht bekannt. «Sie packte ihre Sachen und ging», sagt Polizeisprecher Michael Walker, der den Einsatz bestätigt. Die Räumung erfolgte auf Wunsch der reformierten Kirche. Letzte Woche sassen die Kirchenpfleger zusammen, um das weitere Vorgehen im Fall Marianne W. zu besprechen: «Wir mussten etwas unternehmen», sagt Catherine Roschi, Sigristin der Predigerkirche. Die Obdachlose habe sich renitent gezeigt und jegliche Angebote für Obdachlosenheime abgelehnt. «Wir konnten ihre Anwesenheit nicht mehr länger tolerieren.»

Marianne W. will nicht ins Obdachlosenheim, sondern träumt von einem Leben in Freiheit. «Entweder Wohnwagen oder Predigerplatz», sagte sie dem Redaktion Tamedia vor einem Monat. Dieser Wunsch des mobilen Wohnheims dürfte kaum in Erfüllung gehen – auch einen Wohnwagen gibt es in Zürich nicht kostenlos, geschweige denn einen Standplatz.

Aufruf im Grossmünster

Marianne W. polarisierte im Quartier. Sie hatte etwas Unberechenbares: Das Lächeln ging ihr ebenso leicht von den Lippen wie gelegentliche Flüche. Sie referierte über Telepathie und echauffierte sich lauthals über Sicherheitskräfte, die sie nicht in Ruhe liessen. Sie löste aber auch eine Welle der Solidarität aus: Anwohner versorgten die Obdachlose während Monaten mit Essen, Kleidern und etwas Geld. Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist rief kürzlich in einer Sonntagspredigt zur Solidarität mit Marianne W. auf: «Die Armut spielt sich vor unserer Haustüre ab. Wir dürfen nicht wegschauen, helft dieser Frau!»

Stattdessen sah sich die Kirche nun gezwungen, auf Repression zu setzen. Fast ironisch mutet dabei das Motto der Predigerkirche an: Sie versteht sich als «auberge spirituelle», wobei die Kirchenarbeit «auf dem Prinzip der Gastfreundschaft» aufbaue. Doch die Kirche hatte einen schweren Stand. «Wir boten Hilfe an. Doch es wurde immer schwieriger, mit der Frau zu kommunizieren», sagt Roschi. Dass die Frau nicht ewig auf der Treppe bleiben kann, sei «allen klar gewesen».

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