Nun wird Marx an der Uni Zürich gelehrt

Die Hochschule führt eine Vorlesung in marxistischer Ökonomie ein. Was sich die Studierenden davon erhoffen.

In den Hörsälen bekommen Studierende neue ökonomische Denkmodelle präsentiert, auch jene von Karl Marx. Foto: Raisa Durandi

In den Hörsälen bekommen Studierende neue ökonomische Denkmodelle präsentiert, auch jene von Karl Marx. Foto: Raisa Durandi

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Die Wirkungsmacht von Karl Marx ist enorm. Just zu seinem 200. Geburtstag werden die umstrittenen Theorien des deutschen Philosophen und Ökonomen rege diskutiert. Die NZZ sprach Anfang Mai ein überraschendes «Lob auf Karl Marx» aus und versuchte ihn als Freisinnigen darzustellen. «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel zeigte sich darauf entsetzt über den angeblich grassierenden «Karl-Marx-Tsunami». In mehreren Texten und langen Videobeiträgen betonte der SVP-Nationalrat seine Abneigung gegenüber dem «Revolutionär, der die Welt aus ihren Angeln hob»: «Seine Diktatur des Proletariats wurde verwirklicht, mit Millionen von Toten.»

Marx’ Vermächtnis wird jedoch nicht nur in den Feuilletons und Meinungsseiten diskutiert. Auch im Vorlesungssaal der grössten Zürcher Bildungsinstitution wird dies künftig geschehen. Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich bietet ab Herbst eine Vorlesung, die sich mit der «Marxistischen Politischen Ökonomie» befasst. Galten seine Bücher bis mindestens zum Ende des Kalten Krieges als Tabulektüre, so wird seine Lehre nun der kommenden Wirtschaftselite des Landes beigebracht. Als Gastprofessor agiert der Deutsche Fritz Helemedag – ein profilierter Ökonom mit wachstumskritischen Ansätzen, der einst Doktorvater der prominenten deutschen Linken Sahra Wagenknecht war.

Zur «kritischen Reflexion»

Ist die Einführung des Kurses ein Versuch, vermehrt antikapitalistische Ökonomen auszubilden? Eine Rehabilitierung des Marxismus, der gemäss seinen Kritikern die ideologische Grundlage für unterdrückende kommunistische Regime bot? Rainer Winkelmann, Direktor des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Uni Zürich, verneint und bittet, «den Ball flach zu halten». Es handle sich nur um einen von rund 500 Kursen. «Das Modul hat keine politische Richtungswirkung», sagt Winkelmann.

Vielmehr stehe die vielfältige Lehre in der Tradition der Universität: Man wolle den Studierenden verschiedene Denkmodelle präsentieren «zur Auseinandersetzung und kritischen Reflexion». Die Entstehung des Programms Plurale Ökonomik – zu dem die Karl-Marx-Vorlesung gehört – sei indes eine spezielle: «In diesem Fall wurde es uns von Studierenden vorgeschlagen», sagt Winkelmann. Weitere untypische Vorlesungen sind etwa der feministischen Ökonomie, dem Post-Keynesianismus oder der PostWachstumsökonomik gewidmet.

Das Programm Plurale Ökonomik ist Resultat eines Protests. Dieser nahm 2013 seinen Anfang, als Studierende schwere Vorwürfe gegen die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät erhoben. In einem offenen Brief, den mehrere Hundert Studierende unterschrieben hatten, wurde eine «intellektuelle Beschränktheit» angeprangert. Der Nachhall der Wirtschaftskrise war in den Worten deutlich spürbar: Soziale Probleme würden an der Universität kaum bis gar nicht angesprochen. Obwohl das neoliberale Denken offensichtlich nicht nur zu Wohlstand führe, werde Kritik an der gängigen Praxis noch immer «lediglich mit dürftigen Erklärungen» abgetan. Die Studierenden bemängelten, dass das selbstständige Denken nicht geschult werde.

In der DNA der Uni verankern

Der damalige Vorstand der Wirtschaftsfakultät versprach den Studierenden, die Sachlage detailliert zu prüfen, wie aus einem TA-Artikel von 2013 hervorgeht. Passiert sei nichts, sagt eine aktuelle VWL-Studentin, die den Brief damals unterschrieben hatte. Erst als Studierende vor zwei Jahren den Verein «Plurale Ökonomik Zürich» gründeten, geriet Bewegung in die Angelegenheit. Der Verein wandte sich an die bundes­finanzierte Akademie der Wissenschaften Schweiz. Das Konzept des Vereins wurde ins Förderprogramm U-Change aufgenommen und erhielt wenig später auch grünes Licht von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.

«Es ist ein erster Schritt», sagt Joël Bühler, VWL-Student und Vorstandsmitglied vom Verein Plurale Ökonomik. Es sei Ziel des Vereins, dass die Vermittlung verschiedener Wirtschaftstheorien dereinst «zur DNA der Wirtschaftslehre» werde. «Wir sind Teil einer internationalen Bewegung, die ins Rollen kommt.» Institutsdirektor Winkelmann ist hingegen zurückhaltend, was die Ausweitung der Vorlesungen betrifft: «Das hängt von der Nachfrage ab.» Im Moment sei die Plurale Ökonomik ein einmaliger Versuch, ein Ausbau des Angebots bisher ist nicht geplant.

Der Verein Plurale Ökonomik kritisiert, dass an der Universität Zürich noch immer die neoklassische Theorie dominierend sei – eine wirtschaftswissenschaftliche Richtung, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorherrschend ist. «Die Wirtschaftswissenschaftler von morgen müssen jedoch mit dem geeigneten theoretischen Wissen und Werkzeug ausgestattet werden, um heutige Probleme anzugehen», sagt der VWL-Student. Etwa die fortschreitende Klimaproblematik oder die wachsende Ungleichheit.

Doch braucht es tatsächlich Marx, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen? Marx habe immer noch eine Berechtigung, was etwa die Einbettung ökonomischer Theorien in gesellschaftliche Machtverhältnisse betreffe, sagt Bühler, der sich selbst als Sozialist bezeichnet. «In der Neoklassik wird diesem Aspekt kaum Beachtung geschenkt.» In der pluralen Ökonomie gehe es jedoch nicht darum, eine bestimmte Theorie oder politische Richtung zu propagieren. Im Gegenteil: Ziel sei die Auseinandersetzung mit möglichst allen wichtigen Theorien. Dazu gehöre auch die Österreichische Schule der Nationalökonomie – eine liberale Denkrichtung. «Nur so werden Studierende befähigt, über den Tellerrand zu schauen.»

Politische Agenda an der Uni?

Tatsächlich geniesst die Plurale Ökonomik Sympathien über Parteigrenzen hinaus. Der Ökonom und Präsident der Jungfreisinnigen Andri Silberschmidt unterstützt die Idee des Kurses. «Es ist wichtig, dass die Studenten nicht nur den Mainstream der Ökonomie kennen lernen, sondern alle Denkrichtungen.» Marx-Kritiker Köppel glaubt hingegen, dass die Universität durchaus eine politische Agenda verfolgt: «Nichts gegen eine vertiefte, kritisch-hermeneutische Auseinandersetzung mit Marx, aber bitte keinen Gottesdienst auf Kosten der Steuerzahler», sagt der SVP-Nationalrat. Generell habe er den Eindruck, dass an Schweizer Universitäten weniger Marx, dafür mehr Liberalismus und gesunder Menschenverstand gelehrt werden sollten.

Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich, kann die Kritik von Köppel nicht verstehen. Losgelöst von ideologischer Wissensvermittlung gehe es darum, den theoretischen Blick der Studierenden auszuweiten. «Das Vermitteln von vernachlässigten ökonomischen Ansätzen ist sehr wertvoll.» Straumann warnt allerdings: «Die einzelnen Schulen und Modelle müssen aufeinander bezogen werden.» Erst dann würden Studierende ihre Vor- und Nachteile erkennen und neue Erkenntnisse gewinnen. Eine blosse Aneinanderreihung von verschiedenen Ansätzen bringe hingegen wenig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2018, 09:44 Uhr

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