Mehr als ein Lucky Punch

Der Umbau der Stadt, die No-Billag-Initiative – vier Thesen über den Linksrutsch in Zürich und was sie taugen.

Die Linke gewinnt in der Stadt Zürich – aber nicht nur da: Stadtpräsidentin Corine Mauch nach ihrer glänzenden Wiederwahl. Foto: Reto Oeschger

Die Linke gewinnt in der Stadt Zürich – aber nicht nur da: Stadtpräsidentin Corine Mauch nach ihrer glänzenden Wiederwahl. Foto: Reto Oeschger

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Die Stadtzürcher Wahlen von letztem Sonntag sind ein Ereignis. Es gab Jahre, da passierten Wahlen einfach, ohne dass sich viel verändert hätte. Diesmal aber gab es eine drastische Verschiebung von der SVP zur Linken, die selbst die Gewinner etwas ratlos hinterlässt: War das ein Lucky Punch? War es ein Binnenereignis, das nur in der Stadt denkbar ist? Oder doch eine Trendwende, die ein Licht aufs Superwahljahr 2019 wirft, in dem es um die Macht im Kanton Zürich und auf eidgenössischer Ebene geht? Angesichts der Tragweite lohnt es sich, die Ergebnisse nochmals näher zu betrachten. Vier Thesen wurden bisher zu ihrer Erklärung herumgereicht. Sie sollen hier auf ihre Plausibilität untersucht werden – auch wenn sie sich zum Teil überlagern.

1. Die Veränderung der Stadtbewohner

Die These lautet: Die boomenden Städte ziehen ein Milieu mit einem spezifischen urbanen Selbstverständnis an – wohlhabend, gebildet, gesellschaftsliberal. In Kombination mit der Verdichtung nach innen, dem Umbau und der Aufwertung der Stadt, verdrängen sie übers Portemonnaie das alte Arbeitermilieu, das in den letzten Jahrzehnten von der SP zur SVP übergelaufen ist. Trifft diese These zu, müsste sich in den Stadtkreisen mit der grössten Bautätigkeit ein Trend ablesen lassen: weniger SVP-Wähler.

Der Kreis 9, Altstetten und Albisrieden, ist der Zürcher Stadtkreis, in dem vor der Wahl mit Abstand am meisten gebaut wurde. Setzt man die Bautätigkeit in Relation zur Zahl der Stimmberechtigten, fanden ähnliche Umwälzungen auch im Kreis 12 statt, in Schwamendingen. Doch prozentual gesehen hat die SVP hier nicht mehr verloren als über die ganze Stadt – auch wenn der Verlust in diesen traditionellen SVP-Hochburgen dramatischer wirkt. Gegen die Verdrängungsthese spricht auch, dass es in Schwamendingen primär Genossenschaften waren, die Ersatzneubauten errichteten – und diese bieten bisherigen Mietern in der Regel Ersatz an.

«Den Grünen hilft die Angst um den Verlust der Gartenstadt.»

Es stimmt zwar: Der SVP sind in beiden Kreisen Hunderte Wähler abhandengekommen. Aber erstens passierte ihr das in allen anderen Kreisen genauso, und zweitens sind sie nirgends wieder aufgetaucht. Nicht dort, wo man sie erwarten würde: In den Agglomerationsgemeinden Schlieren und Dietikon hat die SVP nicht zugelegt, sondern ebenfalls verloren. Gewonnen hat dort die SP. Wie es in Opfikon oder Dübendorf aussieht, müssen die Kommunalwahlen im April zeigen. Ein drittes Argument gegen die Verdrängungsthese: In den Jahren vor den Wahlen 2014 konzentrierte sich die Bautätigkeit auf den Kreis 11, Oerlikon und Seebach, ohne dass die SVP dort überdurchschnittlich verlor.

Interessant ist, dass die Grünliberalen damals im Kreis 11 besonders stark zulegten – was sich jetzt im Kreis 12 wiederholt hat. Im Kreis 9 ist das nicht der Fall, dafür haben dort FDP und SP überdurchschnittlich viele Wähler gewonnen.

Ähnliches ist in jenen Kreisen passiert, wo es zuletzt überdurchschnittlich viele Wohnungs­sanierungen und Leerkündigungen gab. Beides spricht für eine leichte Verlagerung der Gewichte hin zum neuen urbanen Milieu. Grosser Abräumer in den Bauboomkreisen war aber eine andere Partei: die Grünen. Ihre Anteile sind geradezu explodiert. Daraus lässt sich eine bisher unbeachtete These ableiten: Wo innere Verdichtung Realität wird, äussert sich die Angst um den Verlust der Gartenstadt in grünem Protest.

Übers Ganze gesehen taugt der sozialstrukturelle Wandel der Stadt kaum als Erklärung für den Linksrutsch. Das heisst: Es handelt sich dabei nicht um ein rein urbanes Phänomen.

2. Die Mobilisierungskampagne

Bei der SP schreibt man den Erfolg gerne einer neuen Strategie zu: Klingeln, bis die Finger wund sind. Schon vor den erfolgreichen Wahlen im Aargau Ende November führten Freiwillige zahllose Telefongespräche mit potenziellen Wählern, genauso jetzt in Dietikon, Winterthur und Zürich. Insgesamt gab es hier fast 28'000 Anrufe. Den Effekt relativiert aber die Tatsache, dass die SP auch in Gemeinden ähnlich zugelegt hat, wo sie nicht telefonierte: in Schlieren und Windisch.


Video: Und was bedeuten die Wahlen nun für Zürich?

Rafaela Roth und Hannes Nussbaumer analysieren den Wahlausgang.


3. Der No-Billag-Effekt

Ein sanfter No-Billag-Effekt wäre: Der Widerstand gegen die Initiative hat linke Wähler mobilisiert. Das müsste sich in linken Wahlkreisen besonders deutlich äussern: erstens, indem dort mehr Abstimmende als sonst auch den Wahlzettel abgaben, die Wahlbeteiligung dadurch überdurchschnittlich stieg und die linken Parteien zulegten. Zweitens, indem die SVP stagniert.

Das Erste lässt sich tatsächlich nachweisen, das Zweite nicht: Die SVP hat nicht stagniert, sondern enorm Stimmen verloren. Das spricht für einen starken No-Billag-Effekt: Linke Mobilisierung trifft rechte Demobilisierung.

Weil der Angriff auf das traditionelle Schweiz-Bild, verkörpert in der SRG, aus dem eigenen Lager kam, liessen Konservative den SVP-Wahlzettel zu Hause. Es gibt sogar Hinweise auf eine Extremvariante: Ein Teil des zur SVP abgewanderten alten Arbeitermilieus ist zur SP zurückgekehrt. Auffällig ist, dass die Sozialdemokraten in Kreisen, in denen die SVP traditionell stark war, leicht überdurchschnittlich zugelegt haben. Mittels Nachwahlbefragungen liessen sich solche Bewegungen allerdings nicht nachweisen.

So oder so war No Billag sicher ein Faktor für den Linksrutsch – man darf ihn aber auch nicht überbewerten. Denn im Aargau ist aus heiterem Himmel das Gleiche passiert wie jetzt in Zürich. Die SVP verlor, die SP siegte.

4. Die Grosswetterlage

Aufgrund des Gesagten lässt sich der Zürcher Linksrutsch nur ansatzweise erklären. Das bedeutet: Er muss zu einem guten Teil auf einen übergeordneten Trend zurückzuführen sein. Sei es als Korrektur des Rechtsrutsches vor drei Jahren. Sei es wegen der Themen, die die nationale Arena bestimmen. Sei es wegen der bescheidenen Abstimmungsbilanz der SVP. Oder als Reaktion auf Trump und Konsorten. In einem Jahr werden wir mehr wissen – wenn der Wind nicht dreht.

Erstellt: 09.03.2018, 21:50 Uhr

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