Strom vom Walensee ein Flop?

Die Elektrizitätswerke des Kantons haben mit dem Plan für eine riesige Solaranlage am Walensee einen Dämpfer erlitten. Eine der zentralen Ideen funktioniert nicht.

Von grossem Interesse: Medienschaffende filmen im Juni 2015 die Solartestanlage der EKZ im alten Steinbruch am Walensee. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Von grossem Interesse: Medienschaffende filmen im Juni 2015 die Solartestanlage der EKZ im alten Steinbruch am Walensee. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Der Walensee ist so etwas wie der weisse Elefant der Zürcher Energieversorgung – ein aussergewöhnlicher Fall. Wann immer die kantonalen Elektrizitätswerke EKZ sonst im grossen Stil neue Energiequellen anzapfen, geschieht das weit weg. Der Strom, der dort generiert wird, wird wohl nie eine Zürcher Steckdose erreichen. Er bleibt in Deutschland, wo sich die EKZ an Windparks beteiligen. Oder in Spanien, wo sie in ein solarthermisches Grosskraftwerk investieren, eine Art Spiegel auf einer Fläche von über 40 Fussballfeldern.

Am Walensee hingegen soll für einmal eine solch zukunftsweisende Anlage direkt vor der Haustür entstehen. Ein Bau der Superlative, das grösste Solarkraftwerk der Schweiz. Auf Modellbildern leuchten die blau schimmernden Kessel aus dem alten Steinbruch in der Kalksteinflanke der Churfirsten wie etwas aus einem Science-Fiction-Film. Tatsächlich ist das Projekt aber gerade wieder ein gutes Stück in Richtung Fiktion gerückt.

Spiegelung überschätzt

Eine der Schlüsselideen hat nämlich nicht gezündet: die Annahme, dass ein Solarkraftwerk an dieser Lage besonders viel Energie liefert, weil zusätzliches Sonnenlicht vom See reflektiert wird. Ein Versuch der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft (ZHAW) hat ergeben, dass sich die Spiegelung weniger stark auf die Produktionserträge auswirkt als erwartet, wie EKZ-Sprecherin Priska Laïaïda sagt.

Das verleiht den Naturschutzverbänden Schub, die der Anlage von Anfang an äusserst kritisch gegenüberstanden. «Für uns ist dieses Ergebnis eine Erleichterung», sagt Matthias Rapp, Projektleiter bei der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, «denn damit sinkt der Druck, das Projekt durchzuboxen.» Der Walensee mit den Churfirsten zählt zu den Landschaften und Naturdenkmälern von nationaler Bedeutung und ist für Leute wie ihn daher tabu.

Laut EKZ-Sprecherin Laïaïda ist das Solarkraftwerk allerdings noch nicht vom Tisch, trotz des ernüchternden Zwischenfazits. Es sei immer noch denkbar, dass sich die Anlage rentabel betreiben lasse. Auch ohne vom See reflektiertes Licht, nur mit direkter Sonneneinstrahlung von oben. Die Fachleute der ZHAW haben die Solarpanels der Test­anlage bereits entsprechend ausgerichtet, um zu messen, wie viel Energie sich auf diese Weise generieren lässt. Nach dem Sommer sollen die Ergebnisse vorliegen. Selbst wenn diese positiv ausfallen sollten, werden sich die Stromunternehmer kritischen Fragen stellen müssen: Warum am umstrittenen Standort am Walensee festhalten, wenn dort nur noch eine ganz konventionelle Anlage geplant ist? Warum nicht zuerst einmal alles brachliegende Potenzial auf Hausdächern ausschöpfen, bevor man in geschützten Naturlandschaften baut? Laut EKZ gibt es durchaus ein Argument dafür: die schiere Grösse der verfügbaren Fläche.

Rechtsstreit schon angekündigt

Über das Projekt entscheiden dürfte aber letztlich etwas anderes als die Wirtschaftlichkeit: die Frage, ob es überhaupt bewilligungsfähig ist. Die Stiftung Landschaftsschutz hat angekündigt, die Solaranlage auf juristischem Weg zu bekämpfen, falls die EKZ damit Ernst machen. Wenn nötig bis vor Bundesgericht.

Erstellt: 23.05.2016, 08:53 Uhr

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