Mehr Geld für Flüchtlinge

Neue Kurse für minderjährige und jugendliche Migranten, Aufnahmeklassen für Kinder und Hilfe vor Ort: Die Zürcher Stadtregierung baut die Flüchtlingshilfe aus.

Ein junger Flüchtling kocht sich in der Oerliker Messehalle 9 eine Mahlzeit. Foto: Sabina Bobst

Ein junger Flüchtling kocht sich in der Oerliker Messehalle 9 eine Mahlzeit. Foto: Sabina Bobst

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«Als solidarische und weltoffene Stadt kann und muss Zürich dazu beitragen, dass Flüchtlinge Schutz finden und an ihrem neuen Lebensmittelpunkt Fuss fassen können.» Dies sagte gestern Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) vor den Medien. Sie tut dies auch aus Eigeninteresse. Die Stadt Zürich investiert dafür in den nächsten beiden Jahren rund 1,5 Millionen Franken. «Die Integration von Flüchtlingen ist eine Investition in die Zukunft», so Mauch.

Derzeit leben 2772 Asylsuchende in Zürich. In dieser Zahl nicht enthalten sind jene Menschen, die bereits als Flüchtlinge anerkannt sind. Ein grosser Teil der Asylsuchenden sind Kinder – viele davon unbegleitet – und junge Erwachsene. In den Holzhütten der Halle 9 in Oerlikon beträgt das Durchschnittsalter der 250 Bewohner 23 Jahre.

Bis jetzt hat die Unterbringung dieser Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen funktioniert. Im laufenden Jahr werden jedoch mehr Flüchtlinge erwartet. Dazu kommt, dass gemäss Sozialvorsteher ­Raphael Golta (SP) derzeit jedes zweite Asylgesuch in der Schweiz zu einem Bleiberecht führt.

Tagesstruktur für Jugendliche

Diese Entwicklung stellt die Stadt vor neue Herausforderungen. Speziell für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge und die jungen Erwachsenen müssen neue Lösungen gefunden werden. Derzeit sieht der Bund Integrationsmassnahmen erst nach einem Bleiberechtsentscheid durch die Migrationsbehörden vor. Das kann ein bis eineinhalb Jahre dauern.

Deshalb hat sich die Stadt Zürich nun entschieden, selbst Kurse für junge Asylsuchende anzubieten. So erhalten sie eine Tagesstruktur und eine Perspektive. In den Genuss dieses Angebots kommen aber nur Flüchtlinge, die mit grosser Wahrscheinlichkeit mit einem positiven Asylentscheid rechnen können.

Die meisten dieser Flüchtlinge sind zwischen 16 und 20 Jahre alt. «Sie möchten lieber arbeiten als die Schule besuchen», sagte Thomas Kunz, Direktor der Asylorganisation Zürich (AOZ). Ohne Deutschkenntnisse ist das aber nur schwer möglich. Deshalb können 60 dieser jungen Menschen neu an der Fachschule Viventa einen Deutschkurs besuchen. Dazu kommen Kurse in Technik und Informatik sowie Unterstützung bei Bewerbungsverfahren. Neu erteilt die AOZ in Zusammenarbeit mit dem Branchenverband Gastro Zürich Zertifikate für abgeschlossene Gastrokurse.

«Die Schule sorgt nicht zuletzt für eine gewisse Normalität.»Gerold Lauber, Schulvorsteher

Die natürlichste Integration erfolgt über die Schule: «Sie erklärt die neue Heimat, vermittelt die Sprache, regelt die Tagesstruktur und sorgt nicht zuletzt für eine gewisse Normalität», sagte Schulvorsteher Gerold Lauber (CVP). Fast 450 geflüchtete Kinder und Jugendliche besuchen 24 Aufnahmeklassen in allen Schulkreisen. «Darunter befinden sich auch solche, die durch die Erlebnisse auf der Flucht stark traumatisiert sind», so Lauber. Sie werden vom Schulpsychologischen Dienst betreut.

Zürich unterstützt den Libanon

Nicht nur der Stadtrat zeigt sich solidarisch mit den Flüchtlingen, auch viele Stadtbewohner. Private haben der AOZ letztes Jahr rund hundert Wohnmöglichkeiten angeboten. Die Bandbreite reicht dabei vom Zimmer in einer WG oder bei einer Familie über Cluster-Wohnungen in einer Genossenschaft bis zum Kirchgemeindehaus. 45 Personen konnten bis dato privat untergebracht werden. Das entspricht einer kleineren temporären Wohnsiedlung für Asylsuchende.

Auch Freiwilligenarbeit wird reichlich angeboten. «Die Leute haben uns fast die Türen eingerannt», sagte Stadtrat Golta. Bei der AOZ erfüllen 230 Freiwillige vielfältigste Aufgaben: Sie begleiten Flüchtlinge auf Ämter, erteilen Nachhilfeunterricht in Deutsch, organisieren Ausflüge oder Spielanimation für Kinder. Weitere Personen engagieren sich in Kirchgemeinden, Vereinen und Hilfswerken. Auch der FC Zürich und die Pfadi zeigen sich solidarisch und laden regelmässig Flüchtlinge an ihre Veranstaltungen ein.

Die Stadt will sich auch bei der Hilfe vor Ort stärker engagieren. Sie hat sich entschieden, einen Schwerpunkt im Libanon zu bilden. «Die Gemeinwesen im Libanon sind massiv überfordert», erklärte Corine Mauch. Der Libanon beherbergt bei rund 4 Millionen Einwohnern derzeit rund 1,5 Millionen Flüchtlinge. Deshalb wird die Stadt Zürich noch im Mai mit der Organisation Solidar Suisse Kontakt aufnehmen, um einen Vertrag für sogenannte Community Support Projects zu unterzeichnen. Solidar Suisse ist seit 2012 mit einem Länderbüro im Libanon vertreten. «Damit können Gemeinden im Libanon unterstützt werden», sagte Mauch. Die Stadt rechnet mit Kosten von 500'000 Franken.

SP erfreut, SVP genervt

Die Parteien reagierten gestern unterschiedlich. Die SP anerkennt das städtische Engagement in der Schule und die schnelle Eingliederung der geflüchteten Kinder und Jugendlichen sowie die Unterstützung der Erstfluchtstadt. Ganz anders die SVP. Sie kritisiert das Angebot des Schulpsychologischen Dienstes und die Kurse für junge Erwachsene. Die Stadt Zürich habe sich auf das gesetzliche Minimum an Betreuung und Unterbringung von Flüchtlingen auszurichten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2016, 07:51 Uhr

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