Stadtrat will mehr Geld für Krippen ausgeben

Das Kita-Personal ist oft überlastet. Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) möchte in Zürich neue Standards setzen.

Allein in der Stadt Zürich befinden sich über 300 Krippen. Foto: Keystone

Allein in der Stadt Zürich befinden sich über 300 Krippen. Foto: Keystone

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Schlechtes Essen, schlechte Betreuung, schlechte Stimmung. Die Vorwürfe gegen das Kita-Unternehmen Globegarden, die das Onlinemagazin «Republik» erhebt, haben viele schockiert.

Die Sorgen sind berechtigt, nicht nur mit Blick auf Globegarden. Die Arbeitsbedingungen gestalten sich in vielen Kindertagesstätten teils prekär, wie diese Zeitung kürzlich publik machte.

Nun bemängeln Fachleute, dass die Stadt Zürich, in der sich allein über 300 Krippen befinden, zu wenig dagegen unternehme. Der zuständige Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) stimmt dieser Kritik indirekt zu. Den vorgeschriebenen Mindeststandard setze die Stadt schon heute durch, sagt Golta. «Aber wir arbeiten daran, die Qualität darüber hinaus zu verbessern.»

Mehr Kontrollen

Es gibt zwei Vorschläge, was die Stadt Zürich tun könnte.

Zum Ersten: mehr Kontrollen. Die städtische Krippenaufsicht hat derzeit 390 Stellenprozente. Dem stehen über 300 Kitas gegenüber. Die meisten Kontrollen meldet die Aufsicht vorher an. Das gehe so nicht, finden Kritikerinnen. «Es braucht vor allem unangekündigte Aufsichtsbesuche und das mindestens einmal im Jahr», sagt Estelle Thomet vom Verband Kinderbetreuung Schweiz. Das Gleiche verlangt Katharina Prelicz-Huber, Nationalrätin der Grünen und Präsidentin der Gewerkschaft VPOD. «Dafür bräuchte es wohl mehr Personal.» Zum Zweiten: Die Stadt Zürich müsse für bessere Arbeitsbedingungen sorgen. «Die Betreuerinnen und ­Betreuer haben fairere Löhne verdient. Es braucht weniger Praktikantinnen und mehr gut ausgebildete Betreuerinnen», sagt Prelicz-Huber. Nur so lasse sich die Qualität der Betreuung heben. Helfen dabei würde ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV).

Höhere Löhne kosten

Forderung Nummer zwei unterstützt Raphael Golta. «Kinderbetreuung ist eine immens wichtige Aufgabe. Der Berufsstand muss aufgewertet und entsprechend entlöhnt werden.»

Ob eine Kita eine Betriebsbewilligung erhält oder nicht, darüber bestimmten kantonale und nationale Vorschriften. Diese kann die Stadt nicht ändern. Sie hat aber die Möglichkeit, über die von ihr subventionierten Plätze Einfluss zu nehmen. 85 Prozent der Kitas in Zürich bieten solche an. Ihnen kann die Stadt weitere Auflagen machen. «Diese überarbeiten wir momentan, um das Qualitätsniveau zu erhöhen», sagt Raphael Golta.

«Die Kosten dürfen nicht auf die Eltern überwälzt werden.»Estelle Thomet, Verband Kinderbetreuung Schweiz

Bessere Arbeitsbedingungen sind allerdings nur für mehr Geld zu haben. Momentan kostet ein Krippenplatz in Zürich maximal 120 Franken pro Tag. «Mit einem Gesamtarbeitsvertrag würde dieser Betrag sicher steigen», sagt Raphael Golta. «Wir sind bereit, das mitzufinanzieren, falls sich die Sozialpartner einigen.» Derzeit gibt Zürich pro Jahr 80 Millionen Franken für subventionierte Krippenplätze aus.

Als Beispiel voran geht die Stadt Luzern. Sie hat kürzlich festgelegt, dass ab 2025 jede Kita eine Angestellte mit Tertiärausbildung beschäftigen muss. Kleineren Gemeinden hingegen fehlen diese Möglichkeiten.

Der Krippenverband Kibe­suisse würde neue Qualitätsregeln begrüssen – etwa für einen besseren Betreuungsschlüssel. «Die Kosten dürfen aber nicht auf die Eltern überwälzt werden», sagt Estelle Thomet. Sie würden im internationalen Vergleich schon viel zahlen. Auch setze die Finanzierung keinen GAV voraus.

Globegarden dementiert

Vom Vorschlag eins, dem Wunsch nach mehr unangemeldeten Kontrollen, hält Stadtrat Golta nicht so viel. «Auch mit diesen ist es nicht so einfach, systematische Regelverletzungen festzustellen.» Dafür brauche es zahlreiche Hinweise. «Wir haben ein Gespür dafür entwickelt, wo es sich lohnt.» Ausserdem seien die Sanktionsmöglichkeiten der Stadt beschränkt, sagt Golta. «Vieles können wir nicht wirkungsvoll ahnden, auch mit mehr Personal nicht.»

Manche Experten halten das System insgesamt für einen Fehler. «Der Ansatz stammt aus einer Zeit, als man Kitas als Notlösung ansah. Heute sind sie der Normalfall», sagt Thomas Jaun, Präsident des Netzwerks Kinderbetreuung Schweiz. Unter den Anbietern herrsche Wildwuchs, die Ausbildung der Fachpersonen sei mager. Der Staat müsse daher anfangen, Kitas wie das Schulwesen zu behandeln.

Globegarden hat die Vorwürfe der «Republik» gestern zurückgewiesen. Die berichteten negativen Vorfälle könne man nicht bestätigen, sagte eine Mitgründerin im «Blick».

Erstellt: 21.12.2019, 07:30 Uhr

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