Mein Untermieter, der Zuhälter

Eine junge Zürcherin geht auf Reisen. Ihr Untermieter verwandelt die Wohnung im Kreis 3 kurzerhand in ein Bordell.

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Es ist die SMS ihres Nachbarn, die Michaela W.* aufhorchen lässt. In und vor ihrer Wohnung würden sich «merkwürdige Dinge» abspielen: Leicht bekleidete Frauen und schummrige Typen würden sich seit ihrer Abreise im Wohnhaus rumtreiben.

Es ist Sonntag, der 17. Dezember. Die 30-jährige Zürcherin befindet sich seit ein paar Tagen auf Hawaii. Ein dreimonatiger Sprachaufenthalt, auf den sie sich seit Jahren gefreut hat. Doch jetzt ist Michaela W. beunruhigt. Für die Dauer ihres Aufenthalts hatte sie ihre 2-Zimmer-Wohnung beim Albisriederplatz einem Mann zur Untermiete überlassen: Heiko S. aus Deutschland, mittleren Alters, gemäss eigener Aussage Informatiker. Er wolle in die Schweiz expandieren und brauche für diese Zeit eine Bleibe in Zürich, teilte er ihr im persönlichen Gespräch mit. Am 8. Dezember kommt es zum Vertragsabschluss – einen, den Michaela bitter bereut.

«Was ist hier bloss los?», sagt Michaela W. zu ihrer Reisekollegin, als sie die SMS erhält. Einen Tag später kontaktiert sie ihren Untermieter per Mail. Sie habe gehört, dass auf ihrem Stockwerk zwielichtige Gestalten gesehen worden seien. «Kannst du mir eventuell mehr dazu sagen?» Sie hoffe, es sei alles okay. «Ich wäre beruhigt, wenn du mir kurz antwortest. Grüsse aus Hawaii.»

«Ich hoffe, Sie können Ihren Auslandsaufenthalt trotz der störenden Nachricht noch weiter geniessen.»Zürcher Stadtpolizist

Heikos Antwort folgt eine Stunde später. «Alles in Ordnung hier.» Eine Freundin, die zu Besuch gewesen sei, habe sich ausgesperrt und den Schlüsseldienst gerufen. Das habe wohl im Haus für Aufmerksamkeit gesorgt. Doch das Problem sei inzwischen behoben – «Gruss Heiko».

Rausschmiss nicht möglich

Die Antwort vermag Michaela W. nicht zu beruhigen. Am Abend erhält sie einen Anruf von der Stadtpolizei Zürich. Sie hätten ihre Adresse in einem Sex­inserat gefunden. In ihrer Wohnung spiele sich Widerrechtliches ab. Michaela W. ist schockiert, hat nun aber Gewissheit: Der Untermieter hat ihre Wohnung zu einem temporären Bordell umfunktioniert. Sie schreibt Heiko: «Du dreckiges Arschloch, dafür wirst du bezahlen.» Dieser spielt den Unwissenden und antwortet: «?»

Michaela W. sind die Hände gebunden. Die Polizei zeigt zwar Verständnis für ihre Situation, muss aber auf eine Räumung verzichten. In einer Mail schreibt der zuständige Polizist: «Die Polizei kann in Sachen Mietrecht keine Handlungen vornehmen, da dies eine zivilrechtliche Angelegenheit ist.» Bei einem Bordellbetrieb ohne Bewilligung handle es sich um eine Übertretung, die vom Stadtrichteramt mit «ein paar Hundert Franken» gebüsst werde.


Was bewegte Zürich im Jahr 2017?

Rafaela Roth über Filippo Leutenegger, schwarze Kassen und den Velo-Knatsch.


Eine Busse wegen Schwarzarbeit – mehr hat Heiko S. vorerst nicht zu befürchten. Den Untermieter und «seine Damen» könne die Polizei gemäss Gesetz nicht rausschmeissen. Er hoffe, so der Polizist, dass sie ihren Auslandsaufenthalt «trotz der störenden Nachricht» noch geniessen könne.

Das fällt ihr aber schwer. «Nur schon beim Gedanken an dieses groteske Schauspiel kommen mir die Tränen», sagt Michaela W. Mit der Wohnung habe sie im Sommer nach langer Suche ein Zuhause gefunden. Eines, in dem sie sich wohlfühle. Mit ihrem Freund baute sie eine Podestkonstruktion für den Balkon. «Ich wies Heiko darauf hin, er solle die Wohnung liebevoll behandeln», sagt Michaela W. Die meisten Möbel überliess sie dem Untermieter – lediglich eine Matratze musste er mitbringen.

«Du wirst jetzt in meine Wohnung kommen und den Vertrag unterschreiben.»Michaela W.

Michaela fühlt sich von der Polizei alleingelassen. Doch nun schaltet sich ihr Freund ein, der in Zürich geblieben ist. Am 21. Dezember besucht er gemeinsam mit einer Person von der Verwaltung die Wohnung. Als sie klingeln, öffnet eine Frau – bekleidet nur mit Unterhosen und einem dünnen Pullover. Heiko S. sei zurzeit in Deutschland. Sie wisse nicht, wann er zurückkomme. Eine zweite Frau befindet sich in der Wohnung. Sie seien mit Heiko S. befreundet und lediglich auf Durchreise. Ein Mann steigt die Treppe hoch, offensichtlich ein Freier. Er erschrickt, als er die vielen Personen sieht, und verlässt das Gebäude.

Bordell weiterhin in Betrieb

Die Vermieterin – eine grosse Immobilienfirma – hat nun Kenntnis über den Fall. Vorerst kann sie Michaela W. nicht wirklich unterstützen. Michaela W. wird gar abgemahnt. Sie müsse nun sofort die weiteren Schritte gegen den Untermieter einleiten. «Bei Nichteinhaltung sehen wir uns leider gezwungen, die Untermietsbewilligung zu widerrufen und Ihnen das Mietobjekt zu kündigen», schreibt die Immobilienfirma.

Am 22. Dezember setzt Michaela einen Auflösungsvertrag auf und schreibt an Heiko S.: «Du wirst jetzt in meine Wohnung kommen und den Vertrag unterschreiben.» Dieser antwortet, dass er noch in Deutschland sei, dazu im Krankenhaus. «Ich werde frühestens am 15. Januar in der Schweiz sein.» Heiko S. war für den TA nicht erreichbar. Der Bordellbetrieb in Michaela W.s Wohnung wird bis jetzt aufrechterhalten.

Der Kontakt mit Heiko S. kam über die Vermittlungsplattform Flatfox zustande. Die Firma ist alarmiert. «Wir haben das Profil von Heiko S. gesperrt», sagt Mitinhaber Mattia Regi. Offensichtlich hat die Masche System. Flatfox stellte gestern fest, dass der Bordell­betreiber noch weitere Interessenten kontaktierte. «Fünf Verdachtsfälle bestehen zurzeit», sagt Regi. Potenzielle Vermieter habe man gewarnt.

*Namen der Redaktion bekannt.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2017, 23:26 Uhr

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Prostitution zur Untermiete: Fristlose Kündigung möglich

Wenn der Untermieter die Wohnung wider Erwarten als Sexsalon nutzt, rät der Zürcher Mieterinnen- und Mieterverband (MV) zu raschem Handeln. «Wenn die Mieterin nicht aktiv wird, riskiert sie selber die Kündigung. Der Vermieter muss eine solche Zweck­entfremdung seiner Liegenschaft durch den Untermieter nicht dulden», sagt Kommunikationschef Walter Angst. Wenn der Unter­mieter nicht bereit sei, den Untermietertrag aufzulösen, müsste Michaela W. ihm fristlos auf Ende des folgenden Monats kündigen. Bis Ende Januar 2018 könnte Heiko S. sein Gewerbe noch weiterbetreiben.

Dreiste Mieter, die Prostitution in fremden Privaträumen betreiben, sind kein neues Phänomen. Bisher war das Vorgehen jedoch vor allem in Wohnungen und Studios bekannt, die über die Website von Airbnb gebucht wurden. 2015 warnte etwa die Kommission für das Prostitutionsgewerbe (KOPG) vor einer Abwanderung des Sex­gewerbes in Privaträume.

Die Beratungsstelle Xenia wertete dies als Folge einer strikteren Bewilligungspflicht im Sexgewerbe: «Sexarbeiterinnen können ihre Dienste in Privaträumen günstig und diskret anbieten», sagte eine Sprecherin. Andererseits erschwere dies auch den Zugang zu Prostituierten. (mrs)

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