«Mich haben die fantastischen Geschichten umgehauen»

Barbara Hutzl-Ronge führt in elf Spaziergängen durch 500 Jahre Reformationsgeschichte, ohne abgetretene Pfade zu beschreiten.

Barbara Hutzl-Ronge schaut aus dem Fenster des Grossmünster-Pfarrhauses, wo einst die Familie Bullinger wohnte. Bild: Sabina Bobst

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Mit der Reformation hatte Barbara Hutzl-Ronge lange Zeit nichts am Hut, Zwingli war ihr in gewisser Weise zu modern. Zu konkret. Die Autorin von Büchern wie «Magisches Zürich» oder «Magischer Bodensee» fühlte sich eher im Frühchristentum daheim.

Als sie 2006 mit Stadtführungen begann, drehten sich diese entsprechend um sagenhafte Äbtissinnen, kopflose Heilige oder geheimnisvolle Hirsche mit leuchtendem Geweih.

Doch im Vorfeld des Reformationsjubiläums wurde sie wiederholt darauf angesprochen, sie solle doch mal etwas zu Zwingli machen. «Sicher nicht», war ihre erste Reaktion. «Als zugelaufene katholisch sozialisierte Österreicherin fühlte ich mich wirklich nicht dazu berufen.» Mehr pflichtbewusst als neugierig wollte sie sich daraufhin ein bisschen ins Thema einlesen.

«Kaum jemand kennt das»

«Mich hat das umgehauen. Da gab es ja nicht nur spannende Geschichte, sondern auch fantastische Geschichten!» Sie habe sich gefreut, dass sie endlich, nachdem sie über dreissig Jahre in Zürich lebte, erfuhr, was sicher jedes Zürcher Kind in der Schule lernte. Doch als sie in ihrem Umfeld darüber sprach, realisierte sie: «Kaum jemand kennt das.»

Da gibt es ja nicht nur spannende Geschichte, sondern auch fantastische Geschichten.Barbara Hutzl-Ronge

Barbara Hutzl ist eine grosse Geschichtenerzählerin. Ausgestattet mit fundiertem historischem Wissen – und Gewissen. Und eine, die sich selbst immer wieder in Begeisterung redet oder schreibt. «Erst wollte ich zwei, höchstens drei Stadtführungen zum Thema Zwingli machen und vielleicht eine zu den Flüchtlingen.» Doch dann habe sie realisiert, dass diese Felder zu weit waren. «Ich musste die Themen entflechten.»

Kurzum: Nun liegt ein von der Fotografin Martina Issler wunderschön bebildertes, fast 400-seitiges Buch mit elf ausführlich beschriebenen Spaziergängen durch 500 Jahre Stadtgeschichte vor. Es geht um das legendäre Wurstessen oder um die bisher kaum thematisierten Hugenotten oder Waldenser, um Locarner Glaubensflüchtlinge, die in Zürich ihr Glück fanden, oder darum, wie Frauen die Kanzeln eroberten.

Vereinfachte Karte: Selbst auf diesem kurzen Fussweg gibt es viel zu erzählen.

Ein Beispiel: Auf den Spuren des verschwundenen Klosters Oetenbach lernen wir erst einmal die Mystikerin Elsbeth von Oye kennen. Wir erleben, wie die Reformation den Konvent entzweite, werden Zeugen eines Heiratsantrags des jungen Heinrich Bullinger, der sich an eine ehemalige Oetenbacher Nonne richtete, deren «Reden und Benehmen» ihn für sie einnahmen.

Wir machen einen Abstecher ins St.-Verena-Kloster, an dessen Kapelle wir schon oft vorbeigelaufen sind, ohne zu realisieren, dass es sich um ein ehemaliges Gotteshaus handelte. Wir landen schliesslich bei Bullingers – die ehemalige Nonne hatte nämlich Ja gesagt – und feiern mit ihnen Weihnachten. Nicht ohne zuvor den gestrengen Nachfolger Zwinglis dabei erwischt zu haben, dass er seinen Kindern gegenüber, der schönen Geschichte wegen, den heiligen Nikolaus die Reformation überleben liess. Obwohl diese doch mit der ganzen Heiligenverehrung strikte brechen wollte.

Die Spaziergänge sind übrigens bestens und mit Gewinn vor Ort nachvollziehbar. Einziges Problem: Es droht Muskelkater vom Tragen des Führers.

Barbara Hutzl-Ronge: Zürich, Spaziergänge durch 500 Jahre überraschende Stadtgeschichten. Fotos: Martina Issler. AT-Verlag, 39.90 Fr. Führungen durch die Autorin: Link

Erstellt: 09.12.2019, 14:15 Uhr

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