«Worum geht es da?»

Die Prozession durch die Zürcher City sorgte für Wirbel. Was einigen völlig gaga vorkam, war vor allem dada – und endete in einer Performance im Talar.

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Hugo Ball hätte wohl seine helle Freude gehabt an dieser Prozession. «Der Dadaist liebt das Aussergewöhnliche, ja das Absurde», hat der Dada-Gründer selbst einmal geschrieben. Und was sich da am Samstagnachmittag in Zürich einen Weg mitten durch die eiligen Einkäufer bahnte, war mehr als aussergewöhnlich.

«Mirabellen! Sultaninen!», ruft ein junger Mann mit einem absurd hohen Hut aus Karton – ähnlich wie jener, den Ball bei einer seiner Performances getragen hatte – von einem Leiterwagen herunter. «Flattersatz fällt der Fläche zum Opfer» und «In den rotierenden Rotoren Rhombusformen», zitiert der Mann lauthals weiter aus seinem dicken Manuskript. Hinter ihm schmettert ein Saxofonist Liederfetzen in die erstaunten Passanten hinein. Auf der Strasse verlangsamt ein Auto die Fahrt. Der Beifahrer schreit aus dem Fenster: «Worum geht es da?»

«Hey, hesch gseh, die Schwiizer?»

Der seltsame Umzug ist Teil der Veranstaltung Zwinglidadakonstruktiv, mit der das Cabaret Voltaire in Zusammenarbeit mit dem Haus Konstruktiv und dem Grossmünster aufzeigen will, was Dadaismus, konkrete Kunst und Zwinglis Reformation miteinander verbindet. Unter dem Banner «Negger Tanz» und mit viel Getöse führen die Performer der Künstlergruppe «Morphologischen Instituts» die rund 100 Teilnehmer der Veranstaltung von einem Schauplatz zum nächsten.

Vor einem Treppenabsatz machen sie halt und starten eine Art Flashmob mit Breakdance-Einlagen, die schliesslich in einem wirren Gezappel münden. Die Musik stoppt. Ein bulliger kleiner Mann mit grosser Sonnenbrille applaudiert amüsiert. «Hey, hesch gseh, die Schwiizer?», ruft er zu seinem Kollegen. «Keiner klatscht.»

Messe in der reformierten Kirche

Die Prozession nähert sich ihrem Ziel: dem Grossmünster, wo Pfarrer Christoph Sigrist eine Dada-Messe hält. Eine Messe? In einer reformierten Kirche? Ja, eine Messe. Allerdings hat das Ganze dann doch mehr von einem Vortrag als von einem Gottesdienst. Sigrist philosophiert über die Spiegelungen der Reformation an der Spiegelgasse 1, wo sich das Cabaret Voltaire befindet – der Geburtsort des Dadaismus. Wie der Kirchenmann Zwingli hätten auch die Dadaisten Bilder hinterfragt, radikale Kritik an der Gesellschaft geübt und sich intensiv mit der Kraft der Sprache befasst, so Sigrist. «Die ballsche Dekonstruktion der Sprache als Vehikel der Macht und der Mächtigen spiegelt sich in der zwinglianischen Verdolmetschung der Sprache der Kleriker wider», sagt der Pfarrer, und ein paar Touristen blicken ungläubig hinauf zum Chor, wo sich die Gruppe zur Dada-Messe versammelt hat.

Dadaistisch absurd wird das Ganze, als Sigrist unvermittelt aus Hugo Balls Krippenspiel zitiert. «Rabata, rabata», bellt er in sein Mikrofon, und die Wortsalven hallen durch das Kirchenschiff, aus dem die Touristen inzwischen verschwunden sind. «Nageln und Schreien. Dann Donner. Dann Glocken.» Mit dem Schluss des Krippenspiels beendet auch der Pfarrer seinen Vortrag und geht dann stumm zwischen den Sitzreihen hindurch zu einem Seilzug, der von der Decke der Kirche baumelt. Energisch zieht er daran, bis der Klang einer Glocke zaghaft durch die dicken Sandsteinmauern in die Kirche hineindringt, und sein schwarzer Talar flattert dabei fröhlich mit. Ball hätte wohl seine helle Freude gehabt an dieser Performance. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.02.2016, 20:32 Uhr

Absurdes Spektakel: Die Performance des «Morphologischen Instituts» versetzt die Passanten in Erstaunen. (Video: Tina Fassbind)

Reden vom Leiterwagen: Dadaistische Prozession durch Zürich. (Video: Tina Fassbind)

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