Mit 50 Fragen Gewalttäter erkennen

Die Zürcher Polizei arbeitet mit einer Web-App, die Gewalt verhindern hilft. Wie funktioniert das System?

Wenn die Polizei kommt, ist es oft schon zu spät: Ein Beamter betritt nach dem tödlichen Geiseldrama vom 31. Mai eine Wohnung am Döltschiweg in Zürich. Foto: Keystone

Wenn die Polizei kommt, ist es oft schon zu spät: Ein Beamter betritt nach dem tödlichen Geiseldrama vom 31. Mai eine Wohnung am Döltschiweg in Zürich. Foto: Keystone

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Auf die schrecklichen Taten folgen stets die gleichen Fragen:

Zürich, 31. Mai. Ein 60-jähriger Mann verschanzt sich in einer Wohnung und tötet zwei Frauen. – Wie konnte das passieren?

Au ZH, 28. Juli. Ein 33-Jähriger meldet der Polizei, er habe einen Streit mit seiner Frau gehabt, die Einsatzkräfte finden den leblosen Körper der 24-Jährigen in ihrer Wohnung. – War der Täter aktenkundig?

Dietikon, 26. August. Die Polizei findet in einer Wohnung die Leiche einer Frau. Das Kontaktverbot des mutmasslichen Täters, des 37-jährigen Ehemanns, lief wenige Wochen zuvor aus. – Hat die Polizei versagt?

Reinhard Brunner sagt dazu: «So viel wie heute hat die Polizei im Bereich der häuslichen Gewalt und des Gewaltschutzes noch nie unternommen.» Brunner ist Chef der Präventionsabteilung bei der Zürcher Kantonspolizei und hat die Gewaltschutzabteilung mitaufgebaut. Seit 2018 setzt die Kantonspolizei auf das Instrument Octagon, um die Gewaltbereitschaft gemeldeter Personen besser beurteilen zu können.

Reinhard Brunner, Chef der Präventionsabteilung. Foto: PD

Octagon ist ein Fragebogen, den das Amt für Justizvollzug entwickelt hat. Er besteht aus 50 definierten Fragen (zum Fragebogen geht es hier lang) zu acht Themenbereichen: «Späht die Person ein potenzielles Opfer aus?», «Rechtfertigt die Person Gewaltanwendung mit Weltanschauungen?», «Konsumierte die Person Drogen, die aggressives Verhalten fördern?» Ein mit dem Fall betrauter Polizist beantwortet die Fragen und überträgt die Werte in ein Achteck, ein Oktagon. Es entsteht eine Art Smart-Spider für mögliche Gewalttäter.

In dieses Oktagon werden die Werte übertragen. Bild: Screenshot/octagon-intervention.ch

Octagon funktioniert ohne Algorithmen, ohne riesige Datenbank, ohne Wahrscheinlichkeitsaussagen. Angezeigt wird nicht die Gefährlichkeit einer Person, sondern wo Risiken bestehen. Das Tool empfiehlt dann konkrete Handlungen. Zum Beispiel: Paartherapie, Entzug von Waffen, Deradikalisierung, Hausdurchsuchung. Abhängig sind diese auch von der Art der Gewaltdynamik. Rechtfertigt eine Person Gewalt aufgrund ihres Weltbildes? Liegt eine psychische Störung vor? Oder hängt die Gewaltbereitschaft mit der aktuellen Lebenssituation zusammen?

Octagon interessiert über die Kantonsgrenzen hinaus. Im Frühling stellte die Kantonspolizei auf ein digitales System um. Sieben andere Kantone und das Fürstentum Liechtenstein nehmen nun die Web-Applikation bis Ende Oktober in Betrieb. Vereinbarungen mit weiteren Kantonen stehen aus. Die anderen Korps bezahlten bloss «eine symbolische Installationsgebühr», sagt Brunner. Die Kantonspolizei betreibe das System sowieso, Mehrkosten entstünden kaum.

Jährlich rund 350 Fälle

Um das Vorgehen zu illustrieren, skizziert Brunner «eine Arbeitsplatzsituation», wie er es nennt. Zwei Angestellte bemühen sich um die gleiche Führungsposition, der Verlierer droht dem Gewinner. Bei der Polizei geht eine Meldung ein, der Gewaltschutz wird involviert, die Abklärungen beginnen. Hat der Mann eine Waffe? Was sagt der Arbeitgeber? Octagon kommt zum Zug. «Wir fragen uns durch die Themengebiete, versuchen den Fragebogen bereits so gut wie möglich auszufüllen und arbeiten mit Szenarien. Gehen wir von einer möglichen Schlägerei, einer schweren Körperverletzung oder gar einer Tötung aus?»

Kommen die Beamten zum Schluss, bei einer Person bestehe eine hohe Gewaltbereitschaft und es drohe die Ausführung eines schweren Verbrechens, kann die Polizei die Person verhaften. Das komme aber selten vor, sagt Brunner. Mildere Massnahmen seien häufiger. «Manchmal genügt es, den Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen, dass er Grenzen setzt.»

Zuvor versucht die Polizei, mit dem Gefährder zu reden. «Wenn zum Beispiel Beamte innert kurzer Zeit dreimal wegen eines Streits an eine Adresse ausrücken müssen, versuchen wir herauszufinden, wie die Person tickt», sagt Brunner. Dazu verabrede man sich – zu Hause, in einem Restaurant, auf einen Spaziergang. «Es geht darum mit dieser Person zu reden, wenn kein Streit im Gang ist.» Das habe oft eine deeskalierende Wirkung und liefert Informationen für Octagon. Ausserdem signalisiert die Polizei: «Wir wissen um dein Verhalten und sitzen dir im Nacken.»

Anfänglich machten rund 400 Personen mit, mittlerweile sind es bereits 550. Sie arbeiten für RAV, Sozialzentren, Kesb oder Schulen.

Jährlich bearbeitet die Zürcher Polizei rund 350 solche Fälle mit Octagon und Gefährderansprachen. Ein Dossier wird erstellt, die Daten zehn Jahre aufbewahrt. Menschenrechtsaktivisten kritisieren das. Es gibt grundrechtliche Bedenken, weil ein Dossier angelegt werden kann, obwohl kein Strafverfahren läuft. So hat ein Beschuldigter nicht die gleichen Rechte wie im Strafprozess.

Im Alltag sei die Gefährder­ansprache gar nicht umstritten, sagt Reinhard Brunner. «Wir erklären der Person offen, worum es geht, dass wir eine Gewalteskalation verhindern wollen und uns dabei auf das Polizeigesetz stützen. Die Person ist nicht zur Mitwirkung verpflichtet. Die meisten willigen aber in ein Gespräch ein; viele sind danach sogar dankbar.» Die Akten würden gemäss Dokumentationspflicht im Rapportsystem erfasst.

Informationen über gefährliche Personen erhalten Brunners Gewaltschützer nicht nur von Polizisten an der Front, sondern auch von einem kantonsweiten Netzwerk von Mitgliedern bei Behörden und Institutionen. Anfänglich machten rund 400 Personen mit, mittlerweile sind es bereits 550. Sie arbeiten für RAV, Sozialzentren, Kesb oder Schulen. «Sie stellen sicher, dass Vorfälle, die ernsthaft Anlass zur Sorge geben, intern richtig gemeldet und der Polizei weitergeleitet werden», sagt Brunner.

Funktioniert das System?

Trotz Octagon: Zürich, Au, Dietikon. Femizide machen weiterhin Schlagzeilen. Funktioniert das System überhaupt? Brunner sagt: «Ja.» Das mit Zahlen zu belegen, sei aber schwierig. «Für uns sind alle Fälle, die wir abschliessen können, ein Erfolg», sagt er, da sich dann die Situation beruhigt habe. Meist seien 90 bis 120 Fälle pendent.

In Dietikon war der mutmassliche Täter der Polizei bekannt. Der «Blick» titelte: «Die Polizei hat versagt». Brunner widerspricht vehement. Niederschwelliger könne die Arbeit der Polizei im Gewaltschutz kaum mehr werden. «Was wir nicht können, ist Leute in ihren eigenen vier Wänden schützen», sagt er. Die Polizei könne die gesellschaftliche Entwicklungen nicht beeinflussen oder Menschen auf Dauer wegsperren – erst recht nicht, wenn noch keine strafrechtlichen Handlungen vorliegen.

Octagon helfe den Polizistinnen und Polizisten, Fälle strukturierter anzugehen. Und: Früher tat die Polizei wenig, solange keine Straftat vorlag. «Heute gehört die Prävention zur Polizeiaufgabe.» Er, der einstige «Vollblutstrafverfolger», wie er sagt, habe diesen Wandel selbst durchgemacht. «Wir dürfen heute nicht mehr nur ans Aufräumen nach einer Tat denken, wir müssen uns fragen: Was können wir tun, um eine Tat zu verhindern?»

Erstellt: 18.10.2019, 21:09 Uhr

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Wieso Octagon anders ist

Bereits vor Octagon arbeitete die Polizei mit Prognose-Tools. Diese haben aber gewisse Nachteile. Erstens neigten sie dazu, zu viele Personen als potenziell gefährlich einzustufen, wie SRF-Recherchen zeigten. Würde man den Algorithmus anpassen, damit weniger Personen als potenziell gefährlich erscheinen, würde man aber das Risiko erhöhen, wirkliche Gefährder zu verpassen. Das zweite Problem war, dass solche Programme nur eine Wahrscheinlichkeitsprognose und keine Handlungsempfehlung lieferten, wie das Octagon tut. «Sagt die Wetterprognose eine Regenwahrscheinlichkeit von 60 Prozent vorher, nehmen Sie den Schirm mit. Und was tun Sie, wenn die Rückfallwahrscheinlichkeit bei einem Gewalttäter in den nächsten fünf Jahren bei 60 Prozent liegt?», fragt Reinhard Brunner, Chef der Präventions­abteilung bei der Kantonspolizei. Der Umgang mit solchen Prognosen sei sehr schwierig. Diese Systeme stünden heute nur noch als Ergänzung im Einsatz. (sip)

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