Mit «Churchill» unterwegs ans Züri-Fäscht

Am Samstag kann man sich am Volksfest nobel chauffieren lassen. Nur vom Rauchen sollte man dabei die Finger lassen.

Abtischen: Simon Hug (links) und Raphael Mohler bereiten den Roten Doppelpfeil für seinen Shuttle-Einsatz vor.

Abtischen: Simon Hug (links) und Raphael Mohler bereiten den Roten Doppelpfeil für seinen Shuttle-Einsatz vor. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Diese drei sorgen am Züri-Fäscht für eine Attraktion mit nostalgischem Flair: Simon Hug, Raphael Mohler und Winston Churchill. Die beiden Ersten sind als Account Manager bei SBB Charter für Sonderfahrten zuständig, der Letzte war Premierminister von Grossbritannien. Unter anderem. Was sie eint, ist der Rote Doppelpfeil «Churchill».

Der legendäre knallrote Zug mit der charakteristischen Schnauze wurde 1939, also vor 80 Jahren, an der Landi als Prestigeobjekt für Schweizer Wertarbeit präsentiert.

1946 kutschierte er Winston Churchill von Genf nach Zürich, wo der Staatsmann am 19. September in der Aula der Universität Zürich seine berühmte Europa-Rede hielt: «Let Europe Arise!» Lasst Europa entstehen. Seither heisst dieser Zug, der letzte von einst drei Roten Doppelpfeilen, im Volksmund «Churchill».

Winston Churchill im Roten Pfeil unterwegs. Bild: Dominique Meienberg

Der Rote Doppelpfeil «Churchill» wird morgen gratis und franko zwischen Zürich-Hauptbahnhof und Zürich-Wollishofen pendeln. Für diesen Einsatz wird er gerade von Mohler und Hug vorbereitet.

Weil viele Fahrgäste erwartet werden, hängen die beiden die Tischchen aus, um mehr Platz zu schaffen. Danach wird etwas Werbung in eigener Sache an die Fenster geklebt: «Mich kann man mieten.»

Etwas Eigenwerbung: «Churchill» kann man mieten. Bild: Dominique Meienberg

«Churchill» ist das älteste Streckentriebfahrzeug der aktiven SBB-Flotte und pro Jahr etwa 60-mal auf Sonderfahrt unterwegs. Mit seinen 80 Jahren ist er aber auch schon ein Oldtimer, der auf steilen Strecken arg ins Schnaufen kommt.

Deshalb wird er vorzugsweise in der Ostschweiz eingesetzt. Ein ideales Gebiet, wie Mohler findet. «Dort gibt es wunderschöne Nebenstrecken, bei denen auch einmal ein Fotohalt eingelegt werden kann.» Höhepunkte seien jeweils spektakuläre Aussichten auf den Rheinfall.

Lokführer mit Spezialausbildung

Gefahren wird «Churchill» von Lokführern mit Spezialausbildung, die auch über technisches Know-how verfügen. Wenn der «alte Herr» nämlich kränkelt, müssen sie schon mal selbst zum Schraubenzieher greifen. Die SBB-Werkstätten sind nur bedingt für solche Patienten eingerichtet, und diese Ersatzteile sind nicht immer an Lager.

Der Rote Doppelpfeil ist mit Bar und einer Küche ausgerüstet – und mit Aschenbechern. Ihrer hat sich der passionierte Zigarrenraucher Churchill bestimmt bedient – und sich dabei, wie kaum vermeidbar, wegen des zurückfallenden Deckels einen Finger eingeklemmt.

Unverkennbar: Der Rote Pfeil mit seiner charakteristischen Schnauze. Bild: Dominique Meienberg

Die ab 1935 in Betrieb genommenen Roten Pfeile zeigen im Übrigen, dass auch Flops Erfolgsgeschichten schreiben können. Die knallroten Triebwagen mit integriertem Führerstand waren mit einer Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h, die übrigens stolz und analog im Innern angezeigt wurde, viel zu schnell für das damalige Schweizer Bahnnetz. Pfeilschnell eben.

Und sie waren für Linien mit niedrigem Verkehrsaufkommen, vorab den Regionalverkehr, vorgesehen. Dieser boomte jedoch nach dem Krieg. So wurden sie bald viel zu klein und durch Leichtschnellzüge ersetzt, die zu Kompositionen zusammengesetzt werden konnten.

Erinnerungen älterer Herrschaften

Manche ältere Herren erinnern sich zwar noch, dass sie im Roten Pfeil in den Aktivdienst fuhren. Das sind wohl eher bange Erinnerungen. Doch der Rote Pfeil fand seine Bestimmung im Ausflugsverkehr. So erzählen ältere Herrschaften meist von fröhlichen Sonderfahrten.

Nostalgie: Die Zeit bleibt im Roten Pfeil eine Weile stehen. Bild: Dominique Meienberg

Nun werden also neue Erinnerungen kreiert. Weisst du noch, wie wir am Züri-Fäscht mit «Churchill» vom Hauptbahnhof nach Wollishofen gefahren sind?

Winston Churchill würde übrigens seinen Zug auf keinen Fall mehr benützen. Denn heute ist darin Rauchen verboten. Trotz Aschenbecher.

Gratis-Shuttle im Roten Doppelpfeil «Churchill» zwischen Zürich-HB und Zürich-Wollishofen, morgen Samstag zwischen 9.10 Uhr und 18.50 Uhr. Abfahrt jeweils ab HB um zehn Minuten nach, ab Wollishofen um zehn Minuten vor der vollen Stunde.

Erstellt: 05.07.2019, 16:23 Uhr

Artikel zum Thema

So kommen Sie gut durchs Züri-Fäscht

Wie komme ich zum Paradeplatz? Wo die verlorenen Kinder abholen? Mit dem Velo ans Fest? Alle Antworten – und ein Flucht-Tipp. Mehr...

Sie lotsen am Züri-Fäscht die Menschenmassen durch die Stadt

Linus Eberhard und seine Crowd-Spotter sorgen am Volksfest für die Sicherheit. Weshalb dabei auch Essen eine Rolle spielt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Mein Zauber, Mamas Stress

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Gespenstische Stimmung: Ein Vogel fliegt während des letzten Vollmondes des Jahres über den Statuen der Katholischen Hofkirche in Dresden. (12. Dezember 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...