Mit dem Messer in den Ausgang

In Zürich steigt die Zahl schwerer Körperverletzungen durch Stichwaffen. Die Täter werden immer jünger, die Taten brutaler.

Am Wochenende hat es die Polizei in der Langstrasse oft mit aggressiven – und nicht selten bewaffneten – jungen Männern zu tun. Foto: Urs Jaudas

Am Wochenende hat es die Polizei in der Langstrasse oft mit aggressiven – und nicht selten bewaffneten – jungen Männern zu tun. Foto: Urs Jaudas

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Und plötzlich sticht einer zu. Der 26-Jährige geht zu Boden. In seinem Unterarm klafft ein langer Schnitt. Er blutet stark. Es ist kurz vor 4 Uhr in der Nacht auf Sonntag, als der Türsteher eines Clubs an der Dienerstrasse im Langstrassenquartier um Hilfe gerufen wird. Er eilt mit einem Sanitätskoffer zum 26-Jährigen und verarztet ihn, bevor dieser kurzzeitig ohnmächtig und ins Spital eingeliefert wird. So erzählt es der Türsteher dem «Tages-Anzeiger». Die Polizei bestätigt den Vorfall. Eine Gruppe von rund zehn Personen habe eine Frau belästigt. Ein 26-jähriger Mann habe sich dazwischengestellt, um die Frau zu beschützen. Dann sei er von jemandem aus der Gruppe verletzt worden. Die Täter flüchteten.

Ereignet hat es sich Ende Mai. Die Stadtpolizei spricht von einem «aussergewöhnlichen Wochenende». Der Vorfall in der Langstrasse war einer von drei, nach denen Opfer mit Schnitt- oder Stichwunden ins Spital gebracht wurden. Bei einer Massenschlägerei auf dem Sechseläutenplatz wurde ein 15-Jähriger am Oberkörper verletzt, bei einer Auseinandersetzung unter mehreren Männern an der Häringstrasse traf es einen 29-Jährigen.

Mehr Vorfälle mit Messern

Wegen dieser «aussergewöhnlichen Häufung» nun von einem Trend zu sprechen, wäre übertrieben. Doch verschiedene Zahlen sprechen dafür, dass solche Vorfälle wieder zunehmen. In der aktuellen Zürcher Kriminalstatistik sind Fälle von schwerer Körperverletzung, bei denen Schneid- und Stichwaffen involviert waren, von 2017 bis 2018 um ein Viertel gestiegen. Von 30 auf 40 Fälle. Dies, nachdem die Anzahl Vorfälle in den acht Jahren zuvor eher gesunken ist. Der Anstieg der Fälle setzte sich bisher fort. Auf Anfrage sagen Kantons- wie auch Stadtpolizei, sie hätten in den ersten vier Monaten leicht mehr Fälle von schweren Körperverletzungen mit Stichwaffen ­registriert als in der Vorjahres­periode.

Die einfachen Körperverletzungen wie jener Fall am letzten Maiwochenende in der Dienerstrasse werden vom Statistischen Amt nicht nach Tatmitteln aufgeschlüsselt. Wird im Ausgang zugestochen, sind es selten Fälle von schwerer Körperverletzung, bei denen jemand lebensgefährlich verletzt oder beispielsweise im Gesicht bleibend entstellt wird. Was die Statistik der schweren Körperverletzung durch Stichwaffen neben der Zunahme der totalen Anzahl der Fälle auch zeigt: Vor allem Vorfälle mit Tätern im Alter zwischen 18 und 24 Jahren nehmen zu. In dieser Altersgruppe hat sich die Anzahl der Fälle mehr als vervierfacht. 2018 stieg sie von 3 auf 14 Fälle.

Jugendliche rüsten auf

«Die Zahlen sind zwar niedrig, doch der Anstieg ist auffällig», sagt der Soziologe Dirk Baier, Leiter des Instituts für Kriminalprävention und Delinquenz der ZHAW. Er beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit Messern. Zürich habe in den vergangenen Jahren schweizweit eine Vorreiterrolle eingenommen. «Man muss genau hinschauen», sagt Baier und verweist auf Deutschland. «Gerade unter jungen Männern gehört es in Deutschland heute dazu, ein Messer in der Hosentasche zu haben.» Das Messer sei zu einem Lifestyleprodukt geworden. Ein Drittel der jugendlichen Männer trage eines bei sich. Baier weiss auch, dass es rasch zu einer Art Aufrüsten unter Jugendlichen kommen kann. Junge Menschen, die mit einem Messer unterwegs seien, hätten ein doppelt so hohes Risiko, eine Gewalttat zu begehen.

Das Messer sei zu einem Lifestyleprodukt geworden, meint Soziologe Dirk Baier. Ein Drittel der jugendlichen Männer trage eines bei sich.

Betreiber von Zürcher Verkaufsgeschäften sagen, Messer seien zwar bei jungen Männern sehr beliebt, doch hätten sie in den vergangenen Jahren nicht wesentlich mehr verkauft. Warum Messer insbesondere auf junge Männer eine Faszination ausüben, erklärt Richard Eigenheer, der in einem grossen Onlinehandel tätig ist: «Sie gelten als männlich und sind eine Art Machogegenstand.» Messer seien gut zu verstecken und leicht anwendbar. Er betont auch, dass keines seiner Messer im Angebot unters Waffengesetz falle. Eigenheer fügt an, junge Straftäter würden in der Regel günstige Messer einsetzen, die zwischen 15 und 30 Franken kosten. Diese machen bei ihm nur einen kleinen Teil der abgesetzten Messer aus. Denn im Gegensatz zu Onlineverkäufern etwa in Deutschland oder Italien müsse man sich bei ihm auf der Website vor dem Kauf registrieren.

Gestiegene Brutalität

Was Experten wie auch Exponenten, die im Zürcher Nachtleben arbeiten, aufschrecken lässt: Der Trend zum Messer geht einher mit einer gestiegenen Brutalität. Der eingangs zitierte Türsteher sagt dazu: «Es ist auffällig, wie aggressiv die Jungen heute auftreten und rasch dreinschlagen.» Er selber sei zwar noch nie mit einem Messer bedroht worden, doch die Aggressivität habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Das schlägt sich in der Kriminalitätsstatistik nieder. Sie verzeichnet eine kantonsweite Zunahme einfacher Körperverletzungen um fast acht Prozent im Jahr 2018. «Diese Zahl ist mehrheitlich aufs Nachtleben zurückzuführen», sagte der Kommandant der Zürcher Kriminalpolizei bei der Präsentation der Statistik im März. Die Auseinandersetzungen seien brutaler geworden, es werde mehr nachgetreten, und es kämen mehr Waffen zum Einsatz. Dies bei sinkender Anzahl Gesamtstraftaten.

Für die Stadtpolizei ist die Häufung der Vorfälle, bei denen Messer im Spiel waren, noch kein Grund, zu reagieren. «Wir beobachten die Tendenzen genau», sagt Stadtpolizeisprecher Marc Surber zwar. Aber auch: «Die Zahlen befinden sich in Zürich noch auf einem sehr tiefen Niveau.» Und so ist das letzte Maiwochenende vorerst ein Sonderfall, die Opfer der Attacken sind aus dem Spital entlassen worden. Was bleibt, ist das Prädikat «aussergewöhnlich».

Erstellt: 03.06.2019, 06:33 Uhr

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