Mit Lämpchen gegen das Hardbrücke-Chaos

Zürich hat als erste Schweizer Stadt Bodenampeln installiert. Die farbigen Leuchten sollen Fuss- und Veloverkehr koordinieren. Dummerweise weiss das niemand.

Was Passanten über die Bodenampeln wissen: Die Videoumfrage vor Ort
Video: Video: Anthony Ackermann/TA

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Die Bushaltestelle Hardbrücke wird auch heute Morgen von Pendlern geflutet. Die Nomaden zwischen Heimat und Job sprinten auf die S-Bahn, tigern auf dem Perron auf und ab oder warten – Blick aufs Handy – auf ihren Anschlussbus. Zwischen ihnen leuchten LED-Lämpchen in schneeweissem Licht, die direkt in den Strassenbelag eingelassen sind.

Als der 72er-Bus vorfährt, gleichen die Pendler vermehrt einem wilden Ameisenhaufen. Die Aussteigenden tanzen um die Einsteigenden, dazwischen versucht sich eine Handvoll Velofahrer durchzuschlängeln. Und auch die LED-Lämpchen im Trottoir haben ihre Farbe geändert: Orangerot strahlen sie nach oben.

Schwierige Rahmenbedingungen

4,5 Kilometer entfernt, im Stadthaus, begründet ein paar Minuten später die Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart die Einführung dieser sogenannten Bodenampeln. «An diesem hoch frequentierten Ort haben wir ein Verkehrsproblem», sagt sie. So liege eine Art Mischverkehrszone vor: Velofahrer und Fussgänger müssten auf engstem Raum aneinander vorbeikommen. «Ein separater, abgetrennter Veloweg wäre die bessere Lösung», sagt Rykart. Doch habe sich ein solcher unter den Rahmenbedingungen nicht realisieren lassen, weshalb man sich zur Einführung dieses neuen Ampelsystems entschieden habe.

«Somit kommt es an dieser Stelle zu einer zeitlichen Platzaufteilung und nicht zu einer räumlichen», erklärt die Sicherheitsvorsteherin. Je nach Situation würden die einzelnen Flächen nun dem Veloverkehr oder den ÖV-Passagieren zugewiesen. Das System wurde nach einer Testphase im vergangenen Dezember definitiv eingeführt und gilt als schweizweit einzigartig. Der Kostenpunkt des Projekts liegt bei 300'000 Franken.

Leuchten die zwei Lampenreihen, die parallel zur Fahrbahn verlaufen, gelb, sollten die Wartenden zurücktreten. Dadurch entsteht eine Art «Velo-Korridor», der es den Velofahrenden ermöglicht, zügig durchzufahren. Ist ein Bus oder Tram in Anfahrt, wechseln die Lampen auf Rot, um den Velofahrenden anzuzeigen, dass sie anhalten sollen, um den Passagieren zwischenzeitlich ein Ein- und Aussteigen zu ermöglichen.

Ein Besuch vor Ort zeigte jedoch, dass es noch weiterer Erklärungen bedürfe. Deshalb hat sich die Stadt entschieden, mittels zweier Videoclips das richtige Verhalten zu erläutern:

Das Komiker-Duo Lapsus macht Werbung für das neue Leitsystem an der Hardbrücke. (Quelle: Stadt Zürich, Dienstabteilung Verkehr)

Velofahrende, die bei diesen roten Lampen nicht anhalten, müssen derweil nicht mit Bussen rechnen: «Das System soll eine Hilfestellung sein, kann jedoch juristisch nicht verfolgt werden», sagt Rykart.

Schulterzucken und Kopfschütteln

Dave Durner, Geschäftsführer von Pro Velo, sieht das neue System als einzige Lösung, die unter den vermurksten Gegebenheiten vor Ort möglich sei: «Die Stadt Zürich hat die Veloführung an dieser Stelle total vergurkt», sagt Durner. Bessere Lösungen hätte es viele gegeben, so beispielsweise mehr Platz für Velofahrer mittels Spurreduzierung oder der Bau einer neuen Brücke: «Doch da es politisch keine Lösung gab, bleibt für Tram und Bus viel Platz, während der Rest gucken muss, wo er bleibt», sagt er.

Zurück an der Hardbrücke zeigt sich derweil, dass der Weg zur organisierten Haltestelle noch ein weiter ist. Angesprochen auf die Bodenampel, gibt es von den Zürcherinnen und Zürchern mehrheitlich Schulterzucken. «Die Lämpchen sind mir schon aufgefallen, doch weiss ich nicht genau, wofür sie da sind», sagt eine Passantin, die jeden Tag mit dem Velo über die Brücke fährt. Angehalten habe sie deswegen aber noch nie. Ähnlich ein Herr, der an diesem Morgen mit dem E-Bike unterwegs ist: «Dass ich bei Rot anhalten muss, war mir nicht bewusst», sagt er und fährt kopfschüttelnd davon.

Erstellt: 26.03.2019, 14:42 Uhr

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