Mit Zwingli gegen den Strom

Oerlikon ist von Gleisen zweigeteilt. Das Quartier beschäftigt aber vor allem die Entwicklung rundherum.

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Manche Dinge erschliessen sich erst mit ein bisschen Distanz. Zum Beispiel die Entwicklung einer Stadt oder eines Quartiers. Zum Beispiel Oerlikon. Zum Beispiel der Max-Bill-Platz.

Christian Relly hat diese Distanz zuerst geschaffen – und sie sich dann erhalten. Der Präsident des Oerliker Quartiervereins ist in Oerlikon aufgewachsen, ging dann Mitte der Sechzigerjahre fort, «als es Zeit war, zu Hause auszuziehen». Vor 20 Jahren ist er zurückgekehrt in die alte Heimat. Er habe gestaunt, damals, «was alles gegangen ist».

Diese Reaktion darf man durchaus als Oerliker Phänomen bezeichnen. Es taucht immer dann wieder auf, wenn man Oerlikon oder Teile davon eine Weile nicht mehr besucht hat. Diese Weile muss gar nicht lange dauern. Ein paar Jahre reichen, und am Bahnhof hat es eine dritte Unterführung sowie ein Hochhaus. Beide prägend.

Die ganz grossen Veränderungen finden heute nicht mehr in Oerlikon selber statt. Es gibt nur noch wenige Gebiete, in denen überhaupt noch neu gebaut werden kann, die Landreserven sind weitgehend aufgebraucht. Die Dynamik Oerlikons, das ist die Dynamik von Zürich-Nord. Etwa die neuen Überbauungen in Leutschenbach, das zu Seebach und Schwamendingen gehört: Ihren Einfluss spürt man, die Agglo Zürich-Nord orientiert sich auf Oerlikon hin.

Christian Relly und die Distanz. Er spricht zwar von «hier bei uns» und von «wir», wenn er über Oerlikon redet. Er ist aber keiner, der sein Quartier unkritisch und bedingungslos liebt. Keiner, der Neuem mit einer grundlegenden Skepsis gegenübersteht. Keiner, der das Oerlikon seiner Kindheit überhöht. Vielmehr einer, der sein Wissen mit feinen Beobachtungen ergänzt, der klug analysiert. Relly sitzt vor der Bäckerei Buchmann am Max-Bill-Platz, vor ihm auf dem Tisch liegt der Quartierplan im Massstab 1:500. Oerlikon ist geprägt von seiner Geschichte – das lässt sich an diesem Massstab ideal ablesen.

Für immer zweigeteilt

Da ist die Bahnlinie, die das Quartier entzweischneidet. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden wichtige Eisenbahnlinien eröffnet. Die waren ursprünglich durch Schwamendingen geplant, zu dem Oerlikon damals politisch gehörte. Die Schwamendinger befürchteten Dreck und Schmutz, was man lieber den Oerlikern überliess. Dieses Abschieben sollte sich später als grosser Gewinn für Oerlikon herausstellen. Dank der Bahn kam die Industrie. Das, was heute Neu-Oerlikon genannt wird, war lange hoch umzäunt. Relly erinnert sich: Das Industriegebiet war für ihn nicht zugänglich. Manche seiner Freunde aus der Schulzeit gingen «dort drüben» in die Lehre. Aber für ihn gab es keinen Einlass.

Relly lebt heute im alten Teil Oerlikons und stellt fest: Nur wegen einer Unterführung mehr wächst ein Stadtteil nicht mit dem anderen zusammen. Die Bahnlinie bildet eine Grenze. Der Austausch funktioniere vor allem in eine Richtung: von Neu nach Alt. Hier versucht der Quartierverein seinen Beitrag zu leisten: der Anonymität entgegenwirken, das Quartiergefühl stärken, Kontakte ermöglichen, die hohe Lebensqualität erhalten.

«Probleme?», fragt Relly. Nicht der Rede wert, es gebe keine «Oerliker» Probleme. Wenn, dann seien es Themen, die die ganze Stadt betreffen: Das Gewerbe hat es nicht einfach, der Detailhandel ebenso wenig. An vielen Orten sei es schwierig, nicht einmal um den zentralen Marktplatz laufen alle Geschäfte. Am Max-Bill-Platz hat unlängst Starbucks seine Filiale geschlossen, dafür hat der Buchmann jetzt mehr Zulauf. Und sonst? «Nichts», sagt Relly, «wir haben ja weder eine Gentrifizierung noch eine Rosengartenstrasse bei uns.»

Veränderung im Kleinen

Da ist also Alt auf der einen Seite der Gleise. Alt-Oerlikon, der Marktplatz, das Grün zwischen kleinflächigen Gebäuden. «Hier, im Quartier Allenmoos, verändert sich heute Oerlikon fast am meisten», sagt Christian Relly. Immer wieder entdeckt er auf seinen Spaziergängen neue Baugespanne. Er mag sich daran nicht stören, die Verdichtung sei eine Realität, eine sinnvolle dazu, aber keine ohne Nebenwirkungen. Grünraum verschwindet, bauliche Strukturen verändern sich – und damit auch das Gefüge der Bevölkerung.

Da ist Neu auf der anderen Seite. Die Bauvolumen! Da braucht es für einmal nur wenig Distanz, um diese andere Struktur zu erfassen. Der Max-Bill-Platz, auf dem Zwingli steht, ist ein Spickel, gefasst durch grosse Bauten und die stark befahrene Binzmühlestrasse. Die industrielle Vergangenheit: mehrheitlich abgerissen. Schade, findet Relly, hier sei man etwas übereifrig an die Sache gegangen. Die Gegenbewegung ist vorne an den Gleisen sichtbar. Die Verschiebung des MFO-Gebäudes 2012, das 60 Meter Richtung Stadt geschoben wurde, ist Ausdruck dieses Widerstands. Der Zeitzeuge wurde aufwendig erhalten, er sollte nicht auch noch dem Fortschritt (Durchmesserlinie) zum Opfer fallen. Sonst ist hier drüben wenig gewachsen, dafür wurde viel «entwickelt». MFO-Park und Oerliker Park haben etwas sehr Technisches an sich.

Der Max-Bill-Platz selber ist mit Föhren begrünt, einem bünzligen Baum, der hier verloren wirkt. Apropos Wirkung: Am besten wirkt der Platz aus der Distanz, in einer Drohnenaufnahme oder auf den Satellitenbildern von Google. Dann erst wird der räumliche Effekt sichtbar, den die weissen, grauen und schwarzen Betonplatten auf dem Platz erzeugen.

Strassen machen Stadtbild

Prägend hinzu kommen die grossen Strassen. Autobahn, Binzmühle-, Regensberg-, Wehntaler- und Birchstasse strukturieren das Quartier, Relly fährt sie mit dem Kugelschreiber nach. Zu viel Verkehr rund ums Hallenstadion, zu viel Verkehr beim Sternen Oerlikon. Da wünschen sich manche Oerliker eine Erweiterung der Fussgängerzone und eine andere Verkehrsführung. «Schwierig, schwierig», kommentiert Relly, Lösung sei da gleichbedeutend mit Verschiebung des Problems.

Die andere Seite des Verkehrs: Das Quartier liegt ideal zwischen dem Stadtzentrum und dem Flughafen, es gibt Hotels rund um den Bahnhof und entsprechend auch Touristen. Die seien durchaus sichtbar, erzählt Relly. Neben der Bahnhofstrasse und dem See interessieren sie sich offensichtlich auch für die Traditionen der Einheimischen: «Sie gehen auf den Markt und fotografieren.» Er selber geht auf den Markt, um einzukaufen – und weil man sich hier trifft. Das war schon in seiner Kindheit so.

Erstellt: 11.11.2019, 20:30 Uhr

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Serie zum Zwinglijahr (Teil 11)

In diesem Herbst tourt Ulrich Zwingli als speziell gestaltete Polyesterfigur durch Zürichs Stadt­kreise. Er will erfahren, weswegen es den Bewohnerinnen und Bewohnern dort den Hut lupft. Wir begleiten ihn dabei. Bis zum
19. November steht er auf dem Max-Bill-Platz. (bra)
www.zwinglistadt.ch

Zwingli-Gsprööch

Am Donnerstag, 14. November, um 19.30 Uhr findet das nächste Zwingli-Gsprööch statt. Es dreht sich um das Thema «Zwingli und die Arbeit». Im reformierten Kirchgemeindehaus an der Baumackerstrasse 19 diskutieren Pfarrerin und SP-Kantonsrätin Esther Straub, EVP-Gemeinderat Ernst Danner und Hanspeter Schneebeli, Unternehmer und ehemaliger FDP-Kantonsrat. (bra)

In diesem Herbst tourt Ulrich Zwingli als speziell gestaltete Polyesterfigur durch Zürichs Stadt­kreise. Er will erfahren, weswegen es den Bewohnerinnen und Bewohnern dort den Hut lupft. Wir begleiten ihn dabei. Bis zum19. November steht er auf dem Max-Bill-Platz. (bra)

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