Miteinander reden statt nur Berichte schreiben

In Spitälern arbeiten die Fachleute oft nebeneinander her, ohne genau zu wissen, womit sich die anderen beschäftigen. Deshalb soll der Nachwuchs neu in gemischten Gruppen lernen.

Interprofessionalität: Voraussetzung dafür ist, dass die Abteilungen über einen Raum verfügen, in dem die Studierenden zusammenkommen und sich austauschen können. Foto: Keystone

Interprofessionalität: Voraussetzung dafür ist, dass die Abteilungen über einen Raum verfügen, in dem die Studierenden zusammenkommen und sich austauschen können. Foto: Keystone

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Sena Nowarra wunderte sich über das, was sie als Praktikantin in der Psychiatrischen Uniklinik Zürich und im Balgrist erlebte: Die einzelnen Berufsgruppen arbeiteten weitgehend für sich. «In der Psychiatrie gab es nur einmal wöchentlich eine Teambesprechung», sagt die Studentin der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die Ergotherapeutin werden will. «Und in der orthopädischen Klinik fand ein Austausch nur mit den Physios statt.»

Etwas ganz anderes erlebte Nowarra, nachdem sie sich für ein besonderes Projekt am Zürcher Unispital beworben hatte: eine Ausbildungsstation, auf der Studierende aus verschiedenen Berufen zusammen eine Abteilung der neurologischen Klinik führen und Patientinnen und Patienten nach einem Schlaganfall oder mit Parkinson selbstständig betreuen. Das Pilotprojekt fand 2018 zweimal während eines Monats statt. Es war der Praxistest für ein Ausbildungsmodell, welches das Gesundheitswesen verändern könnte.

Kleine Abteilung geführt

Das Zauberwort heisst Interprofessionalität, Kooperation der verschiedenen Berufsleute. Um diese zu fördern, spannen die medizinische Fakultät der Universität Zürich, das Departement Gesundheit der ZHAW und die beiden Schulen für Gesundheitsberufe Careum und ZAG zusammen. Nach dem Vorbild des Karolinska-Unispitals in Stockholm entwickelten sie das Konzept für die interprofessionelle Ausbildungsstation. Mit der Ergotherapeutin Nowarra im Einsatz waren eine angehende Physiotherapeutin, vier Pflege-Studierende und zwei Medizin-Studierende. Das Team war zuständig für sechs Patientinnen und Patienten. Der Arbeitstag begann jeweils mit einer Besprechung: Wie geht es Patientin A nach der ersten Nacht im Spital? Welche Behandlung braucht Patient B?

Danach gingen die jungen Berufsleute meist zu zweit in die Patientenzimmer. «Wir lösten Probleme gemeinsam und konnten so voneinander lernen», sagt Nowarra. Sie sah zum Beispiel, dass die Mediziner wie die Ergotherapeutinnen mit den Kranken kognitive Tests machen, diese aber vertiefter auswerten. Jeden Tag widmete sich das Team zudem einem speziellen Thema. Etwa der Frage, was Selbstständigkeit für die Ergo, die Physio oder die Pflege bedeutet. «Da gibt es Unterschiede», stellt Nowarra fest, «solche Reflexionen erweitern den Horizont.»

Vorbild Schweden

Nada Vukasinovic ist Berufsbildnerin Pflege in der Neuroklinik und hat das Team begleitet. Sie habe kaum intervenieren müssen, sagt sie, «die Studierenden waren so gut und übernahmen Verantwortung». Auch die Patientinnen und Patienten hätten sich positiv geäussert. Vukasinovic bedauert, dass sie nicht weiter mit solchen gemischten Studierenden-Gruppen arbeiten kann: «Ich vermisse sie.» Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit. Im Karolinska in Stockholm jedenfalls gehen fast alle Studierenden auf interprofessionelle Stationen. Allerdings hat man dort schon vor vielen Jahren damit angefangen. Neben Schweden gibt es das Konzept auch in einigen deutschen Unikliniken.

In der Schweiz will man es jetzt, nach der erfolgreichen Pilotphase, stark ausbauen. Laut Claudia Witt, Prodekanin Interprofessionalität an der Uni Zürich, erfolgt der definitive Start im Oktober. Dann werden zwei Stationen im Unispital, auf der Inneren Medizin und der Unfallchirurgie, mitmachen sowie eine Station im Balgrist. Mit weiteren sei das Projektteam im Gespräch, sagt Witt.

Voraussetzung ist, dass die Abteilungen über einen Raum verfügen, in dem die Studierenden zusammenkommen und sich austauschen können. Im Unispital ist dies wegen der Bautätigkeit nicht immer leicht. Doch es können ja auch andere Spitäler mitmachen. Für Claudia Witt ist der Vorteil evident: «Wenn man früh mit der Teamarbeit anfängt, wird sie selbstverständlich.» Der Praxistest habe gezeigt, dass sich die Angehörigen der verschiedenen Berufsgruppen auf Augenhöhe austauschen.

Patientinnen entlastet

Und noch etwas war für die Beteiligten positiv: Es gibt weniger Bürokratie. Normalerweise schreibt jede Berufsgruppe auf, was sie mit einer Patientin, einem Patienten macht, und die anderen sollten diese Berichte dann lesen. Im neuen Modell hingegen, wo alle zusammen reden, ist jeder informiert. «Das ist viel einfacher», stellt Berufsbildnerin Vukasinovic fest. «Und die Patienten sind ebenfalls erleichtert», ergänzt Sena Nowarra, «weil sie nicht jedem nochmals dasselbe erzählen müssen.»

Erstellt: 21.03.2019, 22:51 Uhr

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