«Mmh, wahnsinnig süss, etwas säuerlich, perfekt für die Ernte»

Karin Schär ist die neue Zürcher Stadtwinzerin. Was die 28-Jährige und ihren Wein ausmacht, erzählt sie im Video.

«Was? Du bist Winzerin?» – Karin Schär ist neu für den Rebberg Chillesteig verantwortlich und gibt Einblick in ihre Arbeit. Video: Lea Blum

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Wenn Karin Schär durch den Rebberg Chillesteig in Höngg unter der reformierten Kirche geht, sieht sie genau, welche Reben gut sind und welche nicht. Schritt für Schritt schlängelt sie sich zwischen den Rebstöcken durch, schaut Rebe um Rebe an und pflückt hie und da eine der prallen, matt schimmernden Trauben ab. «Mmh, wahnsinnig süss, etwas säuerlich, perfekt für die Ernte», sagt sie, während sie auf der Traube kaut. Frech spuckt sie die Kerne aus. «Wenn die Kerne braun und holzig sind, sind die Trauben reif», erklärt sie und geht weiter an den Rebstöcken vorbei.

Nach und nach füllt sie einen Messbecher mit Trauben und zerdrückt diese, bis sich Saft bildet. Sie nimmt ein fernrohrartiges Gerät, ein sogenanntes Refraktometer, hervor und giesst den Traubensaft darüber. Durch die Brechung der Sonne kann sie damit den Zuckergehalt messen, der schliesslich den Gehalt des Alkohols im Wein ausmacht. «Einundachzig Öchsle, in einer Woche werden die Räuschlinge geerntet», sagt sie und strahlt über beide Ohren.

Natürliche Pflanzenschutzmittel

Unter Winzern gäbe es Leute, die behaupten, eine Frau schmecke mehr und anderes aus einem Wein heraus, so Karin Schär. Sie selber glaubt, dass es reine Geschmackssache ist. «Aber vielleicht werden die Weine durch mich authentischer, ich bin in meiner Arbeitsweise schon sehr kritisch mit mir selbst.»

Karin Schär zeigt auf die hinteren Rebflächen, auf denen dunkelblaue Trauben wachsen. «Da hinten haben wir noch Pinot-Noir-Trauben, die wir mit weisser Tonerde besprüht haben.» Tonerde ist ein natürliches Mittel gegen die lästige Kirschessigfliege, vor der man die Trauben schützen muss.

So schützt Karin Schär ihre Trauben vor Schädlingen.
(Video: Lea Blum)

«Dieses Jahr war tatsächlich kein einfaches Jahr, von Anfang an hatten die Trauben Befall von Mehltau, einer Pilzkrankheit, sowie zweimal zu viel Sonne erwischt», sagt Karin und führt ihren Kontrollgang zwischen den Rebstöcken fort. «Am besten prüft man die Trauben, indem man sie probiert.»

Mit einer Schere zwackt sie eine ganze Traube ab. «Hier sieht man sehr gut die Frassstellen von Wespen, diese Beeren werden essighaltig. Das wollen wir nicht im Wein haben, diese schlechten Beeren müssen wir alle von Hand herausschneiden.» Der wichtigste Schritt sei im Winter der Rebschnitt. Je nachdem, wie man den Rebstock «erzieht», hat das Einfluss auf das Wachstum im folgenden Jahr.

Umfassender Erfahrungsschatz

Ihren Berufsweg begonnen hat Karin Schär in ihrer Lehre als Obst- und Beerenfachfrau. Dabei hat sie Winzer kennen gelernt, die ihr auf Anhieb sympathisch waren. «Es ist einfach ein Lifestyle, den diese Leute mit Leidenschaft leben.» Ihr sei es wichtig, auf jede einzelne Rebe einzugehen. Dass am Ende daraus Wein wird, was wiederum den Leuten Freude macht, sei ein tolles Gefühl. «Winzer sind einfach irrsinnig gesellig», sagt sie. «Das macht mich auch aus. Ich bin gerne unter Leuten. Und wenn man dazu noch ein Glas Wein trinken kann, ist das das Schönste.»

Nach der Lehre hat sie bei Samuel Wetli in Männedorf eine Ausbildung zur Winzerin gemacht, wo sie ihren ersten Wein keltern konnte. «Danach ging ich auf Wanderschaft, um möglichst viele Betriebe zu sehen.» Vom Berner Oberland gings nach Neuseeland, in die Westschweiz und schliesslich noch nach Weinsberg, in die älteste Weinbauschule Deutschlands. «Da habe ich ein Vollzeitstudium als Technikerin für Weinbau und Kellerwirtschaft gemacht.» Mit diesem Erfahrungsschatz sei sie nun ideal gewappnet, um als neue Stadtwinzerin die fast dreieinhalb Hektaren Rebfläche zu bewirtschaften.

Erstellt: 14.10.2019, 18:08 Uhr

Stadtzürcher Anbauflächen

Die Stadt Zürich besitzt den Rebberg Chillesteig, der durch den Gutsbetrieb Juchhof von Grün Stadt Zürich bewirtschaftet wird. In einem offenen Bewerbungsverfahren konnten sich Winzerinnen und Winzer um die Stelle als Stadtwinzer/in bewerben. Gekeltert werden die Weine von der Gasser Weinkellerei in Ellikon an der Thur. Die Stadtweine sind bei Zweifel 1898 und im Direktverkauf erhältlich.
Direktverkauf unter stadt-zuerich.ch/wein.

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