Der «Tatort»-Umzug nach Zürich ist eine Chance

Die Limmatstadt als Filmkulisse? Das Potential ist da – wenn die Polizei auch tatsächlich mitspielt.

Hier diente Zürich als Schauplatz der Bundesstadt Bern: Dreharbeiten zur SRF-Serie «Wilder» in Oerlikon. Foto: SRF/Pascal Mora

Hier diente Zürich als Schauplatz der Bundesstadt Bern: Dreharbeiten zur SRF-Serie «Wilder» in Oerlikon. Foto: SRF/Pascal Mora

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Der Umzug des «Tatort» von Luzern nach Zürich könnte entscheidend dazu beitragen, die Stadt als Schauplatz grosser Filmproduktionen zu etablieren. Bisher ist dieser Plan nur schleppend vorangekommen. Zwar hat sich die Zahl der Drehtage in Zürich verdoppelt, seit Stadt, Kanton und Tourismus 2011 anfingen, die Strassen und Plätze um die Limmat als Filmkulisse zu vermarkten. Aber etwas ist laut einer Marktanalyse Mangelware geblieben: internationale Spielfilme oder TV-Serien, die touristische Wirkung erzielen. So wie der «Herr der Ringe», der in Neuseeland die Tourismuseinnahmen explodieren liess.

Dieser Mangel fällt ins Gewicht, denn der Werbeeffekt von Filmen ist einer der Haupttreiber hinter dem Ansinnen, Zürich auf die Landkarte der Branche zu setzen. Könnten die neuen «Tatort»-Kommissare so was wie unsere Hobbits werden? Olga Zachariadis hofft es – und mahnt zugleich: Zürich müsse sich noch gewaltig anstrengen, nur schon im Vergleich mit der Stadt Luzern. Die ehemalige Filmschaffende hat letztes Jahr den Job als Geschäftsleiterin der Film Commission Zurich gefasst, den Job einer Möglichmacherin. Als solche hat sie hier eine Menge zu tun. Bei einer Umfrage unter Filmcrews hat Zürich in wichtigen Punkten ungenügende Noten erhalten: zu langsam, zu kompliziert, zu teuer.

Lernen von den Luzernern

«Luzern wollte den ‹Tatort› unbedingt haben und hat viel investiert dafür», sagt Zachariadis. Die Filmemacher hätten dort unbürokratisch gute Drehorte erhalten, vergünstigte Hotelzimmer, Gratis-Stromanschlüsse und Parkplätze für ihren Fuhrpark. Vor allem aber dauerte es jeweils nur 24 Stunden, bis sie eine Drehbewilligung hatten. In Zürich dagegen steht auf dem entsprechenden Formular, man müsse es vier Wochen im Voraus einreichen – laut Zachariadis ist das «nicht branchenüblich».

Widerstand gibt es in Zürich auch von Dienststellen, deren Ziele im Widerspruch stehen mit jenen der Film Commission. «Wenn man auf dem Sechseläutenplatz filmen möchte, dieser fantastischen 360-Grad-Bühne, ist das ein Riesenpolitikum», sagt Zachariadis. Es fehle hier an Prioritäten und Kommunikation. «Der ‹Tatort› ist für Zürich eine grosse Chance, von Luzern die Flexibilität und Offenheit für die Filmbranche zu übernehmen.»

Das gilt auch für die Zürcher Polizei, mit der sich arrangieren muss, wer hier einen Krimi realisieren will. Nicht immer klappt das gleich gut. Susann Rüdlinger, Produzentin des Langstrassen-Dramas «Strähl», erlebte die Stadtpolizei als hilfsbereit – obwohl ihr medikamentensüchtiger Filmpolizist kaum dem Idealbild entsprach. Andere stossen laut Zachariadis auf Widerstand, wenn es etwa um den Filmeinsatz eines Wasserwerfers geht und die Polizei einen Imageschaden befürchtet. Im Fall der ARD-Serie «Zürich-Krimi», die jeweils bis zu 6 Millionen Zuschauer hatte, führten Bedenken dazu, dass die Filmemacher die Uniformen nachnähen und die Autos nachbauen lassen mussten. Schliesslich wurde zu einem Grossteil in Prag gedreht, weil das dort einfacher war. Bei der Stadtpolizei ist man sehr skeptisch, ob sich eine Reihe wie der «Tatort» in ihren Räumen filmen liesse – der Zeitaufwand sei einfach zu gross.

Für schwere Gewaltverbrechen, mit denen sich «Tatort»-Ermittler in der Regel herumschlagen, ist in Zürich aber ohnehin nicht die Stadt-, sondern die Kantonspolizei zuständig. Folgerichtig haben sich die Filmproduzenten schon vor einiger Zeit dort erkundigt, ob eine Zusammenarbeit möglich sei. Die Türen stehen offenbar weit offen: «Wir würden uns freuen, beim ‹Tatort› mitzumachen», sagt Mediensprecher Beat Jost.

PR mit frustrierten Polizisten

Die Polizei könnte etwa Originalräume, Requisiten oder Statisten zur Verfügung stellen. Sie würde auch mit fachlicher Beratung dienen, damit die Zürcher Polizeiarbeit realistisch dargestellt wird. Das habe man vor allem für Romanautoren schon oft gemacht, zuletzt für den aktuellen Zürcher Krimipreisträger Wolfgang Wettstein. Kantonspolizisten haben jüngst auch bei den Fernsehsendungen «Jobtausch» und «Notruf» vor der Kamera gestanden. «Das ist für uns PR», sagt Jost, «so machen wir unsere Arbeit transparenter und bekannter.»

Er weiss allerdings auch um den entscheidenden Unterschied zu einer «Tatort»-Folge: Die dortigen Ermittler sind als Imageträger nur bedingt geeignet. Es sind oft frustrierte, gebrochene Typen, die mit fragwürdigen Methoden operieren. In Luzern hat dies dazu geführt, dass ein Teil der Polizisten den Tag herbeisehnte, an dem der «Tatort» wieder aus der Stadt verschwindet. Diese verflogene Euphorie spiegelte sich auch in der sinkenden Bereitschaft, sich in der Freizeit in Uniform als Statist vor die Kamera zu stellen.

Die Zürcher Kantonspolizei, die oft Anfragen von Film- und Theaterleuten bekommt, hat die Zusammenarbeit auch schon verweigert, wenn sie befürchtete, dass ihr Ruf leidet. Etwa, weil sie Uniformen hätte ausleihen sollen, ohne zu wissen, was damit angestellt wird. Ein charakterlich fragwürdiger «Tatort»-Ermittler würde laut Mediensprecher Jost einer Zusammenarbeit mit den Filmemachern aber nicht im Weg stehen: «Wir sind überzeugt, dass das Fernsehpublikum zwischen der Realität und einem Krimi unterscheiden kann.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2018, 09:53 Uhr

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Tatorte für den Zürcher «Tatort»

Hotel Dolder Grand
Das Grand Hotel hoch über der Stadt ist ein bewährter Schauplatz für Krimis: Im Hollywood-Blockbuster «The Girl with the Dragon Tattoo» war es Drehort. Auch in der Realität taucht das Hotel in Krimiplots auf: So tötete 2014 ein Finanzfachmann in einem Hotelzimmer eine Prostituierte und schaffte die Leiche in einem Koffer aus dem Hotel. (Foto: Gaetan Bally/Keystone)

Paradeplatz
Die Tresorräume und Schliessfächer in den Kellern der Banken rund um den Paradeplatz sind Drehort in Dutzenden von Filmen und Romanen. Robert Ludlums «Bourne Identität» ist ein Beispiel von vielen. Tatsächlich wurden die «Zürcher» Szenen in der Bourne-Verfilmung allerdings nicht in Zürich, sondern in Prag gedreht. (Foto: Urs Jaudas)

Psychiatrische Klinik Burghölzli
Friedrich Glausers Roman «Matto regiert» spielt in der fiktiven Anstalt Randlingen. Reales Vorbild war wohl die Klinik im bernischen Münsingen, doch Glauser, der selbst insgesamt acht Jahre in psychiatrischen Kliniken verbracht hatte, dürfte auch andere Erfahrungen verarbeitet haben – wie seinen Aufenthalt in der Zürcher Klinik Burghölzli. (Foto: Samuel Schalch)

Schwamendingen
Noch nicht Dutzende Male cineastisch abgefeiert und gleichwohl ein Ort vieler Verbrechen: In Schwamendingen wurde im Dezember 2016 auf einem Spielplatz eine Leiche gefunden. Zur Realität kommt die Fiktion: Der «Mordgarten»-Krimi des Zürcher Autors Stephan Pörtner spielt in einer Genossenschaftssiedlung am Rande einer grossen Stadt. (Foto: Reto Oeschger)
(han)

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